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Fischgründe schützen

In 50 Jahren sind die Meere leergefischt, wenn es so weitergeht. Und danach sieht es aus. Doch Fischesser können etwas tun – ohne gleich Vegetarier zu werden. // Leo Frühschütz

Die Jan Maria ist 125 Meter lang und 18 Meter breit. Mit ihrem riesigen Schleppnetz zieht sie ganze Fischschwärme aus dem Wasser. Bis zu 300 Tonnen Fisch täglich. Sie werden direkt an Bord filetiert und tiefgefroren. Wochenlang ist der Trawler unterwegs, vor der irischen Küste ebenso wie vor Westafrika. „Staubsauger der Meere“ nennt der Fischereiexperte Thilo Maack von Greenpeace solche Schiffe.

Weltweit gibt es etwa 4,4 Millionen Fischerboote, schätzt die Welternährungsorganisation FAO. Davon haben zwei Millionen Boote keinen Motor – sie gehören Binnen- und Küstenfischern, die versuchen, für ihre Familien genug Essen zu fangen. Von den motorisierten Booten sind die meisten keine zwölf Meter lang. Nur rund 50 000 Trawler zählt die FAO zur industriellen Fischerei. Die Jan Maria ist einer der größten von ihnen. Schiffe wie sie fischen die Meere leer.

Illegaler Fischfang nicht erfasst

Über 80 Millionen Tonnen Fisch holen diese Flotten jedes Jahr aus dem Meer. Das sind nur die offiziellen Zahlen, ohne den Beifang, der tot wieder über Bord geworfen wird. Und ohne die Piratenfischer, die illegal ihre riesigen Netze auswerfen. Beides zusammen macht noch einmal 60 Millionen Tonnen Fisch aus, die in keiner Statistik auftauchen und auf keine Fangquote angerechnet werden, erklärt Maack. 

Die Raubzüge haben Folgen: Drei von zehn Fischbeständen sind überfischt, sagt die FAO. Die meisten anderen werden bis an die Grenzen des biologisch verträglichen ausgebeutet. Wenn das so weitergeht, ist es 2050 vorbei mit Thunfisch und Seelachs, Sardinen und Sardellen, warnte das UNO-Umweltprogramm UNEP bereits vor Jahren.

Ein Rezept gegen Überfischung heißt nachhaltige Fischerei: Nicht mehr Fische fangen als nachwachsen. Eigentlich logisch, aber schwer umzusetzen. Vorhandene Bestände abzuschätzen ist schwierig und die Zahlen über gefangenen Fisch sind unvollständig. 1997 gründeten die Umweltorganisation WWF und der Lebensmittelkonzern Unilever den Marine Stewardship Council (MSC). Die von den beiden Gründern inzwischen unabhängige Organisation zeichnet mit ihrem Siegel Flotten aus, die ihre Bestände nachhaltig befischen. 

Auch Trawler zertifiziert

Inzwischen sind über 220 Fischereien zertifiziert, kleine regionale ebenso wie die großen US-amerikanischen und russischen Trawlerflotten, die vor Alaska jedes Jahr zusammen rund 1,8 Millionen Tonnen Seelachs aus dem Meer holen. Auch 1,5 Millionen Tonnen Hering aus dem Nordostatlantik gelten nach MSC-Regeln als nachhaltig gefangen – neben anderen Schiffen auch von der Jan Maria. Sie geriet im letzten Jahr in die Schlagzeilen. Greenpeace legte Dokumente vor, die belegten, dass die Mannschaft bereits gefangenen Hering über Bord gekippt hatte (siehe Interview). (Hinweis: Stellungnahme der Reederei Doggerbank Seefischerei GmbH zu den Vorwürfen des illegalen „Highgradings“ am Textende)

Greenpeace kritisiert, dass die MSC-Kriterien unklar formuliert und die Mindestanforderungen zu niedrig seien. Auch erlaube der MSC Grundschleppnetze, die den Meeresboden zerstören. Aus diesen Gründen rät der Fischratgeber von Greenpeace, Alaska-Seelachs mit MSC-Siegel nicht zu kaufen. Auch bei Hering ist Greenpeace deutlich kritischer als der MSC. Dieser argumentiert, dass jede MSC-zertifizierte Fischerei nachhaltig arbeite. Es gebe unterschiedlich schädliche Grundschleppnetze und unterschiedlich empfindliche Meeresböden, die damit befischt werden. Deshalb müsse man jeden Fall separat betrachten.

