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Kolumne: Der Wind hat keine Solo-Stimme

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Für mich als Norddeutschen gehört der Wind zu den schönsten Kindheitserinnerungen: Das Gegen-den-Sturm-Stemmen im Herbst, bei dem man vergeblich versuchte, sich in Windrichtung fallen zu lassen. Oder der Winterwind, der die Nasen rötete, bis sie wie kleine Ampeln leuchteten. Nicht zu vergessen der sandige Dauerwind an sommerlichen Ost- und Nordseestränden, der uns in kleine Wanderdünen verwandelte. Und während der Rest des Landes im August unter der letzten stickigen Hitzewelle stöhnte, ließ einen in Hamburg die leichte Brise wenigstens noch ein bisschen frische Luft.

Im britischen Fernsehsender BBC lief vor ein paar Wochen ein Dokumentarfilm mit dem wunderbaren Titel „Interview with the Wind“. Die Zuschauer begleiteten den Tontechniker Tom Dee auf seiner Suche nach dem „reinen Wind“, also jenem Ton, der entsteht, bevor der Wind im Spiel mit Bäumen, Steinen, Rapsfeldern, Häusern oder dem Meer seine ganz speziellen Lieder singt. Auf Youtube kann man tagelang in solchen Windkonzerten versinken. Drei Stunden rauer Ozeanwind von irgendeiner Küste Kanadas, Seestürme, aufgenommen auf schaukelnden Schiffen, Gewitterwinde mit peitschendem Regen, oder – für Menschen mit Einschlafschwierigkeiten – zehn Stunden Wind, der mal sanft, mal forsch durch einen Wald in Pennsylvania streicht.

Dem Wind eignet per definitionem etwas Beruhigendes an, schließlich entsteht er überhaupt erst als Ausgleich zwischen höheren und niedrigeren Luftdruckzonen. Absolute Windstille wirkt dagegen eher beängstigend; als berühmte „Ruhe vor dem Sturm“ oder als Ahnung des Todes, wenn sich überhaupt nichts mehr bewegt. Längst hat der Mensch gelernt, die „gerichtete, stärkere Luftbewegung in der Erdatmosphäre“, wie man den Wind in der Meteorologie beschreibt, für seine Zwecke zu nutzen. Das Rattern der Windräder gehört zwar nicht zu den besonders romantischen Klängen, die uns der Wind schenkt, aber irgendwie müssen die Computer, auf denen wir uns die Windvideos ansehen, ja betrieben werden.

Drei Stunden rauer Ozeanwind auf youtube

Tom Dee, der Mann, der mit dem Mikrofon an die äußersten Küstenränder reiste, um aufzunehmen, wie der Wind die Welt in Musik verwandelt, verbrachte davor viele Jahre damit, als Tontechniker bei Freiluftaufnahmen den Wind möglichst unhörbar zu machen. Sobald die eigentlichen Aufnahmen im Kasten waren, bat er das Team regelmäßig um „ein, zwei Minuten“, damit er die wunderbaren Winde für seine Sammlung aufzeichnen konnte. Natürlich gelang es auch ihm nicht, den „reinen Wind“ aufzunehmen. „Der Wind“, sagt Tom Dee, „hat keine Solo-Stimme“. Sein Sound entsteht erst im Zusammentreffen von Luft und Oberfläche. Den Wind, wie zumindest wir Norddeutsche ihn lieben, gibt es nicht ohne Meer, ohne Bäume, Felder, Gräser, die er aufwühlen, durchrütteln oder streicheln kann.

Erschienen in Ausgabe 08/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

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