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Kolumne: Die bizarre Logik der Politik

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Für einen Hamburger wie mich ist die Elbe ein ganz besonderer Fluss. Kaum hatte ich laufen gelernt, stapfte ich am Elbstrand entlang. Später ging ich dort mit der ersten großen Liebe spazieren oder lag nächtelang mit Freunden am Ufer und quatschte dummes Zeug. Bis uns der Sonnenaufgang überwältigte – oder der Sommerregen vertrieb. Mit jedem Schiff, das man vorbeigleiten sah, wuchs das Fernweh, bis man schließlich selbst irgendwo in Südamerika oder Asien an fremden Ufern stand und liebevoll an die heimatliche Elbe dachte.

Es ist immer ein Stück Verklärung dabei, wenn man die Gewässer seiner Umgebung als Sehnsuchtsorte begreift, an denen sich alle Sorgen buchstäblich verflüssigen. Ihr Anblick versöhnt mit der Hektik des Alltags, auch wenn jedem klar ist, dass auch Flüsse und Seen längst den Zwängen der Ökonomie unterworfen sind. Damit dabei wenigstens ein Mindestmaß an Naturschutz eingehalten wird, gilt seit dem Jahr 2000 eine EU-weite Richtlinie für den Umgang mit Bächen, Flüssen und Seen. Jedenfalls auf dem Papier.

In der Praxis scheren wir uns darum so wenig wie Teenager um ein Handyverbot. Derzeit werden die Maßgaben bei gerade mal acht Prozent der deutschen Gewässer eingehalten. Hemmungslos und ungestraft pumpt man hierzulande Gülle oder andere Gifte in die Gewässer, „begradigt“ Flussläufe oder merzt die wenigen verbliebenen natürlichen Wasserzonen aus als gäbe es dafür Ersatz bei Amazon. In Sachen Gewässerschutz steht Deutschland laut EU-Kommission auf einem beschämenden 21. Platz.

"Als gäbe es für Flüsse und Seen Ersatz bei Amazon"

Wenn kein Wunder geschieht, wird man unserer, meiner, Elbe alsbald mit der inzwischen neunten Elbvertiefung und -verbreiterung den Garaus machen. Weil die Containerschiffe immer größer und schwerer werden, reichen 15 Meter Wassertiefe nicht mehr aus, heißt es. Dabei reden wir von 400 Meter langen und 60 Meter breiten, schwimmenden Monstern.

Nach acht Elbvertiefungen rast die Elbe bereits heute mit einer Geschwindigkeit dahin, die den Fluss und sämtliche Nebengewässer mit Schlick verstopft. Seit 1999 geht der Sauerstoffgehalt der Elbe wieder zurück. Fische sterben aus. Sogenannte „Jahrhundert-
hochwasser“ kommen mittlerweile alle 20 Monate vor. Und die Steuermilliarden, die der Wahnsinn der Elbausbaggerei kostet, beschützen letztlich nur die Profite von Konzernen und Finanzjongleuren, die ihre Gewinne lieber auf den Cayman Islands oder in der Schweiz versteuern.

Es ist nicht einmal die Ignoranz gegenüber den Naturgesetzen, die einen so verstört. Es ist diese bizarre Logik, die auf viel zu große, unwirtschaftliche Containerschiffe damit reagiert, dann eben die Flüsse breiter zu machen, auf zu viel Verkehr mit immer neuen Straßen und auf zu viel Geld in falschen Händen mit noch mehr Geld. Für diese Art des Denkens ist kein Fluss dieser Welt wirklich breit genug.

Erschienen in Ausgabe 03/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'
Nic

Aus der Seele gesprochen.. Die drei letzten Sätze sollte man auf Plakate drucken und ganz Deutschland damit überziehen. Immer und immer wieder.