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Kolumne: Schöne Grüße an Pascale

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Neulich hatte ich ein interessantes Gespräch über Spinnen. Ein Freund zeigte iPhone-Fotos von einem ziemlich fetten Exemplar, das auf seiner Couch gestrandet war. „Iiiiieeh!!“ „Der Horror!“ Und dann erzählte jeder aus der Runde seine Gruselgeschichte: Wie ihm einmal eine Spinne in den Mund gekrabbelt sei, wie sich die Hoteldusche als Spa für eine ganze Spinnenkolonie entpuppt habe, oder, der Klassiker: das Spinnennetz im Haar, wo man noch drei Wochen lang jeden Morgen nachschaut, ob da nicht doch Eier drin gelegt worden waren.

Ich konnte zu diesem Wettstreit der Arachnophobiker nicht viel beisteuern, ganz im Gegenteil. Kleintiere aus der Klasse der Arachnida (endlich kriege ich dieses Wort mal in einem Text unter) sind mir eigentlich eher sympathisch. Sie sind leise und verströmen keine unangenehmen Gerüche. An Spinnengift dürften in Deutschland im Jahr weniger Menschen sterben als aus Langeweile während einer „Tatort“-Folge. Webspinnen erscheinen mir sogar ausgesprochen fleißig und auch die dezente Fortpflanzung einiger Spinnentiere hat was (die Männchen legen ihr Sperma irgendwo ab und die Damen versorgen sich damit bei Bedarf). Und sie beflügeln meine Fantasie. Ich bin da ganz sicher: Eine Spinne, die unlängst meinen Arm hochhuschte, war in Wirklichkeit eine schwarz gekleidete Existenzialistin namens Pascale, die sich Ende der 50er-Jahre in einem verrauchten Pariser Nachtcafé vorgestellt hatte, wie sie – in eine Spinne verwandelt – in das Jahr 2017 reist. Et voilà!

Der ebenfalls in eine Spinne verwandelte Hubert wohnt als Dauergast bei uns im Keller. Ursprünglich ein ordnungsliebender Pensionär aus dem Siegerland frönt er jetzt seiner Leidenschaft, indem er besonders akkurate Spinnenweben in die Deckenecke zaubert; in Ruhe gelassen von einer Welt, die sich nicht ins Kellerdunkel traut, und auch von mir. Zum Leidwesen meiner Frau, die mir den tief empfundenen Respekt vor anderen Lebewesen als Unlust auslegt, endlich mal den Keller sauber zu machen.

„Keller sauber machen oder Spinnen einen Namen geben? Ich bin für Namen“

Nun bin ich niemand, der als Zeichen seiner grenzenlosen Tierliebe am liebsten auch noch Amöben streicheln würde. Gleichwohl fasziniert mich die Vorstellung, dass die Welt, wie ich sie sehe, eben nur eine Variante von über sieben Milliarden Welten ist, die zeitgleich in den verschiedenen Köpfen entstehen. Dazu kommen noch geschätzte 14 Trillionen Tiere, die ihre Welt dann auch noch mal ganz anders erleben als wir.

Die Wucht dieser Zahlen, die Unendlichkeit der damit verbundenen Vorstellungskraft, erfüllt mich regelmäßig mit Demut. Sie erinnert mich daran, wie reich wir eigentlich sind. Wenn Sie also das nächste Mal eine besonders grazile Spinne durch ihre Wohnung huschen sehen, schreien Sie nicht gleich los, sondern freuen Sie sich lieber über den Besuch.

Und grüßen Sie bitte Pascale von mir!

Erschienen in Ausgabe 11/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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Karen

Großartiger Kommentar! Ich beherberge seit einigen Jahren eine Familie von Weberknechten, die als Jagdinsekten sicher irgendwelche unsichtbaren Silberfischchen dezimieren. Nächste Woche bekommen sie Namen. Ich muss nur erst mal schauen, wer sie wirklich sind ;-)