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Königliche Artenvielfalt

(© DENKmal-Film Verhaag GmbH)
(© DENKmal-Film Verhaag GmbH)

„Der Bauer & sein Prinz“ heißt ein neuer Film über ökologische Landwirtschaft. In einer der „Hauptrollen“: der britische Thronfolger Prinz Charles. // Peter Gutting

Komm' und siehe – so lautet das Motto des britischen Thronfolgers Prinz Charles, wenn es um ökologische Landwirtschaft geht. Nicht mit vielen Worten möchte er die Besucher seiner „Duchy Home Farm“ von den Vorzügen des Fruchtwechsels oder der Rettung alter Tierarten überzeugen. Sondern durch sinnliche Gewissheit.

Landsitz im Wandel

In diesen Genuss kommen nun auch alle Kinozuschauer. Denn dem Dokumentarfilmer Bertram Verhaag und dem Netzwerker Bernward Geier ist es gelungen, den Prinzen, seinen Farmmanager David Wilson und die revolutionären Veränderungen vor die Kamera zu bekommen, mit denen seine Königliche Hoheit den Landsitz „Highgrove“ in der südenglischen Grafschaft Gloucestershire von konventioneller auf biologische Landwirtschaft umstellte.

Ein sonniger Morgen im Herbst: Nebel steigt auf, Tau hängt an den Zweigen, auf der Weide grasen Schafe. Die Kamera steigt in die Höhe, gibt den Blick auf das satte Grün sanfter Hügel frei. Ein paar Momente später der Schnitt auf einen Mann mit Tweedmütze und Schutzbrille, der ein paar Äste zurechtschneidet. Ist er es wirklich? Ja, der Arbeiter mit den dicken Handschuhen entpuppt sich als Prinz Charles – spätestens dann, als er die Brille abnimmt und zu erklären beginnt, was es mit der „lebenden Hecke“ auf sich hat, an der er sich gerade zu schaffen macht.

Als er hierher kam, so hören wir, sei alles zerstört gewesen. Die Hecken habe man schon in den 1960er-Jahren herausgerissen, als man große Flächen zusammenlegte und höhere Erträge das einzige waren, was zählte. Die natürliche Begrenzung der Weiden, die auch Wildtieren Schutz bietet, liegt dem Thronfolger mit dem grünen Daumen am Herzen.

Prinz mit Öko-Zielen

Wenn er entspannt und doch konzentriert über deren Vorteile reflektiert, versteht man sofort: Dies ist keine gestellte Szene, der Mann hat das Anliegen, die beschädigte Natur zu heilen und dem herrschenden Trend etwas entgegenzusetzen, das weltweit Schule macht.

1980 war es, als „Highgrove House“ in den Besitz der königlichen Familie kam: ein Landsitz günstig gelegen zwischen der Hauptstadt und den anderen Gütern des Thronfolgers. In den 1980ern verbrachte er hier viele Wochenenden mit Frau und Kindern. Aber der junge Familienvater litt unter der Zerstörung der Natur, zu der die Industrialisierung der Landwirtschaft in den 1960ern geführt hatte. Er suchte nach Alternativen. Und nach Mitstreitern.

Der Bauer als Experte

David Wilson betrachtete sich ebenfalls als „latenten Öko“, als er 1985 zu einem Bewerbungsgespräch nach „Highgrove“ fuhr. Ob er sich vorstellen könne, die Duchy Home Farm auf Bio-Landwirtschaft umzustellen? „Ich sagte ja, weil man bei Vorstellungsgesprächen immer ja sagt“, grinst der schlanke Landwirt mit dem typisch britischen Humor. In Wahrheit hatte er keine Ahnung, kam aus der konventionellen Landwirtschaft und hatte in seiner Ausbildung vor allem gelernt, wie viel Kunstdünger man einsetzen und wie oft man Pestizide spritzen müsse. Aber der Deal mit dem Prinzen hat sich königlich gelohnt. David Wilson managt noch immer den Betrieb, der sich auf 760 Hektar mehr als verdoppelte und zum „Leuchtturm“ der biologischen Landbewirtschaftung entwickelte. Seine Hoheit zieht denn auch bescheiden den Hut vor dem Experten. Dass Wirklichkeit wurde, wovon man damals nicht zu träumen wagte, sei Davids Verdienst.

Filmporträt mit viel Zeit

Auch Regisseur Bertram Verhaag nennt seinen Film nicht zufällig „Der Bauer & sein Prinz“, nicht umgekehrt. Der Münchener Dokumentarfilmspezialist ist keiner, der mit dem Promi-Faktor Werbung machen würde. Verhaags Anliegen in mehr als 120 Filmen – davon acht fürs Kino – besteht im Aufdecken von unbequemen Wahrheiten und im Begleiten von positiven Gegenbeispielen. Für die „Duchy Home Farm“ hat er sich besonders viel Zeit genommen – fünf Jahre seit den ersten Dreharbeiten.

Dabei ist eine Menge Material zusammengekommen. Trotzdem schneidet Bertram Verhaag nicht hektisch Information an Information. Sein Film atmet die Ruhe und die Schönheit seines Gegenstandes. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Art Urlaub auf dem Bauernhof. Die Kamera schaut David Wilson beim Brotbacken zu, geht mit ihm in den blühenden Klee und in den geräumigen Kuhstall. Sie lässt sich auf die beiden Hauptgesprächspartner ebenso ein wie auf die prominenten Wegbegleiter, die von ihren Erlebnissen mit Charles berichten: Vandana Shiva etwa, die Trägerin des alternativen Nobelpreises, oder Auma Obama, die ältere Schwester des amerikanischen Präsidenten.

