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Kolumne: Mein Waldmonat ist der Oktober

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Wenn es um den Waldspaziergang geht, hat ja jeder seine Lieblingsjahreszeit. Die einen schätzen den knirschenden Schnee im Winterwald, diese nie endende Weihnachtsstimmung, diese Momente der Stille, weil die Waldvögel gerade im Süden singen und andere Spaziergänger bei der Kälte lieber zuhause bleiben. Andere lieben den Frühling. Das ins Sonnengelbe strahlende frische Grün, die Euphorie des wieder erwachten Lebens. Mein Waldmonat beginnt jetzt, im Oktober: Manchmal verirrt sich noch ein bisschen Spätsommersonne in den Wipfeln. Das erste Herbstlaub bildet braungrüne Teppiche. Und in der würzigen Waldluft, die immer öfter nach Winterkälte schmeckt, holen wir uns Kraft für die kommenden dunklen Tage.

Der Herbst, über dem ja immer der Hauch der Vergänglichkeit hängt, ist der ideale Zeitpunkt für ein paar Gedanken zu unseren Wäldern. Unser romantisches Bild vom Wald, der glücklich vor sich hin wuchert und modert, hat mit der Wirklichkeit nur wenig gemein. Der Holzeinschlag hat seit 2015 um über 50 Prozent zugenommen. Deutschland ist inzwischen hinter Schweden und Finnland der drittgrößte Holzproduzent; Holz, das übrigens seit kurzer Zeit zu größeren Anteilen verheizt wird statt verarbeitet. 60 Prozent der hierzulande gefällten Bäume gehen inzwischen „durch den Kamin“, hat die „Zeit“ errechnet. Der Wald ist ein „Wirtschaftsraum“, heißt es, und die deutsche Holzindustrie freut sich über steigende Jahresumsätze von über 30 Milliarden Euro.

Doch kurzfristige Profitoptimierung liegt immer im Widerspruch zum Wesen des Waldes. Denn eigentlich entsteht er in einem Jahrzehnte, ja Jahrhunderte, wirkenden Zusammenspiel aus Werden und Vergehen. Tote Eichen oder Buchen bilden den unverzichtbaren Lebensraum für Kleintiere, Pilze und sonstigen Bewuchs. Die Zersetzungsarbeit seiner Bewohner verwandelt die Baumstämme in die fruchtbaren Böden der Zukunft, in der sich der Mischwald – ohne unseren Einfluss – immer wieder selbst erneuert und zerstört.

Unser romantisches Bild vom Wald hat mit der Realität wenig gemein

Bis zum Jahr 2020 sollten daher, einem Plan der Bundesregierung zufolge, fünf Prozent des deutschen Waldes sich selbst überlassen werden – als Urwald von morgen. Tatsächlich liegen wir heute erst bei nicht mal zwei Prozent. Das Ziel ist so fern wie die Zeit, in der unser Land noch zu 90 Prozent von wilden Bäumen bewachsen war.

Denn im deutschen Wald soll es aufgeräumt zugehen. Gepflanzt werden Plantagen rasch wachsender Fichtenkolonien, gefällt wird ganzjährig und auf herumliegendes Totholz reagieren viele Waldbewirtschafter so hysterisch wie Sauberkeitsfanatiker auf Wasserflecken in der Spüle. Dabei lehrt uns der Wald, dass der Tod zum Leben gehört wie die Sonne zum Wachsen und dass die Zeit, viel Zeit, immer noch die größten Wunder vollbringt.

Erschienen in Ausgabe 10/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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