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„Kein anderes Wesen würde seine Umwelt so zerstören“

Interview Schauspieler-Paar Christine Sommer und Martin Brambach © Marc Vollmannshauser/BILD
Christine Sommer und Martin Brambach an einer der – zumindest vorerst – geretteten 54 Platanen. © Marc Vollmannshauser/BILD

INTERVIEW Das Schauspieler-Paar Christine Sommer und Martin Brambach machen sich stark fürs Klima, für Tiere und für 54 Bäume in Recklinghausen.  Manfred Loosen

Wie kam es dazu, dass Sie sich im vergangenen Jahr für Allee-Bäume in Recklinghausen eingesetzt haben?

Christine Sommer: Ich beobachte hier schon seit Jahren, dass ganz viele Bäume einfach gefällt werden. Da wird dann gesagt: „Ach ja, der stand im Weg. Wir brauchen mehr Parkplätze!“ oder Ähnliches. Damals habe ich in der Zeitung gelesen, dass diese Fällung in der Maybachstraße bevorsteht, weil Radwege verbreitert werden sollten. Es hat sich daraufhin eine Baumschutzgruppe gebildet. Der bin ich sofort beigetreten.

Haben Sie sich an Bäume gekettet?

Christine Sommer: Nein, wir haben andere Aktionen gemacht: Mullbinden um die Bäume gewickelt oder Poster dran gehangen, auf denen stand: „Ich spende Sauerstoff“. Eigentlich war das Abholzen schon beschlossen. Aber wir konnten es trotzdem erst einmal verhindern. In vier Jahren soll neu dar-über verhandelt werden. Ich glaube, ohne unsere Gruppe gäbe es diese wunderschöne Allee nicht mehr.

Hat man als Prominenter eine besondere Verantwortung?

Martin Brambach: Wenn man diese etwas absurde Prominenz, die man als Fernsehschaffender nun mal hat, nutzen kann, dann sollte man doch wenigstens an die Öffentlichkeit gehen und sich für wirklich sinnvolle Sachen einsetzen.

Woher kommt dieses Engagement?

Martin Brambach: In der Baumschutzgruppe ist meine Frau von uns beiden die treibende Kraft. Was uns da schnell überzeugt hat: Wir haben Kinder! Denen wollen wir eine möglichst intakte Welt hinterlassen. Vor zwei, drei Jahren haben wir mal einen Klimaabend gemacht, mit unserem Schauspiel-Kollegen Harald Krassnitzer zusammen. Christine Sommer: Das war eine Klimawandel-Lesung, zu der an einem Freitagabend mehr als 500 Menschen gekommen sind. Das war richtig super.
Martin Brambach: Wir hatten auf eigene Kosten einen Saal im Ruhrfestspielhaus gemietet und haben die gesamten Einnahmen gespendet.

Was war an diesem Abend zu hören?

Christine Sommer: Das Programm war richtig harter Tobak: zweieinhalb Stunden ein richtig schwarzes Szenario mit Texten und Musik. Wir hatten uns gesagt: „Entweder machen wir jetzt endlich was oder wir geben uns alle die Kugel!“ Und es gab Standing Ovations. Die Leute sind aufgestanden und waren irgendwie mit dabei.
Martin Brambach: Wir hatten ursprünglich nur diese eine große Veranstaltung hier in Recklinghausen organisiert. Aber die Idee ist immer größer geworden; eine richtig kleine Tournee. Wir waren damit auch beim Katholikentag in Leipzig. Für mich war der entscheidende Impuls, diese Veranstaltung zu machen, ein Buch von Stephen Emmott, einem Professor, der für Microsoft geforscht hat. Der hat unter anderem mit Supercomputern das Klima und die Auswirkungen auf uns Menschen untersucht. Solche Zahlen hatte ich noch nie gelesen: schonungslos! Er sagt: „Es gibt keine Chance mehr!“

Ist so eine Aussage nicht frustrierend und eher lähmend?

Martin Brambach: Naja, wenn man solche Informationen bekommt, dann macht das jedenfalls etwas mit einem. Und wie gesagt: Wir haben Kinder. Da ist es doch selbstverständlich, dass man sich engagiert. Das Klima ist offenbar das dringendste Problem, das die Menschheit hat. Emmott sagt, das größte Experiment sei nicht dieser Teilchenbeschleuniger in der Schweiz, sondern das, was wir hier mit unserem Planeten machen. Ich habe auch gelesen, dass wir ein Artensterben haben, das es seit 250 Millionen Jahren nicht mehr gab in dieser Dichte. Es gibt immer weniger Insekten. Ich finde, das hat eine unfassbare Form von Dramatik bekommen. Und wir konsumieren und leben weiter so, als wenn nichts wäre.

