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Kolumne: Mich freut alles, was sprießt

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Nur den Fantasiebegabtesten unter uns ist es vergönnt, beim Blick auf kahle Januarbäume vom frischen Frühjahrsgrün zu träumen. Oder überall werdende Blumen zu sehen, statt Matsch. Aber selbst mir fällt auf, wenn sich in diesen ungemütlichen Tagen vor unserem Haus kleine grüne Büschel zwischen den Gehwegplatten ans Licht kämpfen. Irgendwie tröstlich, dass die Natur mit unbedingtem Lebenswillen immer einen Weg findet. Dachte ich jedenfalls.

Bis mir kürzlich eine Gartenzeitschrift in die Hände fiel. Ich muss an dieser Stelle vielleicht einschieben, dass ich von Gärten und erst recht vom Gärtnern noch weniger Ahnung habe als der neue US-Präsident von Außenpolitik. In diesem Zustand seliger Unbildung freue ich mich daher grundsätzlich erst mal über alles, was sprießt.

Doch nach Lektüre besagter Gartenzeitschrift („So vernichten Sie die grüne Plage“) und nach Rücksprache mit einigen Freunden, die sich als Kleingärtner versuchen, habe ich gelernt, dass das Wort „Unkraut“ offenbar noch schwerer auszurotten ist als der Wildwuchs selbst. Das unbefugte Wuchern von Löwenzahn oder Wegerich auf kunstvoll angelegten Kleinrasenflächen bringt auch die sensibleren Naturen unter meinen Gärtnerfreunden an den Rand der ökologischen Selbstachtung. Einer meiner besten Freunde hat nach vergeblichem Gezupfe und Gegrabe sowie Experimenten mit Heißwasser- oder Essiglösungen inzwischen „Rücken“ und setzt chemische Kampfmittel gegen die Störungen seiner Gartenplanung ein.

Eine andere Freundin lässt sich von Klee und Brennnessel zur Weißglut treiben und kämpft Wochenende um Wochenende dagegen an, „dass der Garten verkommt“. Sie hält Vorträge darüber, wie brutal und nachhaltig die unerwünschten Pflanzen den Schönen, den Nützlichen im Garten das Dasein verleiden – womit wir wieder beim neuen US-Präsidenten wären, aber ich schweife ab.

Unkraut vergehe! Oder ist Wildwuchs doch ganz schön?

„Ein Unkraut ist nichts anderes als eine ungeliebte Blume“, hat die Autorin Ella Wheeler Wilcox einmal geschrieben. Ein Satz, der mich sofort für all die Gänseblümchen, Vogelwicken, Eselsdisteln einnimmt oder was immer da als „spontane Begleitvegetation in Kulturpflanzenbeständen, Grünland oder Gartenanlagen“ (Wikipedia) um seine Lebensrechte kämpft.

Inzwischen gibt es ja auch schon Bücher über die unerwünschten „Beikräuter“, wie der politisch korrekte Name zu lauten scheint. Die meisten dieser Pflanzen kann man demnach sogar als leckere Beilagen kochen, sie in den Smoothie-Mixer werfen  oder man kann zumindest der Insektenwelt damit eine Freude machen, wenn man sie einfach stehen lässt. Ich habe ja, wie bereits erwähnt, von Gärtnern keine Ahnung. Aber mein Gefühl sagt mir, dass ein kleines bisschen Wildheit manchmal auch den besten Garten verschönern kann.

Erschienen in Ausgabe 01/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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incl. 'http://'

Um die Zwischenbemerkungen zu einem gewissen Herrn aus dem Kopf zu kriegen, stelle ich meine Anmerkung an den Beginn meines Kommentares:
10. Dezember 2016 | "Begebenheiten über Donald Trump, von denen keiner berichtet"
Wer mag, nehme sein Taschentuch zur Hand. Es werden einige berührende und bewegende Anekdoten aufgezählt.
http://www.dzig.de/Donald-Trump-gesammelte-Werke

2009 wohnte ich auf einem Grundstück eines Lesers von Schrot & Korn - Die Anzeige war auf Naturkost.de erschienen - und pflegte Buschwerk mit Folie und Rindenmulch, damit den "Wilden" der Lebensraum fehlt und demzufolge auch vielen Insekten in und auf der Erde, die manche sogar Mutter Erde nennen. Den Rasen musste ich regelmäßig kurz halten und die Kanten zu den Begrenzungssteinen sauber von Gras befreien. Aber was für eine Freiheit ist das?

Seit 2013 wohne ich in einem verwilderten Garten, der in den dreißiger Jahren von einem talentierten Gärtner angelegt worden war. Abhängig vom Wetter und der Bodenqualität wachsen jedes Jahr andere Pflanzen - wilde und kultivierte. Ich halte die Wege frei und dort, wo ein Busch oder ein Baum zuviel Sonnenlicht vom Boden fernhält, greife ich ein. Immerhin beginnt unmittelbar am Haus ein dichter und über hundert Jahre alter Mischwald mit vielen Eichen und anderen Laubbäumen. Nadelbäume und Obstbäume ergänzen das Ensemble.

Trotzdem gibt es Menschen, die mich tadeln, wenn ich mal wieder "einen Baum getötet" habe.

Hier, auf knapp 12.000 qm, fühle ich mich wesentlich wohler als auf den wenigen hundert qm mit Architektenpetersilie 2009. Warum wohl?

Ulrich Dittmann

Schön geschrieben!

Nur sollte F.Grimm seine persönliche Antipathie gegen den US-Präsidenten Trump, nicht - mit religiös anmutender Inbrunst – ungeschickt und unpassend in eine Kolumne packen, die sich mit sprießenden Gartenpflänzlein beschäftigt.

Das ist so überflüssig wie ein Kropf, lieber Herr Grimm !

Nadja

Vielen vielen Dank für Ihren so gelungenen Beitrag, lieber Herr Grimm. Auch ich erlebe das immer wieder im Freundes- und Familienkreis, dass dem ungeliebten "Unkraut" oder "Beikräutern" mit allen erdenklichen Mitteln nachgestellt wird. Dabei finde ich geht nichts über den Anblick eine schönen Wildblumen-und Kräuterwiese über dem die Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Schwebfliegen und deren Verwandten schwirren und am Boden auch das pure Leben herrscht! Ein Zuhause für alle!
Spiegeln sich auch hier vielleicht Ansichten unserer Gesellschaft wieder?
Nur das "normale" was dem "Standard" entspricht ist schön und wird akzeptiert? Doch was ist "normal"? Wer definiert was "Standard" ist?
Dabei ist die Natur so voll von bunter und schöner Vielfalt. Wir sollten eher wieder lernen diese Schönheit zu sehen und schätzen. Anstatt sie zu vernichten, weil sie uns fremd geworden ist.

christina magro

Fred Grimm ist einfach wunderbar und SO EHRLICH..Ich lese die Schrot und Korn auch immer(wie manch andere Leser) von hinten..ich kann einfach nicht abwarten,Gute Laune zu kriegen.