Anzeige

Anzeige

Kolumne: Würmer in sexy Dessous

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Das nenne ich mal eine Herausforderung: „Wir müssen“, sagt der Kompostkübeldesigner Benjamin Watson, „das Thema Kompostierung sexy machen“. Auch die Firma „Soulbottle“ hat sich viel vorgenommen: „Leitungswasser muss endlich sexy werden“. Und wenn Sie sich als Bio-Ladenbesitzer auf der Nürnberger Bio-Fach-Messe herumtreiben sollten, finden Sie dort eine „Turnaround-
Beratung“: „Kreative Impulse, mit denen Ihr Laden für die Kunden sexy wird.“ Ein paar Hallen weiter lockt ein Nougatriegel-Hersteller mit „viel Geschmack“ und einem „sexy Preis“. Wahrscheinlich 66 Cent.

Alles muss „sexy“ werden. Recycling? „Müssen wir sexy machen“, sagt der Rohstoff- experte. Ebenso „grünes Banking“, „nachhaltigen Kleidungskonsum“, Elektromobilität, Bürogebäude („mit Solarstrom sexy machen“). Dazu „fleischlose Gerichte“, Holzhackschnitzelheizungen und den öffentlichen Nahverkehr im Saarland. Denn auch Busse und Bahnen müssen – laut Saarländischem Rundfunk – „sexy werden“. Nicht zu vergessen das Gärtnern („in Deutschland endlich sexy machen“) und die Makroökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle. „Wir müssen uns Gedanken machen, was unsere Forschung sexy macht“, fordert der Chefprofessor.

"Ich weiß gar nicht 
mehr, wo mir 
der Kopf steht"

Nur zur Beruhigung: Karotten haben bereits das gewisse Etwas. „Karotten machen sexy“, wirbt jedenfalls ein süddeutscher Obstkistenversand. Desgleichen Naturkosmetik („macht Bräute sexy“) und, wenig überraschend, Unterwäsche in Bio-Qualität („Öko ist das neue Sexy!“). Was das ganz große Ganze betrifft, ist man sich allerdings noch nicht sicher. „Nachhaltigkeit ist sexy“, behauptet die wunderbare Vaude-Outdoorfashionpionierin Antje von Drewitz. Dagegen sagt der Nachhaltigkeitsberater Wilcken aus Hamburg: „Wir müssen Umweltthemen sexy machen, sonst interessieren sie nicht.“ Vor lauter Sexyness weiß ich gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und frage mich, ob denn die grüne Sache wirklich unbedingt „sexy“ sein oder werden muss.

Was ist das eigentlich – „sexy“? Sind das Kompostwürmer, die sich – in Bio-Dessous – über gammelige Nougatriegel hermachen? Oder scharfe Makroökologen, die sich halbnackt auf Holzhackschnitzelstapeln wälzen? Die Penetranz, mit der manch grüne Trommler „Sexyness“ einfordern, unterstreicht ungewollt ihre Harmlosigkeit. Sie bewegen sich in den Konventionen unserer Zeit, die (lebens)wichtige Alternativen zum herrschenden System nur zulässt, wenn sie sich auch hübsch aufgedreht und angepasst präsentieren. Wer unbedingt „sexy“ sein will, braucht den fremden Blick, weil er selbst an seine Sache nicht mehr glaubt.

Der Widerstand gegen den irrsinnigen Kohleabbau im Hambacher Forst ist wahrscheinlich alles andere als sexy. Genauso wenig wie das Unkrautzupfen auf dem Demeterhof. Mir ist das lieber.

Erschienen in Ausgabe 02/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'