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Kolumne: Vom Essen und Nichtessen

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von
„Shopping hilft die Welt
verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze –
und das, was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Es soll ja Menschen geben, die schon jetzt, im November, mit den Vorbereitungen der Festtagsmenüs beginnen. Zwar habe ich gerade erst wieder eine Umfrage gelesen, nach der die meisten Deutschen zu Weihnachten noch immer die schlichte Variante Kartoffelsalat mit Würstchen bevorzugen. Doch das hält eine kleine, feine Minderheit nicht davon ab, zum Ende des Jahres kulinarisch noch einmal alles aufzufahren, was die Rezeptbücher hergeben.

Da werden ausgefallene Gewürze im asiatischen Supermarkt vorbestellt, deren Namen nicht mal die chinesische Verkäuferin kennt. Oder man lässt beim Fleischer des Vertrauens schon mal das argentinische Bio-Rinderfiletstück aushängen, damit es am Heiligen Abend so zart gereift ist, dass man es auch mit den Lippen kauen könnte. 

Ein paar Unerschrockene wollen sich in diesem Jahr sogar erstmals an frittierte Pfeffer-Grillen oder Heuschrecken in Backteig wagen. Auch geröstete Mehlwürmer mit Avocado seien einen Versuch wert. Insekten, betonen sie, hätten als Eiweißträger eine wesentlich bessere Ökobilanz als Tofuschnitzel oder der klassische Weihnachtsbraten. Und lecker sind sie sowieso. Sagen sie.

Essen gilt im Silicon Valley zunehmend als Zeitverschwendung

Alles Gedanken, die wir uns zukünftig nicht mehr machen müssen, wenn sich der jüngste Trend aus dem Silicon Valley auch bei uns durchsetzt. Essen gilt dort zunehmend als Zeitverschwendung, die einen nur von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens abhält. Techie-Idol Elon Mask etwa, der Mann hinter dem schnittigen Elektrosportwagen Tesla und einem Raumfahrtprojekt zur Besiedelung des Mars, beklagte sich schon vor Jahren darüber, dass ihn die ständigen Mahlzeiten an der Arbeit hindern würden. „Gäbe es doch nur einen anderen Weg, die nötigen Nährstoffe aufzunehmen!“ 

Gibt es jetzt, versprechen kalifornische Start-ups, die mit ihren Rezepturen für künstliche Ersatzmahlzeiten Investoren
anlocken wie der Obstkuchen im Sommer die Wespen. Alle Nährstoffe, Proteine und Kohlehydrate drin, die der Mensch so braucht, behaupten die Hexenköche. Die Wunderpulver, die man nur noch mit Wasser oder Milch mischen muss, tragen Namen wie Soylent, People Chow oder Schmilk, sehen aus, wie sie heißen, und schmecken auch so. Schmilk zum Beispiel erinnert an das, was man zum Ausbessern malträtierter Wände benutzt. Passend dazu mundet der Powerdrink leicht gipsig im Abgang. 

Aber der anvisierten Zielgruppe – junge Programmierer, Start-up-Gründer, Finanzakrobaten mit 120-Stunden-Wochen – dürfte nichts egaler sein als der Geschmack. Für sie suggeriert der konsequente Gebrauch von Labornahrung die höchste Entwicklungsstufe des Menschseins, auf der keine Zeit mehr mit Überflüssigkeiten wie Essen, Schlaf oder Feiertagen verschwendet wird. Dann doch lieber Heuschrecken im Backteig. 

Erschienen in Ausgabe 11/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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