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Kolumne – Die Macht über den eigenen Körper zurückgewinnen

Fred Grimm
Fred Grimm Autor von
„Shopping hilft die Welt verbessern“,
schreibt hier über gute grüne Vorsätze –
und das, was dazwischen kommt.

Für 400 Menschen zu kochen, stelle ich mir nicht gerade einfach vor. Aber es scheint noch komplizierter zu sein, als gedacht. Jedenfalls, wenn man liest, was Promi-Koch Holger Stromberg kürzlich dem „Stern“ erzählte. Früher habe es demnach unter 400 Gästen vielleicht fünf mit Sonderwünschen gegeben. Heute hingegen seien es hundert. Veganer, Histaminintolerante, Gluten- oder Laktosefreie – „alles dabei“. Die deutsche Nationalmannschaft als Chef-Verpfleger zum WM-Titel zu bekochen, wie das Stromberg 2014 gelang, war dagegen ein Kinderspiel.

Der Mann übertreibt nicht. Einer Umfrage zufolge meidet mittlerweile jeder vierte Deutsche bestimmte Nahrungsmittel, weil er weiß – oder glaubt –, dass sie ihm schaden. Der eine fürchtet Milchzucker wie der Teen-ager das Mobilfunkloch. Der nächste besteht auf Weizenfreiheit. Seine Nachbarin darf keine Nüsse essen, ihr Gegenüber bekommt Pickel vom Obst. Der Veganer hält Vorträge über die Proteinpower von Linseneintopf und der Paläo-Fan preist die Speisegewohnheiten der Neandertaler.

Gehört man zu den Menschen ohne spezielle Ernährungspraktiken, kann einem das schon mal auf die Nerven gehen. In jüngerer Vergangenheit häufen sich spöttische Artikel, die mit den vermeintlichen Küchenhysterikern abrechnen. Diese eingebildeten Kranken würden doch nur dem neuesten Trend hinterherlaufen und auf ruchlose Geschäftemacher hereinfallen, die mit dem Gluten-, Laktose- oder Wasauchimmer-freien Lifestyle das schnelle Geld verdienen wollen. Als ob man für „normale“ Lebensmittel nicht auch bezahlen müsste ...

Sich gegen das wehren, was die industrie in uns hineinstopfen darf.

Ich denke, dass sich hinter der angeblichen Hysterie mehr verbirgt, als der Narzissmus von Menschen, die wenigstens beim Essen etwas Besonderes sein wollen. Wenn man etwa beim Pferdefleischlasagne-Skandal erfährt, dass die Hersteller oft nicht genau wissen, woher die über hundert (!) Zutaten in ihren Produkten eigentlich stammen; wenn sich in Studien herausstellt, dass der moderne Hochleistungsweizen tatsächlich für Menschen schwerer verdaulich zu sein scheint als die klassischen Sorten; wenn man lesen muss, dass die über 300 EU-weit erlaubten Lebensmittelzusätze nicht etwa erlaubt sind, weil sie die Gesundheit nicht gefährden, sondern nur dann verboten werden dürfen, wenn der „sichere Nachweis“ ihrer Schädlichkeit vorliegt – dann steckt in dem Run auf „frei von...“-Produkte womöglich ja auch der Wunsch, die Macht über den eigenen Körper zurückzugewinnen.

Angesichts der dramatischen Zunahme von Allergien hierzulande wollen sich die Menschen vielleicht auch einfach nur gegen das wehren, was die Lebensmittelindustrie in uns hineinstopfen darf. Man kann das übertrieben nennen, gar hysterisch oder auch einfach nur – Notwehr. 

Erschienen in Ausgabe 04/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Conny Thust

Und wie Recht Sie haben. Ich denke dies ist doch "nur" der Ausdruck bewussten Lebens und damit eben nicht mehr alles gefallen Lassens. Nur der bewusste Mensch hat eine Chance und das bedeutet für die Politiker, sich von der SB-Mentalität zu verabschieden.