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Kolumne: Kunden, die diese Kolumne lasen, kauften auch ...

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Wenn man über Konsum nachdenken will, dann ist jetzt die beste Zeit dafür. Wahrscheinlich arbeiten auch Sie gerade Ihre Weihnachtsgeschenkliste ab: Kinder, Geschwister, Schwiegereltern – und bestimmt fehlt am Ende wieder genau derjenige, der einem ganz überraschend etwas schenkt, und man selber hat nichts.

Ein kleiner Akt des Widerstandes gegen die Zwänge unserer Konsumgesellschaft wäre es allerdings, eines der vielen Bücher zu verschenken, in denen eine Weile lang gar nichts gekauft wird. „No Shopping! Ein Selbstversuch“ oder auch „Ich kauf nix! Wie ich durch Shopping-Diät glücklich wurde“ heißen die HeldInnensagen über den modernen Menschen im Ausnahmezustand: keine neuen Schuhe werden gekauft, kein neuer Mantel zugelegt, obwohl man nur fünf im Schrank hängen hat, und erst recht nicht das neue Smartphone, obwohl das eigene mit einem guten Jahr Betriebsdauer längst museumsreif sein dürfte. Stattdessen heißt es: Nähen, wenn etwas kaputt gegangen ist. Und Schuhe kann man auch dann noch tragen, wenn sie schon längst ganz anders aussehen, als das, was derzeit in den Schaufenstern der Shoppingmeilen steht.

Durch die schöne „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch...“-Funktion bei Amazon landet man schnell bei den Büchern, die den KonsumasketInnen mit apokalyptischem Furor zur Seite stehen. Sie beschreiben eindringlich, wie uns der Konsum in die persönliche Verödung und die ökologische Katastrophe führen wird. Und dann wird drauflos gewettert, gegen „Ryanair & Co.“, gegen den Anblick „szeniger junger Paare, die in szenigen Berliner Bars nebeneinandersitzen und auf die Bildschirme ihrer MacBooks starren“, gegen das „ekelhafte Geduze“ bei IKEA und so fort.

Konsum ist auch die Freude an schönen Dingen

Und je länger ich diese große Wut dieser selbstbewussten Bildungsbürger auf mich wirken lasse, umso stärker vermisse ich die selbstkritische Frage, warum denn all das Recht haben bislang so furchtbar wenig brachte. Natürlich ist Konsum all das – Leere, Verschwendung – aber eben auch die Freude an schönen Dingen, die Würdigung toller Ideen, ja, eine Möglichkeit, sich auszudrücken. Wer den eigenen Konsumverzicht zur Heldentat hoch schreibt, verhöhnt ungewollt all jene, die sich wünschten, sie könnten sich einmal all das kaufen, was sich die Shopping-DiätlerInnen so tapfer versagen. Und wer, nachvollziehbar, die Überwindung der Konsumgesellschaft fordert, aber die „verführbaren“ Konsumenten zwischen den Zeilen im Grunde verachtet, der wird immer nur zu seinesgleichen predigen.

Und jetzt kaufe ich ein schönes Weihnachtsgeschenk für meine Frau. Irgendwas ökologisch Unverdächtiges werde ich schon finden.

Erschienen in Ausgabe 12/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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sabine zeller

Lieber Herr Grimm, als Geschäftsführerin eine Grünen Labels war es immer schon suspekt gegen die KonsumentInnen zu wettern und auf der anderen Seite aber froh über jede Kundin zu sein, die ihren Modeeinkauf ganz bewusst in meinem Shop tätigt. Da hab ich mich dann über Ihre Sichweise gefreut und fand das in Worte gefasst, dass ich auch im Kopf hatte :-)

Birgit Johann

Ja, lieber Herr Grimm. Bin ganz Ihrer Meinung. Ein bisschen Konsumverzicht tut sicherlich gut. Ich fange gleich damit an: Solchen Büchern wie "Ich kauf nix! Wie ich durch Shopping-Diät glücklich wurde" entsage ich hiermit strikt. Und fühle mich gleich ein bisschen glücklicher. :-)