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Kolumne: Die Kunst des Wartens

Fred Grimm
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.

Ich bin sicher, dass es an jedem Tag diesen einen Moment gibt, an dem ich im Bio-Supermarkt direkt an die Kasse gehen könnte und sofort drankommen würde. Ich erwische ihn nur nie.

Nein, der Laden kann beim Reinkommen noch so leer gewesen sein, sobald ich bezahlen will, stehen immer mindestens fünf Menschen mit ihren Einkaufswagen vor mir. Und hinter mir? Gähnende Leere. Jedenfalls so lange, bis ich bezahlt habe. Ich will mich nicht beklagen, denn ich bin kein besonders ungeduldiger Mensch. Im Gegenteil: Für kleine Kinder, die mit schwitzigen Händchen am Brötchenstand Einkaufszettel aus ihren Hosentaschen klauben und „drei Mehlkonmännchen“ (Mehrkornbrötchen) ablesen, warte ich sogar richtig gern.

Philosophisch gesehen, könnte man die Einstellung der Menschen zum Warten an der Kasse in zwei Gruppen unterteilen: geraubte und geschenkte Zeit. Für den Menschen, der wie auf glühenden Kohlen hin- und her trippelt, bis er endlich dran ist, vergehen die Sekunden wie Minuten. Vor allem, wenn sich vor ihm die klassischen Warteschlangenplagen eingefunden haben.

Da sind die Bedauernswerten, denen an der Kasse die Nummer ihrer EC-Karte partout nicht einfallen will, erst recht nicht, wenn bei den Kunden in der Schlange hinter ihnen allmählich die Mordlust wächst. Oder jene, die nach zehn Minuten Schlangestehen an der Kasse überrascht nach ihrer Brieftasche suchen, weil sie offenbar nicht mehr damit gerechnet hatten, für ihre Einkäufe bezahlen zu müssen. Tragisch auch die Obstwaagevergesser, die zurück zu den Äpfeln und Bananen hetzen müssen, um ihre Waren dort auszuwiegen. Das kann dauern. (Hinweis an alle Läden: Bitte ersparen Sie doch Kunden diese peinliche Situation und führen Sie die Kassenwaage ein, damit man sich nicht wie der ewige Racker fühlt, der noch mal zum Händewaschen muss, weil die Fingernägel noch dreckig sind.)

Warten in der Schlange – jeder Mensch ein Roman

Ich habe mir angewöhnt, das Warten als geschenkte Zeit anzusehen. Wunderbare Charakterstudien lassen sich hier betreiben. Man kann sich zum Inhalt der Einkaufswagen Geschichten ausdenken, etwa eine schöne Love Story zu dem gepiercten jungen Mann, der mit einem verträumten Lächeln zwei Schokomarienkäfer in seinen Wagen legt. Oder zu dem kräftigen Herren, der missmutig auf die Tofupäckchen und Kohlrabiköpfe blickt. Oder zu der zittrig aussehenden älteren Dame, die beim Öffnen einer zweiten Kasse plötzlich ihren inneren Usain Bolt entdeckt und entschlossen, an der hundemüden, jungen Mutter vorbei, als Erste an die Kasse sprintet. Jeder Mensch ein Roman.

Und auf einmal ist man dran. „Tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten“, sagt die freundliche Kassiererin mit den raspelkurzen Haaren. „Macht gar nichts“, sage ich und packe ein. „Bis zum nächsten Mal.“

Erschienen in Ausgabe 10/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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