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Kolumne: Hippiegeist im Hier und Jetzt

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmAuf den ersten Blick haben die Projekte, Orte und Ideen gar nicht so viel miteinander zu tun: Da ist der Gemeinschaftsgarten in der städtischen Brachfläche – ein bisschen verwildert sieht er aus und wirft doch seine Ernte ab: Tomaten, Erdbeeren, Karotten, Kräuter und vieles mehr. Dann die „Repair Cafés“: Von handwerkenden Ex-Profis und Hobbybastlern bevölkerte offene Werkstätten für all die Föns, elektrischen Zahnbürsten, Handys oder Computer, die man eben nicht wenige Monate nach dem Kauf schon wieder wegwerfen mag, wie es einem die Konsumindustrie aufzwingen will.

Oder so etwas wie die Berliner „Schrottregatta“, ein Spaß-Rennen auf der Spree, mit selbst gebauten Booten aus „Müll und Kram“. Dazu kommen immer mehr Fashion-Tauschpartys; die „Couchsurfer“, die sich via Internet gegenseitig Schlafplätze anbieten; schließlich sogenannte „Knit Nites“, in denen man mit anderen zusammen Stricken oder neue Tricks lernen kann, um der Wegwerfmode mit eigenen Kreationen ein Schnippchen zu schlagen.

Und doch, diese und die vielen anderen Beispiele, die Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner in ihrem liebevoll gestalteten Buch „Die Stadt der Commonisten“ (transcript Verlag) versammelt haben, eint derselbe Geist. Es ist der Geist der praktischen Utopie, der sich seit drei, vier Jahren in unseren Städten breitmacht, immer auf der Suche nach neuen Brachflächen, die sich zum kleinen ökologischen Kleinod umwidmen lassen, nach Alternativen zu Vereinzelung und Konsumkultur, nach dem „Do it yourself“, das in dieser lose verbundenen, aber digital vernetzten neuen Wertegemeinschaft zum „Do it together“ wird.

Die „Commonisten“, wie sie ironisch-bedrohlich genannt werden, suchen die Verwirklichung ihrer Ideale im Hier und Jetzt. Sie wollen nicht warten, bis in ferner Zukunft eine nachhaltiger und humaner orientierte Gesellschaftsordnung die Verschwendungs- und Ausbeutungsexzesse unserer Tage ablöst. Viele junge Menschen sind darunter, solche, die das Stadtleben zu schätzen gelernt haben, aber die Städte mit neuem, beinahe dörflichem Leben füllen wollen.

Konkrete Ideen von einer besseren Welt

Auf mich wirken solche Projekte häufig wie sympathische Verbindungen aus Hippiegeist und Strebertum. Nicht mehr ganz so schluffig wie manche Landkommune in den ökobewegten Achtzigern, sondern durchaus ehrgeizig, aufs gemeinsame Lernen und Tun gerichtet. Tatsächlich steckt in jedem Gemeinschaftsgarten, in jedem „Repair Café“ eine sehr konkrete Idee von einer besseren und vor allem machbaren Welt – abseits von der marktwirtschaftlichen Durchdringung aller Lebensbereiche.

So eine Prise „Commonismus“ könnte uns allen guttun – aber Sie machen wahrscheinlich sowieso schon längst mit.

Erschienen in Ausgabe 08/2013
Rubrik: Leben&Umwelt

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