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Kolumne: Dieses Jahr fastet mal mein Schrank

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Wenn, wie in diesen Tagen, in den Wetterberichten vom nahen Frühling die Rede ist, kommt mir immer auch ein aus der Mode geratenes Wort in den Sinn, das so deutsch klingt wie Schweinebraten oder Schützenfest: der Frühjahrsputz. Ich kenne Ihre häuslichen Gebräuche nicht. Wahrscheinlich sieht es bei Ihnen sogar noch hinter dem Sofa oder dem Bücherregal blitzeblank aus. Bei uns hingegen wachsen dicke Staubklumpen offenbar binnen Sekunden aus dem Nichts. Die Fenster werden schneller schmutzig als die Witze von Fips Asmussen. Ein richtiger Frühjahrsputz wäre bestimmt mal an der Zeit, denke ich Jahr für Jahr. Und lasse es bleiben.

Dagegen bekennt sich laut einer Umfrage noch immer jeder dritte Deutsche zur Tradition des rituellen Großputzes, sobald draußen die ersten warmen Sonnenstrahlen blitzen. Es gab eine Zeit, da galten solche Gewohnheiten als Inbegriff der Spießigkeit. Auch mir kam dieser jährliche Hygienetrip immer ein wenig zwanghaft vor. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso nachvollziehbarer erscheint mir das alljährliche Ritual. Einmal in Ruhe den ganzen Hausstand zu bewegen und zu betrachten, lädt dazu ein, sich auch selbst zu prüfen: Welche Unmengen an Gütern haben wir angehäuft? Wie viel Ballast schleppen wir inzwischen mit? Was brauchen wir wirklich?

40 Prozent der Kleidung, die heute gekauft wird, ziehen die Besitzer höchstens zwei Mal an, ergab neulich eine Untersuchung. Nach meinen privaten Schätzungen kommen auf jeden Nicht-Jogger etwa drei Paar Laufschuhe im Schrank und auf jeden Nicht-Heimwerker mindestens zwei Werkzeugkoffer. Wie viele Schraubenzieher besitzen Sie eigentlich? (Ich habe bei zehn aufgehört zu zählen.) Und wie viele alte Handys warten noch in irgendwelchen Schubladen auf Anrufe, die längst nicht mehr kommen?

Alles wegputzen! – was weg ist, macht auch keinen Dreck!

Der Blick auf die Unmengen unserer Güter, der zu einem gründlichen Frühjahrsputz nun einmal dazu gehört, könnte uns demütig machen und bereit dafür, eine Fastenkur anzugehen, die diesmal nicht unserem Körper, sondern unseren überquellenden Schränken und Regalen gilt. Natürlich sind krakelige Kinderzeichnungen, deren hoher künstlerischer Wert sich in der Regel nur den Eltern erschließt, beim großen Entrümpelungsakt ebenso tabu wie alte Liebesbriefe oder frühere Ausgaben von Schrot&Korn ...

Aber abgesehen davon, käme wahrscheinlich bei uns allen mehr als genug zusammen, was zur Spende an Bedürftige oder für den Recyclinghof taugen würde. Vielleicht schaffe ich es ja in diesem Jahr endlich mal mit dem Frühjahrsputz und dem großen Aufräumen. Ein Vorteil, immerhin, läge auf der Hand: Wenn ich in diesem Jahr beim Frühjahrsputz gründlich aussortiere, muss ich nächstes Jahr nicht mehr ganz so viel schrubben.

Erschienen in Ausgabe 03/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

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