Anzeige

Anzeige

Kolumne: Eigentlich ist es mir zu still

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Nun fehlt eigentlich keiner mehr. Vergangenes Wochenende erzählte mir schon wieder einer von seiner Zeit im Schweigekloster. Fünf Tage im tiefsten Bayern, dicke Mauern, Mönche in Kutten, Meditation im Morgengrauen, karge Mahlzeiten, Bettruhe ab 20 Uhr. „Ganz klassisch“, schwärmte der Freund, der dafür 700 Euro bezahlt hatte, „wie im Film“. Und er redete drauflos, als müsse er die Schweigetage gleich wieder wettmachen: vom „Hausputz für die Seele“ und der neuen „Achtsamkeit“, mit der er die Welt seither erlebe. „Einfach mal die Klappe halten, kein Handy, nix – wunderbar!“ Dann meldete sich sein iPhone und er musste weiter. „Bin eh schon zu spät.“

Der gelegentliche Gang ins Schweigekloster gehört offenbar inzwischen zur Grundausstattung des modernen Menschen. Anders lasse sich der Lärm des Daseins nicht mehr ertragen, höre ich. Man komme seinem Inneren nahe und erlebt seine Sinne völlig neu. Kann ich alles nachvollziehen.

Aber ich muss gestehen, ich bin kein Freund des (selbst) verordneten Schweigens. Das mag daran liegen, dass mich schon meine Grundschullehrer ständig angefaucht hatten, nicht immer so viel zu quatschen. Schweigen genieße ich eigentlich nur in der höchsten Form der Liebe – dem unverkrampften schweigenden Einverständnis, das einen einfach beieinander sein lässt; völlig glücklich, ohne ein Wort sagen zu müssen. Doch eigentlich ist es mir eher zu ruhig als zu laut. In Bussen und U-Bahnen hört man kaum noch Menschen miteinander reden. Alle schweigen in ihren digitalen Blasen und sitzen möglichst allein. Aus den Straßen unserer Rentnerepublik scheint das Kinderlachen ohnehin fast verschwunden. Und immer wieder erlebt man es, dass in einst angesagten Großstadtvierteln Clubs, Kitas oder Kneipen schließen müssen, weil Neuanwohner sie wegen Lärmbelästigung verklagen. Muss schon eine echte Überraschung gewesen sein, als der Club im Keller nach dem Erwerb der vorher besichtigten Eigentumswohnung immer noch da war. Alle wollen ihre Ruhe. Dabei gäbe es so viel zu sagen, wenn nicht gar zu schreien.

Schon wieder war einer meiner Freunde im Schweigekloster

Wie oft beschweigen wir Armut und Einsamkeit. Oder die grassierende Rücksichtslosigkeit gegenüber allem, was schwächer oder einfach nur anders ist. Wir beschweigen auch, wie unsere Städte nach beinahe jedem baulichen Eingriff hässlicher aussehen als vorher, wie landwirtschaftliche „Intensivnutzflächen“ alles veröden lassen, was früher mal drumherum summte und wucherte. Ich weiß, das eine (Schweigeexerzitien) schließt das andere (die Stimme zum Protest erheben) nicht prinzipiell aus. Aber irgendwie wären mir diese Trips ins Schweigekloster sympathischer, würden die Still-Kinder hinterher nicht immer nur von der neuen Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Inneren schwärmen.

Erschienen in Ausgabe 04/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'