Anzeige

Anzeige

Kolumne: Kuscheln Sie noch oder streiten Sie schon?

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Das meiste in meinem Leben habe ich von Menschen gelernt, die anderer Meinung waren als ich. Ich erinnere mich an Diskussionen mit meinem stockkonservativen Deutschlehrer, der Argumente nur akzeptierte, wenn sie sprachlich geschliffen vorgetragen wurden.

Mit meinem Opa stritt ich als Jugendlicher darüber, warum der 8. Mai 1945 ein Sieg war und keine Niederlage – wie er behauptete. Dabei erfuhr ich mehr über die deutsche Mentalität jener Jahre als im Geschichtsunterricht.

Und nach meinen ersten Klimawandel-Diskussionen mit einem Ist-doch-gut-wenn-es-wärmer-wird-Vertreter wurde mir klar, dass ich die Fakten doch noch nicht so beisammen hatte, wie ich glaubte. Also legte ich eine gründliche Recherche-Runde ein.

Dass es hilft, die Welt mal aus ganz anderer Perspektive zu betrachten, ist eine Binsenwahrheit. Aber tun wir das auch? Wie oft kommen wir heute noch in die Verlegenheit, uns mit anderen Vorstellungen aus-einanderzusetzen? Wer sich häufig auf Facebook bewegt, wird feststellen, dass die Meinungen, die er zu Gesicht bekommt, immer homogener werden. Nach einem bestimmten Schlüssel wählt Facebook bevorzugt solche Kommentare, Bilder oder Videos aus, bei denen eine möglichst hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass wir sie „liken“.

Nichts Kontroverses soll unsere Timeline kreuzen. Auf diese Weise landen wir in einer riesigen digitalen Kuschelblase, die uns das trügerische Gefühl vermittelt, ein großer Teil der Welt denkt und fühlt genauso wie wir. Im echten Leben ist das oft nicht anders.  Ich fürchte, dass es viele ökologische Positionen auch deshalb so schwer haben, weil wir verlernt haben, mal das Gegenteil zu denken. Viele fühlen mehr Empathie mit einer Legehenne in der Eierfabrik als mit Menschen, die so arm sind, dass sie sich nur noch das Billigste vom Billigsten leisten können. Als ob die damit ihr Recht verwirkt hätten, gesunde Lebensmittel zu erwarten.

Allzu oft gibt es in unseren Diskussionen nur noch schwarz oder weiß, obwohl die Lösung bei vielen Fragen eher ins Graue changieren dürfte. Die Debatten(un)kultur unserer Talkshows spiegelt dieses Unvermögen wider: öde Spektakel, so vorhersehbar wie ein Bundesligaspiel mit dem FC Bayern.

Stell dein Denken auf den Kopf – das hilft grauen Zellen auf die Sprünge

Wenn ich für das Fernsehprogramm nach der Sommerpause einen Wunsch freihaben dürfte, dann wünschte ich mir ein ganz neues TV-Format: Eine Stunde lang müssten Politiker, Aktivisten und Prominente sich möglichst überzeugend für das Gegenteil von dem einsetzen, was sie sonst immer erzählen. Ein Markus Söder etwa streitet dann für eine humane Flüchtlingspolitik, ein Christian Lindner für die fahrradfreundliche Stadt und eine Claudia Roth für Arbeitsplätze im Steinkohlebergbau.

Also, ICH würde das gucken. Und endlich wieder was vom Fernsehen lernen.

Erschienen in Ausgabe 08/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'