Leben wir Menschen zu gedankenlos?

Christine Sommer: Ja, ich finde schon. Kein anderes Lebewesen würde seine Umwelt so zerstören. Das würde kein Tier machen. Kein Tier jagt, wenn es keinen Hunger hat. Ohne Hunger würde ein Löwe kein Zebra jagen. Er würde ja überflüssige Energie vergeuden – und wir werfen jedes Jahr Tonnen an Essen auf den Müll!

Frau Sommer, Sie essen seit Jahren kein Fleisch mehr, Sie, Herr Brambach verzichten seit Kurzem darauf. Warum?

Christine Sommer: Ich bin seit mehr als 30 Jahren Vegetarierin. Das kam daher, dass mir Fleisch nie geschmeckt hat. Ich bin in Österreich aufgewachsen, eine totale Fleischnation. Als Kind musste ich Fleisch essen. Ich habe mich vor diesem dunklen Rindfleisch wahnsinnig geekelt. Aber es wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Als ich mit 17, also schon relativ früh, von zu Hause ausgezogen bin, habe ich sofort aufgehört, Fleisch zu essen.
Martin Brambach: Ich bin auch zum Fleisch erzogen worden, fand das aber nicht schlimm, sondern normal. Als Kind habe ich sehr gerne Ochsenschwanzsuppe gegessen. Das war mein Leibgericht. Ich hatte die romantisierende Vorstellung, die Kraft des Ochsen fährt in mich rein. Über die Art der Herstellung habe ich mir damals keine Vorstellung gemacht. Aber dann wollte ich bei dieser Massentierhaltung nicht mehr mitmachen und lebe seitdem vegetarisch. Heute essen wir Käse und Eier und trinken Milch. Das findet unsere Tochter aber auch inkonsequent, weil das Lab für den Käse oft aus Innereien von Tieren stamme.

Wo kaufen Sie denn Milch, Käse, Eier?

Martin Brambach: Wenn's nach mir ginge, würden wir jeden Tag im Bio-Markt einkaufen. Das ist zwar etwas teurer. Ich
finde aber, dass Lebensmittel ihren Preis haben müssen. Die sind einfach mehr wert. Und es müssen die Leute bezahlt werden, die die vernünftigen Waren herstellen. Ich finde, das gehört sich so.

Sind Sie optimistisch oder pessimistisch, was unsere Zukunft betrifft?

Martin Brambach: Wir haben zwar wahnsinnige Möglichkeiten, aber wir handeln egoistisch, inkonsequent und verantwortungslos. Wir können vieles nicht überschauen, sind triebgesteuert, oft nicht Herr unserer selbst. Aber wir haben die Möglichkeit, alles kaputt zu machen, das ist fatal. Eigentlich sind wir im Kopf zu dumm für das, was wir anrichten können ... 

ZUR PERSON

Christine Sommer Martin Brambach

Christine Sommer (47) und Martin Brambach (50) spielen sowohl Theater- als auch Fernsehrollen. Sommer war unter anderem in Kommissar Rex und SOKO Wismar zu sehen, Brambach spielt seit zwei Jahren im ARD-Tatort aus Dresden den Kommissariatsleiter Schnabel. Schauspiel studierten die Wienerin Christine Sommer am Max- Reinhardt-Seminar in Österreich und der in Dresden geborene Martin Brambach an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Die beiden sind PETA-Botschafter und leben mit drei Kindern, davon einem gemeinsamen Sohn, in Recklinghausen.

Erschienen in Ausgabe 04/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Silvia

Ich bin sehr einverstanden. Und es wäre nur konsequent, alles Überflüssige zu vermeiden, denn alles, was der Mensch produziert und konsumiert, kostet Ressourcen. Ein begrüßenswerter Schritt wäre, Schrot&Korn abzuspecken, von jeglicher Werbung zu befreien und damit auf die Hälfte zu reduzieren. Damit ließe sich nicht nur Papier, Farbe und Wasser sparen, sondern auch Abfall vermeiden. Die Abschaffung der Papierausgaben wäre noch konsequenter.

Wir freuen uns sehr über dieses Engagement und gratulieren zu diesem vorläufigen Erfolg, der hoffentlich zur dauerhaften Rettung dieser Platanenallee führen wird.
Frau Sommer, Herr Brambach, wir danken Ihnen sehr.

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