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Kolumne: Der Boden, auf dem wir stehen

Fred Grimm
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Umweltschützer haben es wirklich nicht leicht. Wenn sie anfangen, zu argumentieren, verbreiten sie notgedrungen schlechte Laune. Die Veränderungen, die sie von Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft fordern, erscheinen gewaltig, ihre Anliegen abstrakt. Denn selbst verseuchtes, überfischtes Meer wirkt aus der Ferne immer noch malerisch. Auch nach den schlimmsten Zyklonen und Regenfluten, die sich im Zuge des Klimawandels mittlerweile dramatisch häufen, scheint hinterher wieder die Sonne. Und dass im vergangenen Winter die halbe USA in Eiseskälte und Schnee versank, gilt den dortigen Skeptikern der Erderwärmung als Bestätigung ihrer Zweifel. Den Klimawandel sieht man eben nicht, jedenfalls nicht so direkt.

Wenn in Deutschland kontrovers über den Schutz der Umwelt diskutiert wird, dauert es meist keine fünf Minuten, bis einer grinsend das „Waldsterben“ erwähnt. Das sei ja wohl irgendwie ausgefallen, oder? Jedenfalls sei er gestern erst wieder mit seinem neuen Wagen durch einen schönen, grünen Wald hindurchgefahren.

Ich fürchte, auch das von der UN für 2015 ausgerufene „Jahr des Bodens“ wird es schwer haben, sich ins öffentliche Bewusstsein zu brennen. Nichts erscheint so selbstverständlich, wie der Boden, auf dem man steht. Und wenn man ihn lässt, wächst da eben was. Doch dieser Eindruck ist trügerisch. Gut zweitausend Jahre dauert es, bis zehn Zentimeter fruchtbarer Boden wächst. Doch allein in Deutschland gehen täglich Bodenflächen in der Größe von über hundert Fußballfeldern verloren. Durch Asphaltierung, Erosion, Vergiftung. Die Intensivnutzung durch schwere Landwirtschaftsmaschinen, Mineraldünger und Pestizide vernichtet das Leben im Boden, das keiner sieht. Böden sind zu Spekulationsobjekten des Finanzkapitals geworden, das auf der Suche nach profitablen Anlageobjekten die wichtigste Ressource für unser Überleben entdeckt hat. Der gemeinsame Schutz der Böden ist so etwas wie der schlafende Riese der europäischen Politik. Denn wir brauchen den Atem der Erde genauso wie den in der Luft.

Das Waldsterben fiel nur deshalb aus, weil wir etwas dagegen taten.

Und, ach ja, wenn Ihnen mal wieder jemand grinsend mit dem Waldsterben kommt – abgesehen davon, dass hierzulande nur noch jeder dritte Baum als kerngesund gilt, haben die düsteren Bilder von abgestorbenen Baumkronen in den Achtziger Jahren tatsächlich eine Vielzahl von Gesetzen zur Luftreinhaltung initiiert. Kohlekraftwerke mussten, schönes Wort, Rauchgasentschwefelungsanlagen installieren, Autos durften bald nur noch mit Katalysator fahren. Der Ausstoß von Schwefeldioxid in Deutschland fiel binnen zwanzig Jahren von 7,5 auf 0,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Waldsterben fiel also nur deshalb (vorerst) aus, weil wir etwas dagegen taten. Und nun sind mal die Böden dran.

Erschienen in Ausgabe 05/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Kath

Vielen Dank! Dass Sie Ihr Wissen und Ihre Meinung mit(uns)teilen!

Ihre Gedanken sind immer wieder lesenswert, vielen Dank für diesen Text.
"...den Atem der Erde...", das werde ich noch ein wenig wirken lassen, merci für die Inspiration!