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Kolumne: Neurotiker, Sparfüchse und Minister Schmidt

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Zu den verlässlichen Konstanten in unserem Küchenregal gehört, dass beim Kochen immer genau das Gewürz fehlt, das man gerade braucht. Obwohl sich da bereits über fünfzig Tütchen, Döschen und Gläschen drängeln. Mit einer weiteren Konstante ist es allerdings seit Kurzem vorbei. Der hübsch verpackte Kräutertee mit der aufdringlichen Schleife ist nicht mehr. Sie kennen das bestimmt: Diese eine Packung, die da ewig ungeöffnet herumsteht. Irgendwie nimmt man immer wieder den Tee direkt daneben oder den dahinter, weil die Packung schon offen ist oder die Gäste lieber Darjeeling trinken wollen. Und so entrückt dieser eine Kräutertee allmählich den üblichen Verbrauchszusammenhängen. Bis man eines Tages den Aufkleber am Packungsboden sieht: „Mindestens haltbar bis 12/2009“.

Mindesthaltbarkeitsangaben sind tückisch und sie wecken nicht das Beste in uns. Im Supermarkt sieht man Frischeneurotiker am Kühlregal, wie sie die Joghurtbecher von ganz hinten hervorkramen, weil die erst in vier Wochen „ablaufen“ statt in zwei wie die von vorn. Oder Sparfüchse, die wütend zur Kasse rennen und einen Rabatt einfordern, weil der Vanillepudding „schon morgen!“ verdorben sei. Man sieht Teenagergesichter, die sich von Vorfreude in lähmendes Entsetzen verfärben, wenn die Milch, die sie sich gerade einschenken wollen, genau einen Tag hinter dem verfänglichen Datum liegt. E.Kel.Haft. Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jährlich weggeworfen. Das meiste davon noch absolut genießbar, aber durch das ominöse Datum mit dem Makel des vermeintlichen Verfalls behaftet.

„Mindestens haltbar bis …“ diese Angabe weckt nicht das beste in uns

Nun besagt das Mindesthaltbarkeitsdatum nichts anderes als die garantierte Produktqualität bis zu diesem Tag. Nicht zu verwechseln mit dem empfohlenen Verzehrdatum, etwa bei Fleisch, das man eher nicht ignorieren sollte. Unser Landwirtschaftsminister Christian Schmidt schlägt mit seinem unnachahmlichen Talent, bestehende Probleme durch neue zu ersetzen, bereits vor, Lebensmittelpackungen zukünftig mit einem elektronischen Chip auszustatten. Der soll dann mittels entsprechender Verfärbung anzeigen, ob der Joghurt im Becher trotz abgelaufener Mindesthaltbarkeit noch verzehrfähig ist oder nicht. Und kommendes Jahr entwickelt Herr Schmidt dann sicher noch einen Gedanken, wie wir den ganzen Elektrochip-Müll wieder loswerden können.

Manchmal denke ich daran, wie es wohl wäre, wenn wir Menschen bei der Geburt ein ganz persönliches Mindesthaltbarkeitsdatum verpasst bekämen. Nicht zu verwechseln mit dem Verfallsdatum, das bei den meisten von uns ja leider bereits zu Lebzeiten einsetzt. Sondern als grobe Orientierung, wie lange mit einem ungefähr zu rechnen ist. Was würden wir tun, wenn der Tag erreicht ist, man sich aber eigentlich noch recht munter fühlt?

Erschienen in Ausgabe 02/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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