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Kolumne: Generation Fahrradhelm? Ohne mich!

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze– und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmWann fing das eigentlich an, mit der ganzen Angst und der elterlichen Überbesorgtheit? Es muss irgendwann zwischen meiner Kindheit und der meiner kleinen Tochter begonnen haben. Oder erinnern Sie sich an Verkehrsstaus vor Ihrer Grundschule? Verursacht von Eltern, die selbst Viertklässler zur Schule fahren und ihnen am liebsten noch den Ranzen bis in die Klasse tragen würden. Es gibt Mütter, die gefragt werden, was denn Zuhause los sei, weil das Kind doch immer alleine zur Schule kommt: „Muss das denn sein?“

Oder auf dem Spielplatz. Mittlerweile tummeln sich dort nachmittags (mindestens) so viele Erwachsene wie Kinder. Nicht mal Heidi, das schielende Opossum aus dem Leipziger Zoo, wird ausdauernder beobachtet als das typische deutsche Sandkistenkind. Ich habe Mütter erlebt, die stundenlang mit gezücktem Handtuch auf der Sandkistenkante hockten – falls das Kind mal auf die Idee kommen würde, eine Handvoll Sand in den Mund zu stecken. „Bääh, Putzerl, bääh!“ Und wisch. Unermüdlich auch der Einsatz, wenn das Kind – „Vorsicht!!!“ – erste Schritte auf die Rutschleiter wagen sollte. Natürlich steht sofort ein helfender Erziehungsberechtigter dahinter – falls das Kind nicht lieber gleich wieder heruntergezerrt wird. „Das ist viel zu gefährlich für dich!“

Wir leben in einer „Risikogesellschaft“, behauptet der Soziologe Ulrich Beck in seinem gleichnamigen Buch. Auf deutschen Spielplätzen ist davon nichts zu sehen. Neulich beobachtete ich an einem Sonntag sogar, wie ein sehr besorgter Vater seinem Vierjährigen vor dem Erklimmen des Klettergerüsts einen Fahrradhelm aufschnellte. Falls was passiert. Der ungelenke Junge fiel natürlich prompt herunter. „Siehst du?!“ Die „Generation Fahrradhelm“, die da seit einigen Jahren herangezogen wird, hat das Klettern und Fallen verlernt. Und das Entdecken sowieso.

Ist unsere Dauerpräsenz gut für die Kinder?

Welches Kind darf heute noch auch nur ein paar Minuten unbeobachtet draußen im Dreck wühlen, aus Müll etwas zusammenzimmern, Abenteuer erleben, von denen die Eltern nichts wissen dürfen? Natürlich weiß ich auch, dass der Raum zum Spielen gerade in deutschen Städten knapp geworden ist, dass der Verkehr gefährlich ist und so weiter – aber tun wir unseren Kindern mit unserer Dauerpräsenz wirklich einen Gefallen? Sie dürfen nichts Falsches mehr spielen, nichts Falsches mehr essen und wenn es mal in die Natur geht, dann nur im Rahmen eines pädagogisch korrekten Waldausflugs, in dem sie anschließend die gefundenen Blätter der Größe und Farbe nach ordnen müssen.

Wann haben Sie zuletzt ein Kind auf einen Baum klettern oder gar im Park freihändig Fahrrad fahren sehen? Ist natürlich verboten, es könnte ja ... Das Problem ist nur: eine Generation, die das Fallen verlernt, verlernt auch, wie man hinterher wieder aufsteht.

Erschienen in Ausgabe 04/2011
Rubrik: Leben&Umwelt

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Ich selber trage einen Helm, aber NUR auf dem Rennrad, weil hier anderes Tempo herrscht und auf dem Rennrad denke ich auch eine indirekte Helmpflicht schon heute besteht.
Auf den anderen Räder nicht.

In Zukunft wird der Aufenthalt außerhalb geschlossener Räumlichkeiten als grundsätzlich lebensgefährlich gelten und daher von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen strafbar sein... dann sitzen wir alle bei konstanten 22,3°C in bonbonfarbenen Strampelanzügen auf Polstermatten im Kreis und singen "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!", während das Internet nur noch aus Werbung für zuckerfreie entkoffeinierte Coca-Cola besteht...