Natürlich geht es dabei nicht nur um das konkrete Beispiel der „Duchy Home Farm“, sondern auch um die Arbeitsweise der ökologischen Landwirtschaft im Allgemeinen. Es zählt zu den besonderen Stärken des Films, dass er Informationen für ein breites Publikum mit interessanten Neuigkeiten für Eingeweihte mühelos verbindet. Wer noch wenig über den Bio-Landbau weiß, wird an den anschaulich vorgeführten Grundlagen seine Freude haben. Langjährige Bio-Kunden dagegen interessieren sich vielleicht mehr für die Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der Bodenbearbeitung. Oder für die 1 000 Apfelsorten, die auf der herzoglichen Farm wachsen – eine beispiellose Aktion zur Rettung der Artenvielfalt.

Idylle, die Gewinn bringt

An manchen Stellen erweckt der Film vielleicht zu sehr den Eindruck eines Paradieses. Etwa wenn ein Häschen im Abendlicht das Herz des Tierfreundes höher schlagen lässt. Doch der Film verschweigt keineswegs die Schwierigkeiten und Hindernisse, die auf dem Weg zum Musterbetrieb lagen, der gewinnorientiert geführt wird – nicht als teures Spielzeug für einen Öko-Prinzen.

Der suchte in den 1980er-Jahren übrigens auch in Deutschland Rat, und zwar bei Professor Hartmut „Hardy“ Vogtmann, der damals in Kassel-Witzenhausen den ersten Lehrstuhl für ökologische Landwirtschaft weltweit innehatte. Man einigte sich darauf, es mit einer 70 Hektar großen Teilfläche auf „Highgrove“ zu versuchen. Dass das Experiment klappte und seitdem gute Kontakte zu den deutschen Experten bestehen, sei übrigens vor allem David Wilsons Verdienst, lobt Vogtmann.

Und natürlich kann es sich der Professor nicht verkneifen, die Anekdote zu erzählen, als er in einer Verhandlung mit dem britischen Finanzministerium einmal heftig auf den Tisch haute. Es ging um einen Hofladen auf der „Duchy Home Farm“, von dem aus die Produkte möglichst regional vermarktet werden sollten. Für den Laden brauchte man einen Zuschuss vom Schatzmeister der Regierung, doch die Behördenvertreter erwarteten dafür eine Rendite von fünf bis zehn Prozent. Da platzte Vogtmann der Kragen: Solche Gewinne seien in der Landwirtschaft einfach nicht drin, das sei völlig unrealistisch. David Wilson, der mit am Tisch saß, erinnert sich noch heute lebhaft an den Wutausbruch des „teutonischen Temperaments“...

Interview: „ ... das Bohren dickster Bretter ...“

Bernward Geier
Bernward Geier war 18 Jahre lang Direktor des Bio-Weltdachverbandes
IFOAM und ist mit seiner Firma „Colabora“ als Berater, Öffentlichkeitsarbeiter und Netzwerker tätig.
 

Wie kam der Kontakt zu Prinz Charles und David Wilson zustande?

Als Direktor des IFOAM kam ich zum ersten Mal vor 20 Jahren mit Prinz Charles in Kontakt. Seitdem bin ich mit ihm immer wieder im Austausch und treffe ihn auch. Sehr hilfreich waren seine Sekretärin und vor allem die Freundschaft zu seinem Koordinator für Nachhaltigkeit und seit zehn Jahren auch zu David Wilson.

Warum dauerte es neun Jahre vom ersten Konzept bis zum Kinostart?

Es ist ein Wunder, dass es den Film überhaupt gibt. Nach Auskunft des PR-Direktors werden 92 Prozent aller Medienanfragen abgelehnt. Es gab auch Widerstände, dass der Prinz im Film auftritt. So bedurfte es drei Jahre beharrlichen Insistierens für den ersten Drehtermin mit ihm. Nachdem er Szenen des Filmes gesehen hatte, bekamen wir den zweiten Drehtermin. Ursprünglich war nur ein TV-Film vorgesehen. Nachdem Bertram Verhaag und ich realisierten, was für ein Diamant der Film wird, beschlossen wir, dass auch eine Kinoversion gemacht werden soll, was das Projekt noch mal deutlich verlängerte.

Wie habt ihr Prinz Charles erlebt?

Beim ersten Dreh zunächst gar nicht royal, sondern im zerrissenen Arbeitsanzug mit Machete beim Hecken schneiden. Er ist sehr bescheiden und höchst interessiert am Austausch mit Menschen. Er lacht viel und hat einen wunderbaren britischen Humor.

Hatte das Team alle Freiheiten beim Dreh?

Wir haben den fertigen Film vorgelegt, aber es gab nur marginale Optimierungswünsche. Wir müssen allerdings jede Verwertung des Films individuell genehmigen lassen, was sich unerwartet als großes Problem erweist. So haben wir bislang nur die Erlaubnis, den Film in Europa, aber nicht in Großbritannien zu zeigen. Es bedurfte auch hartnäckigen Verhandelns, den Kinofilm in Deutschland zeigen zu dürfen. Da war das Bohren dickster Bretter angesagt. Ich hoffe, dass der schon jetzt vielfach preisgekrönte Film doch noch weltweit gezeigt werden darf. Die Nachfrage danach ist enorm.

Erschienen in Ausgabe 11/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'
Anna

Ich würde gerne auf der Farm arbeiten für ein paar Wochen wohin muss ich mich wenden