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Kolumne: Fred sieht Sterne

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

So allmählich komme ich ja in das Alter, in dem „früher“ angeblich „alles besser war“. Allerdings ist mein Gedächtnis wohl noch zu gut, um wirklich daran zu glauben: Der Pop der 80er? Die Mode? In den Karottenhosen von damals möchte man nicht überfahren werden, schon gar nicht mit »Life is Life« im Ohr. Und Helmut Kohl? Der Mann, der das letzte Aufflackern der utopischen 70er-Jahre erstickte? Eher nicht. Wirklich besser war aber die Bereitschaft der Fernsehsender alte amerikanische Spielfilme zu zeigen. Die Schwarz-Weiß-Bilder aus New York etwa haben in mir eine lebenslange Sehnsucht ausgelöst; vor allem die Filme, in denen die Kinder in heißen Sommernächten ihre Decken auf die Feuertreppen trugen, um die Nacht draußen zu verbringen – das definitive urbane Abenteuer. Ich komme darauf, weil ich gerade im „SZ Magazin“ eine wunderbare Hommage an das Draußenschlafen gelesen habe. Der Autor Till Raether beschreibt darin, wie seine
Mutter noch im hohen Alter ihre Matratze auf den Balkon schleppt, um sommers im Freien zu schlafen.

Klar kann man im Wald zelten, sich auf Campingplätzen der Natur nahe wähnen oder den Himalayasurvivalschlafsack im Park ausprobieren. Für mich wäre das nichts. Für den Wald bin ich einfach zu sehr Stadt, für den Campingplatz erst recht und das freiwillige Draußenschlafen im Park kommt mir nach meinen Reportageerfahrungen mit Obdachlosen beinahe zynisch vor. Aber eine Nacht auf dem Balkon vereint die Welten des Drinnen und des Draußen auf das Herrlichste. Wenn man das Glück hat, einigermaßen hoch zu wohnen, liegt man nicht ganz so auf dem Präsentierteller wie die unglücklichen Terrassenschläfer im Erdgeschoss. Der freie Himmel über einem ist wirklich frei, ein privater Riesenbildschirm in Ultra-HD: das Spiel der Sterne, die Großstadtlichter, das allmähliche Verstummen des Verkehrs bis dann die Natur die Macht zu übernehmen scheint: Die Gesänge und Gespräche der Vögel, das Rauschen der sommerlich üppigen Baumkronen – ein sanft kühlendes Fächeln gegen die Hitze des Tages. Gerade jetzt im Juni halten sich auch die Mücken noch ein wenig zurück und das undefinierbare Surren und Sausen in der Luft endet nicht zwangsläufig mit einem fetten Stich auf die nackte Glatze.

Der Freie Himmel. ein Riesenbildschirm in Ultra-HD 

Man schläft nicht wirklich gut auf dem Balkon, sind doch alle Sinne auf „Alarm!“ gestellt, so wie wir das von unseren Urahnen für das Überleben in der Dunkelheit wohl übernommen haben. Aber wenn man dann im Morgengrauen nur mal kurz hineinhuschen muss in die Wohnung, um mit einem schönen heißen Kaffee das Nachtfeuchte aus den Gliedern zu vertreiben, wenn man zusieht, wie allmählich alles erwacht und es ist noch nicht mal sechs, dann fühlt man sich zwar saumüde, aber eben auch auf wundersame Weise eins mit dem Tag.

Erschienen in Ausgabe 06/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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