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Shary Reeves: „Helfen macht süchtig“

Shary Reeves (© Roland Breitschuh)
Shary Reeves moderiert seit vielen Jahren die WDR-Sendung „Wissen macht Ah!“. (© Roland Breitschuh)

INTERVIEW Die Moderatorin Shary Reeves ist UN-Botschafterin für Biologische Vielfalt, auch sonst ziemlich „öko“ und engagiert sich immer wieder sozial.

Wir treffen uns in einer Bäckerei in ihrem Veedel. So nennen die Kölner den Stadtteil, in dem sie leben. Bei Pfefferminztee klönen wir – im wahrsten Sinne des Wortes – über Gott und die Welt.

Wie spricht man eine Botschafterin richtig an: Eure Exzellenz?

Nein, Quatsch, ich bin Shary.

Wie wurdest Du Botschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt?

Mein Kollege Ralph Caspers und ich sind damals angesprochen worden, ob wir das machen wollen. Für mich hatte das mit unserer Glaubwürdigkeit  zu tun. Ich bin schon im Vorfeld immer wieder für dieses Thema eingestanden und habe das auch öffentlich kommuniziert. Ich habe erkannt, dass Klimaschutz einfach wichtig ist.

Bist Du denn privat auch ein Vorbild an Ökologie?

Naja, UN-Botschafterin bedeutet nicht unbedingt, dass ich der weltgrößte Klimaaktivist bin oder dass ich immer super-rücksichtsvoll mit unserer Umwelt umgehe. Aber es geht ja auch darum, dass man versucht, sich im Laufe des Lebens immer wieder selbst zu erziehen und immer etwas zu tun, um sich zu verbessern.

Wo hat sich Dein Umweltbewusstsein zum Beispiel verändert in letzter Zeit?

Vor ein paar Jahren habe ich mal ein Buch unterstützt, das hieß „500 junge Ideen, täglich die Welt zu verbessern“. Jeder sollte sich etwas aussuchen, was für ihn das Wichtigste ist. Ein Punkt in dem Buch war: „Im Supermarkt an der Kasse nie mehr Plastiktüten annehmen!“ Das habe ich mir bewusst ausgesucht, weil ich mich selbst zwingen wollte. Und dann stehst Du an der Kasse und die Kassiererin fragt: „Tüte?“, und Du denkst sofort: „Moment, das hast Du doch in dem Buch toll gefunden!“ Und deshalb habe ich seit vier, fünf Jahren vielleicht fünf Tüten angenommen, weil ich gar nichts dabei hatte, um meine Einkäufe zu verpacken.

Ist es schwierig, Menschen, besonders Kindern, Ökologie nahezubringen?

Nein, ich habe mit Dirk Lottner das eine oder andere Fußball-Camp gemacht, weil ich gerne mit Kindern arbeite. Da hatten wir einmal einen Tag, an dem es richtig heiß war, und wir haben auf Kunstrasen trainiert. Schatten? Fehlanzeige! Mir fiel auf, dass sich die Kinder beim Nachlaufen mit Wasser aus ihren Flaschen bespritzt haben. Da habe ich die mir erst mal zur Seite genommen und hab’ sie gefragt, ob die wissen, wie viel Liter Wasser man als durchschnittlicher Mensch am Tag verbraucht. Dann kam „so fünf Liter“, „maximal hundert Liter“. Und dann habe ich denen eine Zahl genannt, bei der alle direkt hellhörig wurden und die Augen aufgingen. Ich habe ihnen also gesagt: „Ein durchschnittlicher Mensch verbraucht am Tag 3 333 Liter Wasser!“ Davon allein für die Herstellung und den Transport der Lebensmittel 3 000 Liter. Pro Tag! Das ist eine erschreckende Zahl. Wenn Du denen solche Beispiele gibst, können sie das auch nachvollziehen. Danach haben sie die Flaschen zu gelassen, und die werden sich das auch gemerkt haben. Wie ich mir gemerkt habe, dass meine Mutter früher immer gesagt hat: „Mach’ das Licht aus!“ Wenn Du das als Kind hörst und es logisch ist, dann merkst Du Dir  das ein Leben lang.

Wie hältst Du es beim Einkaufen? Bio?

