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„The Green Lie“ – Der neue Film von Werner Boote

Der Macher von „Plastic Planet“ beansprucht mit seinem neuen Film mal wieder unser Fremdschäm-Zentrum: Denn auch „The Green Lie“ stellt alle Fragen, die anderen zu heikel sind. Ein Kompliment. 

Sie waren wirklich ein herziges Baby, Herr Boote. Das weiß ich, weil Sie in Ihren Dokumentarfilmen mitunter Ihre eigenen Kindheitsfotos als erzählerischen Kunstgriff einsetzen. Einerseits ist das natürlich eine miese Emo-Masche – die bei mir bestens funktioniert – und andererseits zeigen Sie so, dass in jedem Menschen ein Kind mit vielen Fragen steckt. Nur wenige aber trauen sich, diese als Erwachsene noch so schonungslos zu stellen wie Sie.

Manchmal möchte man sich vor Fremdschämen die Augen und Ohren zuhalten, wenn Sie einem stocksteifen Anzugmenschen auf einer Lobby-Veranstaltung eine peinlich direkte Frage stellen. Fast wie Detective Columbo aus der amerikanischen Kult-Krimiserie, dem auch kein Salon zu edel und kein Mörder zu adelig ist.

Selbst vor dem eigenen Familiengeschäft schrecken Sie mit Ihren Recherchen nicht zurück: Ihren international gefeierten Film „Plastic Planet“ aus dem Jahr 2009 beginnen Sie mit einer nostalgischen Geschichte über Ihren Großvater, der als Geschäftsführer eine Kunststofffabrik leitete. Polypropylen fließt quasi durch Ihre Adern – Darum wollten Sie umso mehr verstehen, warum Plastik in unserer aller Leben so eine dominante Rolle spielt.

So giftig ist ein Wasserball

Ihre Thesen untermauern Sie gern mit aufsehenerregenden Aktionen: Indem Sie das Blut von Freiwilligen auf Plastik testen lassen und sie mit den positiven Ergebnissen schocken. Oder indem Sie Familien aus der ganzen Welt bitten, ihren gesamten Kunststoffkram vor die Haustüre zu tragen. „So viel Plastik, so wenig Mensch“, denke ich angesichts der entstandenen Berge.

Auch einen aufblasbaren Kunststoffglobus tragen Sie als leibhaftigen „Plastic Planet“ in die schönsten Landschaften und sogar bis in ein Abgeordnetenbüro in Brüssel. Mittendrin wird klar, wie viele verbotene Farbstoffe und krebserregende Weichmacher dieser zufällig von Ihnen ausgesuchte Wasserball aus China enthält.

Zu diesem Zeitpunkt werfe ich gedanklich schon sämtliche Schnuller und das Plastikspielzeug meines Erstgeborenen in die Tonne. Nicht nur ich: Regierungen beginnen, dünne Plastiktüten zu verbannen, ein junger Niederländer startet das „Ocean Cleanup Project“ und die Aufschrift „Free from BPA“ wird zum Beruhigungsmantra aller Besorgten. Das ist auch Ihr Verdienst.

Sie stürzen Konsumenten in die Krise

Sie packen uns mit Ihren wahren Geschichten da, wo wir uns oft am hilflosesten fühlen: an der Konsumentenseele. In Ihrem aktuellen Kinofilm „The Green Lie“ zeigen Sie mit einer kurzen Szene im Supermarkt, dass wir zwischen Konservenregal und Tiefkühltruhe unbewusst Entscheidungen fällen, die tausende Kilometer entfernt verheerendes Leid erzeugen. Gemeinsam mit der Journalistin Kathrin Hartman verfolgen Sie die Spur der Packungsaufschriften und gehen dorthin, wo’s tatsächlich brennt.

Einmal über eine endlose, abgefackelte Landfläche in Indonesien, die früher Urwald war. Kein Affenschrei, keine Vogelstimme ist hier mehr zu hören, nur das knirschende Geräusch, wenn Ihre Schuhe auf verkohltes Holz treten.

Es sind diese Gänsehautmomente, die Sie am besten können. Zum Beispiel, wenn der amerikanische Biologe, der nachts nach fluoreszierenden Ölbrocken am Strand sucht, auf eine kleine Kinderfußspur inmitten einer giftigen Pfütze zeigt. Und er im Schein der Taschenlampe beweist, dass BP hinter seiner Deep-Water-Horizon-Katastrophe nie wirklich aufgeräumt hat. Was für ein Skandal, denke ich. Und weiß, wo ich künftig keinesfalls mehr tanken will.

„Lasst uns etwas ändern“, ist die Botschaft

Aber allein dabei darf man es nicht belassen; das zeigen Sie gerade mit Ihrem aktuellen Film. Nicht jedes Umweltproblem, nicht jede Ungerechtigkeit können wir mit besserem Konsum lösen – das ist der bittere Nachgeschmack Ihrer Recherchen.

Um nicht vollends zu verstören, hat „The Green Lie“ eine versöhnliche Schlussbotschaft: „Wir können trotzdem etwas ändern.“ Ihr Publikum entlassen Sie mit Bildern von furchtlosen Umweltaktivisten, wehrhaften Kleinbauern und friedlichen Demonstranten.

In der Hoffnung, dass interessierte Kinogeher zu kritischen Konsumenten werden – und schließlich zu Bürgern, die etwas bewegen.

Lesetipp: „Die Grüne Lüge“ – Kathrin Hartmanns Buch zum Film

Weitere Informationen zum Film 
Kinostart in Deutschland: 22. März 2018

Autorin: Rebecca Sandbichler 

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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