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Kolumne: Kompostier dich selber!

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Wenn es um die beliebtesten Monate des Jahres geht, steht der November nicht gerade an der Spitze. Der Mai? Ein Selbstläufer.

Die Natur zeigt sich von ihrer besten Seite, alles blüht, es wird endlich wärmer. Der April ist so etwas wie der kleine Bruder vom Frühling, auch schön. Der Dezember lebt vom feierlichen Zauber und die Sommermonate sind ohnehin die beste Zeit für zukünftige Erinnerungen. Aber der November? Gefühlt ein einziger, lang gezogener Totensonntag. Also genau die richtige Zeit, um an den Tod zu denken. Nein, nicht an den Schrecken und die tiefe Traurigkeit, die mit ihm zusammenhängt. Dafür wäre eine Kolumne der falsche Ort. Mir geht es um die faszinierende Ökologie des Todes und um den ewigen Kreislauf des Lebens.

Beim Waldspaziergang im November schmeckt man diese ganz besondere Luft des Herbstes. Eine Art zweiter Frühling, nur eben umgekehrt, bei dem nicht alles blüht und aufbricht, sondern still vergeht. Für die vielen kleinen Lebewesen, die unsere Welt eben auch bevölkern, beginnt in dieser Zeit das große Festmahl. Blätter, Kastanien, von den Herbststürmen herunter gewehte Zweige, vergessene Sommerfrüchte – alles wird zersetzt, entgiftet, kompostiert.

Vor ein paar Monaten habe ich einen Dokumentarfilm über die sogenannten „Body Farms“ gesehen. Auf den ersten Blick sind das etwas befremdliche Einrichtungen, in denen erforscht wird, wie sich menschliche Körper nach ihrem Ableben unter den verschiedensten Bedingungen entwickeln. Ich erspare Ihnen Details – auch wenn Sie wahrscheinlich zu den 13 Millionen Deutschen gehören, die sich regelmäßig Professor Boernes rechtsmedizinische Vorträge im „Tatort Münster“ anhören.

Nur so viel: Es hat etwas Tröstliches, beinahe Romantisches, wie friedlich und konsequent wir eins werden mit der Natur, wenn man uns nicht in Särge sperrt oder mit gewaltigem Energieaufwand verbrennt. Jae Rhim Lee, eine amerikanische Künstlerin und Unternehmerin, treibt diese ökologische Asozialität unserer Bestattungskultur seit Jahren um. Nach zahlreichen Versuchen hat sie jetzt einen „Infinity Burial Suit“ fertig entwickelt, der uns nach unserem Tod der Natur zurückgeben soll. In dem hübschen Baumwollanzug, der aussieht wie eine Mischung aus flauschigem Pyjama und Mao-Suit, werden mehrere Sporen mit speziellen Pilzkulturen eingewebt, die uns innerhalb weniger Monate rückstandsfrei kompostieren und dabei auch noch den Anzug vertilgen. Der „Infinity Burial Suit“ steht für eine tiefe Gelassenheit, die Unausweichlichkeit unserer Vergängnis zu akzeptieren. Für mich ist das eine ideale Vorstellung: eine Art Zero-Waste-Nirwana, das sich leise einfügt in den ewigen Kreislauf. Genauso unaufdringlich und unschädlich, wie wir schließlich auch leben sollten.

Erschienen in Ausgabe 11/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Als Benutzer einer hauseigenen Biokläranlage gehe ich noch einen Schritt weiter, um Spülwasser zu sparen, denn durch den Garten und den Wald am Haus sehe ich täglich, wie alles verwertet und nichts verschwendet wird. Trotzdem bevorzuge ich, sterbende Wildtiere zu begraben, damit keine fliegenden Insekten zu einem gesundheitlichen Problem werden.

Weil ich aufgrund meiner Randlage Brennholz bereite, ohne durch den Qualm Nachbarn zu belästigen, habe ich Sägespäne, die kombiniert mit Stuhlgang, Obst- und Gemüseresten einen erstklassigen Rohstoff für meine beiden Komposter bilden.

Noch nie haben mir Kartoffeln so gut wie die geschmeckt, die ich letzte Woche geerntet habe.

So lange wie Sporen keimfähig bleiben, könnte man sich glatt einen „Infinity Burial Suit“ auf Vorrat kaufen, um sich selbst auf diese Weise bestatten zu lassen. Da ich noch nichts von dieser Möglichkeit wusste, bedanke ich mich für diese wertvolle Anregung!

Nadja

Ein sehr kluger und konsequent gedachter Artikel - bleibt nur zu hoffen, dass sich besagter Bestattungsanzug möglichst bald auch bei uns durchsetzt! Danke, Fred Grimm, für Ihre inspirierende Kolumne!!