Ja, da achte ich persönlich sehr drauf; da ist mir Bio wichtig, also die bewusste Ernährung, gerade wenn es um Gemüse geht. Obwohl es nicht immer günstig ist. Ich kann halt sehr gut kochen, das habe ich von meiner Mutter gelernt oder abgeguckt. Und seit ich von meiner Autoimmunerkrankung weiß, gehe ich noch öfter in den Bio-Laden, weil ich da viel mehr Auswahl an Produkten habe.

Welche Erkrankung hast Du?

Vor vier, fünf Jahren bin ich zum Arzt gegangen, weil ich extrem oft müde war und ich vermutet hatte, dass ich ein Burnout habe. Ich hätte den ganzen Tag schlafen können. Der Arzt hat die üblichen Tests gemacht: Blutabnahme, Laufband, Fahrrad und so weiter. Da hat sich ergeben, dass ich gegen fast die Hälfte aller Lebensmittel allergisch bin. Und bei einer Spiegelung wurde festgestellt, dass meine Darmzotten abgeflacht sind und ich eine latente Zöliakie habe. Deshalb ernähre ich mich jetzt glutenfrei; da finde ich im Bio-Laden viele Produkte.

Also achtest Du jetzt noch mehr auf Ernährung?

Ja, mir ist auch klar geworden, dass wir fast nur noch Fertigprodukte essen. Das ist etwas, was viele Menschen überhaupt nicht registrieren. Die kaufen Käse oder Joghurt und meinen, das ist frisch. Aber das ist ein Fertigprodukt. Das ist nicht mehr roh. Oder, noch schlimmer: Überall ist Zucker drin! Zucker ist eine Droge. Da kann mir die Zuckerindustrie erzählen, was sie will. Selbst wer Wurst kauft und auf die Verpackung guckt: Da steht „Zucker“.

Du machst sehr viel in Sachen soziales Engagement und Charity.

Ja, ich kann nicht anders. Das ist wie eine Sucht. Ich muss Menschen helfen, weil, meine Großmutter, die leider vergangenes Jahr verstorben ist, die war einfach so. Ich bin zum Teil in einer Pflegefamilie aufgewachsen. Das war meine Pflegeoma. Sie war eine unfassbare Persönlichkeit: Das war eine Frau, die hatte so viel Herz und hat einfach so viel für andere Menschen getan. Sie war mein absolutes Vorbild. Und meine Mutter macht das auch: Sie hat in Tansania, wo sie herkommt, ihre alte Schule wieder aufgebaut für mittlerweile ca. 300 Kinder mit Essen, mit Hausaufgaben­betreuung. Mein Vater hatte auch so eine soziale Ader: Er war Professor der Philosophie und hat in Köln damals seinen Doktor gemacht. Später hat er dann in Afrika Studenten zum Teil finanziert, von denen er dachte, dass sie Potenzial hätten. Diese Charity-Geschichte liegt ein bisschen in der Familie. Und ich finde es selbstverständlich zu helfen: Wenn Du helfen kannst, dann musst Du helfen. Aber ich weiß auch: Mit jedem kleinen Bisschen, was ich helfe, kriege ich von Gott etwas zurück. Das ist meine Einstellung zum Leben, die war immer schon so. Ich habe so viel Glück in meinem Leben gehabt. Da kann ich doch gut etwas davon an andere weitergeben.

Und wenn bei Dir mal was nicht klappt?

Wenn ich falle, stehe ich auf, und dann geht’s weiter. Et es, wie et es, un et kütt, wie et kütt. (Anm. d. Red.: Zitat aus dem Kölschen Grundgesetz: Es ist, wie es ist, und es kommt, wie es kommt.)

Manfred Loosen und Shari Reeves (© Privat)Schrot&Korn-Redakteur Manfred Loosen traf Shary Reeves bei ihrem Bäcker im Veedel. (© Privat)

Zur Person: Shary Reeves ...

Shary Reeves (© Roland Breitschuh)
(© Roland Breitschuh)

... ist in Köln geboren und aufgewachsen. Sie moderiert seit 2001 mit Ralph Caspers die WDR-Sendung „Wissen macht Ah!“ und viele Veranstaltungen, auch – und vor allem – wenn es um Klimaschutz und/oder Kinder geht. Außerdem arbeitet Shary Reeves als Autorin und Schauspielerin.

Im vergangenen Jahr bekam sie für ihr Engagement den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. In den 90er-Jahren bildete sie mit ihren Geschwistern die Hip-Hop-Gruppe „4 Reeves“. Damals spielte sie auch professionell Fußball. Seit 2011 ist Shary Reeves Botschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt.

Erschienen in Ausgabe 01/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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