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Kolumne: Dem Paradies so nah!

Fred Grimm (Foto: Rebecca Hoppe)
Fred Grimm Autor von „Shopping hilft
die Welt verbessern“, schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(Foto: Rebecca Hoppe)

Mit der Esoterik halte ich es ein bisschen so wie mit dem Sex: Für mich ist alles in Ordnung, was einen selbst glücklich macht und andere nicht unglücklich. Und bei dem ich nur mitspielen muss, wenn ich auch wirklich will. Gestützt auf dieses entspannte Grund-interesse liegt bei mir seit vielen Jahren der Plan für ein Buchprojekt auf dem To-Do-Stapel, bei dem ich ein Jahr lang jeweils für eine Woche einen esoterischen Lebensentwurf ausprobieren würde. Einfach mal gucken, was es so alles gibt. Bisher scheiterte der Plan allerdings schon im Anfangsstadium. Meine Frau wäre wohl eher mäßig begeistert von einer möglichen Teilnahme an einem siebentägigen Tantra-Seminar. Und außerdem bin ich mir nicht sicher, ob die Kombination aus „Rebirthing“ und „Schrei dich frei!“, die Veteranen der Selbstfindung aus dem Allgäu anbieten, wirklich das Richtige für mich ist.

Aber ich muss gestehen: Jahr für Jahr, immer dann, wenn die „Lebensfreude Messe“ nur fünf Gehminuten von unserem Zuhause entfernt im Hamburger Kongresszentrum zu drei ekstatischen Tagen einlädt, wird die Versuchung beinahe unbezwingbar. So eine „Lebensfreude Messe“ müssen Sie sich vorstellen wie die größte Ansammlung fleischgewordener Klischees abseits eines Golf-Turniers auf Sylt.

Da trommelt der „Ausnahmetrommler Nils Tannert“ entrückt und der „Derwisch Shinouda Ayad“ zuckt dazu in farbenfroher Kostümierung. Sehnige Yoga-Existenzen gleiten derart schwerelos durch die Hallen, dass man sich auf der Stelle so ungelenk vorkommt wie Robert Downey jr. in seinem „Ironman“-Kostüm. Auch die „Wiederherstellung der Stammesanbindung durch dynamische Meditation“, die auf der Messe angeboten wird, scheint spontan bestens zu gelingen – jedenfalls sehen alle Teilnehmer hinterher aus, als gehörten sie wirklich irgendwie zusammen.

Manch einer, der vor der Versuchung flieht, hofft, dass sie ihn einholt.

Und schließlich verleitet die Session „Der gebende Blick – eine Begegnung mit Braco“ („In aller Stille, ohne Worte“) einen tatsächlich zum Geben: „Eintrittspreis: 8 Euro“. Nicht zu vergessen die „Antlitzdiagnostik“ des „Face-Readers Eric Standop“. Sie wird vor allem von Menschen aufgesucht, auf deren glühenden Wangen mehrbändige Romane geschrieben scheinen.

Es ist eine Welt voller Heiler und Schamanen, voller mit Bedeutung aufgeladener Steine – Verzeihung: Mineralien – voller „Schönheit von Innen“, „Lichtkräuter“, voller Erlösungs- und Glücksversprechen. Eine  Welt, die einen letztlich mit einem versöhnlichen Gefühl zurücklässt. Denn wer immer wirklich Zeit und Geld hat für all diese „Chakra Parfüms“, „Meditations-CDs“, das „Sippencoaching“ und die „magischen Mandalas von Yandala“, der ist in seinem Leben dem ersehnten Paradies wahrscheinlich schon sehr viel näher, als er selber glauben mag.

Erschienen in Ausgabe 06/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Christa Mulch-Wiemer

Wahnsinn wieder ,DIESER Artikel!! Spricht mir voll aus der Seele!!!
weiter so!!!