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Kolumne: Vom Irrsinn, der als Normalität durchgeht

Fred Grimm
Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt an dieser Stelle über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Wenn ich über Mode schreibe, die möglichst umweltschonend sowie unter fairen Bedingungen produziert wird, frage ich mich, wie ich das alles nennen soll: Öko-Mode? Grüne Mode? BioMode? Öko-faire, ökoziale Mode? Ecofashion? Irgendwas mit green? Oder gar: ethisch korrekt?

„Ethisch korrekt? Ich kann’s nicht mehr hören“, erklärte mir dazu neulich eine junge Modedesignerin. Denn eigentlich sollte ihrer Meinung nach all das, für das die grüne, Öko- oder wie-auch-immer-man-sie-nennen-mag-Mode steht, Standard für die ganze Branche sein. Dass man mit giftfreien Materialien arbeitet. Dass man die NäherInnen und VerkäuferInnen fair bezahlt und sie nicht endlos schuften lässt. Dass man die Kleidung so produziert, dass sie später einmal problemlos entsorgt oder wiederverwertet werden kann.

„Warum“, fragte mich die Modefrau, „sucht man eigentlich nie nach einer Vokabel für diejenigen, die sich nicht an diese Standards halten?“ Ich muss in diesen Tagen oft an unser Gespräch denken, da wieder mal viel von „Bio-Falle“ und „Öko-Lüge“ bei Lebensmitteln die Rede ist. Im Prinzip ähneln sich diese durchaus nachdenkenswerten Geschichten. Es geht um die Frage, wie die hehren Öko-Grundsätze gegen die brutalen Marktmechanismen der Lebensmittelindus-trie bestehen können. Müssen auch die Bio-Bauern immer größere Flächen bewirtschaften, immer mehr Tiere auf immer engerem Raum halten, immer mehr Zusatzstoffe erlauben, um sich gegen die immer billigere Konkurrenz der Konventionellen zu behaupten? Und wäre Bio dann eigentlich noch seinen – höheren – Preis wert?

Bio gilt immer noch als das Besondere

Es sind Fragen, die tief an die Identität der Bio-Bewegung rühren. Und es sind Fragen, die auch deutlich machen, dass „Bio“ immer noch als das Besondere gilt, das seine Siegel, seinen Preis und seine Botschaft ständig rechtfertigen muss. Und je länger ich darüber nachdenke, umso mehr wird mir klar, wie grotesk das alles ist.

Wie weit sind wir eigentlich gekommen, dass wir mühsam das benennen und zertifizieren müssen, was eigentlich das Selbstverständlichste der Welt sein sollte? Dass eben keine Tiere gequält oder verstümmelt, mit Antibiotika vollgepumpt und zusammengedrängelt werden, damit wir Wurst oder Schnitzel essen können. Dass eben keine Gifte auf die Felder gesprüht, keine Chemiecocktails, Zuckerbomben oder Nahrungs-imitate als „gesund“ und „nahrhaft“ gepriesen oder die Inhaltsstoffe gleich ganz verheimlicht werden dürfen, wie im „normalen“ Teil der Lebensmittelindustrie üblich.

Dass ethische und ökologische Selbstverständlichkeiten die kritisch hinterfragte Ausnahme bilden, während der Irrsinn als Normalität durchgeht, ist doch die Krankheit unserer Zeit.

Erschienen in Ausgabe 01/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Katja

Hallo Herr Grimm, es ist für mich immer wieder ein Genuss Ihre Kolumne zu lesen! genial!! aufm Punkt! danke, ich bin nicht allein!

Nachdem wir in den letzten zwei Jahren selber hinreichend Erfahrungen mit dem Verfahren des wirklich teuren Zertifizierungsprozesses gemacht haben, bin ich der Meinung, dass das System falsch funktioniert. Als Start-up haben wir nur drauf gezahlt...
Ich frage mich auch ständig "Warum müssen Unternehmende, denen Umwelt und Ethik nicht egal ist, Geld für Zertifizierungen bezahlen???, während die Zerstörung des Planeten kostenlos ist....

Gerda Günther

Vielen Dank, Herr Grimm, dass Sie den Irrsinn so deutlich benannt haben. Ich jedenfalls versuche auch noch meinen Eltern und anderen zu vermitteln, dass früher die Norm war, was jetzt BIO genannt wird. Es ist schwierig, im persönlichen Umfeld erfolgreich zu sein gegen die manipulierte Meinung. Aber manche konnte ich schon überzeugen.

Johannes C. Bohlen

Sehr geehrter Herr Grimm,

danke für diesen hervorragenden Kommentar. Ich hätte ihn nicht besser formulieren können. Sie haben meiner Frau und mir aus der Seele gesprochen. In Zeiten des Irrsinns, der täglich auf uns einwirkt, endlich mal ein Beitrag mit (viel) Substanz!

Seit ich denken kann und Bio-Lebensmittel am Markt sind, denke ich immer an diesen Umkehrschluss. Warum muss ein, ohne chemischen Dünger oder weiß der Kuckuck was, gewachsener Paprika auf einmal Bio heißen? Für meine Oma war das einfach ein Paprika.
Aber ja, der Irrsinn ist Normalität.

Dieter König

Das, Herr Grimm, "predige" ich seit gut 30 Jahren! Ich konnte noch nie begreifen, warum das, was die Umwelt schont und der Gesundheit dient, laufend geprüft und zertifiziert werden muss. Wahrscheinlich hat sich das die Industrie für die "Ökos" ausgedacht. Als weitere Hürde sozusagen für umstellungswillige Landwirte, Imker und Verarbeiter. Zertifizierungsfirmen kassieren ja bei Herstellern, Großhändlern und dem Einzelhandel. Das Bioprodukt wird unnütz teurer. Was soll das also? Misstrauen? Schwarze Schafe gibt es überall, gerade bei den Kontrollunternehmen.
Ich stimme Ihnen zu: Die Krankheit unserer Zeit ist, dass Irrsinn als Normalität durchgeht!