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Kolumne: Eine Meldung und ihre Geschichte

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Wir leben in aufregenden Zeiten mit „Brennpunkt“ -Sondersendungen und 24-Stunden-„Tagesschau“. Dabei gibt es natürlich auch Themen, die im hinteren Teil der Nachrichten landen, da, wo man nur noch wissen will, wie morgen das Wetter wird. Das Schicksal der „Kohleabgabe“ gehört in die Kategorie jener Meldungen, die unter dem öffentlichen Radar durchgerutscht zu sein scheinen, obwohl sie eigentlich jeden Bürger dazu veranlassen müssten, vor Wut seinen Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen. In der Hoffnung, dass draußen gerade Sigmar Gabriel vorbeispaziert.

Ich möchte hier nicht parteipolitisch werden, daher zitiere ich am Schluss zum Ausgleich Gabriels Genossin, Umweltministerin Barbara Hendricks. Aber vielleicht erst noch einmal kurz, worum es geht. Obwohl Deutschland angeblich an der Spitze im Kampf gegen den Klimawandel steht, schaffen wir es nicht, Schadstoffschleudern wie Autos oder Kohlekraftwerke zu bändigen. Jahr für Jahr verzeichnen die Statistiker neue Rekordwerte für den hiesigen CO2-Ausstoß.

Wir schaffen es nicht, Schadstoffschleudern zu bändigen. 

Da kam unsere Regierung in Gestalt des Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel auf die Idee, die Betreiber von uralten Braunkohlekraftwerken mit einer kleinen Abgabe zu belästigen, um sie an den Kosten für die Energiewende zu beteiligen. Auf wundersame Weise verwandelte sich diese Idee nach einigen Hinterzimmergesprächen mit den betroffenen Unternehmen in 230 Millionen Euro jährlich, die die Kohleindustrie zukünftig dafür BEKOMMT, dass sie ihre Dreckschleudern weiter „bereit hält“. Wir alle, also Sie und ich, bezahlen also künftig noch mehr an die Energiedinosaurier – dafür, dass sie die Umwelt weiter ruinieren dürfen. Da am Tage der Entscheidung nicht vor Wut massenhaft Fernseher aus deutschen Wohnzimmerfenstern geflogen sind, nehme ich mal an, dass wir alle das nicht so richtig mitbekommen haben. Oder darauf warten, dass Sigmar Gabriel, „Architekt“ der Einigung mit der Kohleindustrie, tatsächlich mal vorbeikommt. Vielleicht ist diese Kolumne nicht der richtige Ort, sich über dieses politische Paradestück zu empören. Andererseits möchte man auch nicht untergehen lassen, was Barbara Hendricks, immerhin aus dem Kohleland NRW,  zu diesen Kapriolen sagt.

Die spricht von „politischer Unfähigkeit und Zukunftsverweigerung“ und schreibt in einem Gastbeitrag für die „Welt“: „Niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass der Abschied von der Kohleverstromung unaufhaltsam ist, weil wir unsere langfristigen Klimaschutzziele nur mit einer vollständig dekarbonisierten Energiewirtschaft erreichen können. Man kann nicht in Elmau (Anm.: auf dem G7-Gipfel) die klimaneutrale Weltwirtschaft verkünden und gleichzeitig so tun, als ob das für die Kohleregionen in unserem Land alles nicht gilt.“

Erschienen in Ausgabe 09/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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