Wildfisch im Bio-Laden: Nachhaltigkeit ist Pflicht

Auch im Bio-Laden gibt es Wildfisch. Der Bio-Fachhandelsverband BNN hat eine Sortimentsrichtlinie, nach der sich viele Händler richten. Sie schreibt vor, dass der Fisch aus nachhaltigem Fang stammen muss. Das MSC-Siegel gilt als Mindeststandard, auch Siegel wie Friend of Sea oder Iceland Responsible Fisheries werden anerkannt. Zusätzlich jedoch müssen unabhängige Experten wie Greenpeace oder die Datenbank FishBase die jeweilige Fischart und deren Fanggebiet als vertretbar einstufen. Wildfisch im Bio-Laden stammt somit konsequent aus nachhaltiger Fischerei – und alle anderen Zutaten von der Soße bis zur Panade der Fischstäbchen sind sowieso bio.

Als zweites Rezept gegen leergefischte Meere gilt die Fischzucht. Sie
liefert laut FAO weltweit 63 Millionen Tonnen Fische, Krebse und Muscheln. Über die Hälfte sind Süßwasserfische, die zu einem großen Teil in China für den dortigen Markt produziert werden. Den deutschen Markt teilen sich wenige Arten: Shrimps, Lachs, Pangasius, Tilapia, Forelle und Dorade.

Konventionelle Fischzucht ist Massentierhaltung im Wasser und wirft vergleichbare Probleme auf wie die Tiermast an Land: Die Ausscheidungen überdüngen Gewässer. Das enge Aufeinanderleben macht die Tiere krankheitsanfällig und ist nicht artgerecht. Billiges Futter zu beschaffen, schädigt die Umwelt.

Um zu zeigen, dass es anders geht, begannen Bio-Verbände – allen voran
Naturland – Mitte der 90er-Jahre damit, Kriterien für Bio-Fischzucht zu entwickeln: Die Tiere sollten mehr Platz haben sowie ohne Antibiotika und Zusatzstoffe in naturnahen Teichen aufwachsen. Der erste zertifizierte Bio-Fisch war Lachs, gehalten in Gehegen an der irischen Westküste. Es folgten Shrimps aus Ecuador und anderen Entwicklungsländern, Pangasius aus Vietnam und Muscheln. Aus Süßwasserteichen kamen Karpfen, Saiblinge und Forellen hinzu. Seit Anfang 2010 gelten EU-Standards für Bio-Fischzucht. Sie bleiben etwas hinter den Anforderungen der Verbände zurück.

1 kg Farmlachs = 4 kg Wildfisch

Fische aus Aquakultur tragen ebenfalls zur Überfischung der Meere bei. Denn sie fressen Fisch. 17 Millionen Tonnen Meeresfisch wurden 2011 zu Fischöl und Fischmehl verarbeitet, schätzt die FAO. Der größte Teil davon wurde an Zuchtfische verfüttert. Um ein Kilogramm Farmlachs zu erzeugen, müssen vier Kilogramm Wildfisch verarbeitet werden. Auch Shrimps oder Pangasius brauchen einen Anteil Fisch im Futter. 

Für Pangasius und Shrimps erlaubt die EU-Öko-Verordnung höchstens zehn Prozent Fischprodukte in der Futterration. Für diese Produkte dürfen jedoch keine Wildfische gefangen werden. Fischöl und Fischmehl für Bio-Fisch müssen aus Resten von Speisefischen hergestellt werden, die aus biologischer Aquakultur oder nachhaltiger Fischerei stammen. Zusätzliches pflanzliches Futter muss bei allen Bio-Fischen aus ökologischem Anbau kommen. 

Nach dem Vorbild des MSC beim Wildfisch hat der WWF zusammen mit großen Handelsketten den ASC initiiert, den Aquaculture Stewardship Council (ASC). Erste Produkte mit ASC-Logo sind schon auf dem Markt. Doch wirklich nachhaltig sind die Standards nicht: Der ASC erlaubt Agro-Gentechnik im Futter. Fischmehl und -öl müssen erst in vier Jahren aus MSC-zertifizierter Fischerei stammen. Bestandsdichten sind nur bei einigen Arten geregelt. Für Pangasius in Käfigen erlaubt der ASC 80 Kilogramm Fisch pro Kubikmeter. Bei Bio sind lediglich zehn Kilogramm je Kubikmeter zugelassen. 

Karpfen als Alternative

Ganz ohne Fischmehl und Fischöl kommen Karpfen aus. Doch sie spielen im Bio-Laden kaum eine Rolle. Bundesweit gibt es nur wenige Bio-Teichwirte, die den Fisch in naturnahen Teichen halten. Die meisten vermarkten ihre Produkte regional, nur den Lausitzer Bio-Karpfen gibt es bundesweit in Bio-Läden zu kaufen – als heimische und dennoch exotische Alternative zu Bio-Pangasius und Shrimps aus Übersee. 

 Martin HahnBio Verde

Seit zwei Jahren bietet Bio Verde Hering aus Naturlandzertifizierter Fischerei an. „Wir stehen nicht hinter MSC“, erklärt Qualitätsmanager Martin Hahn. Deshalb startete das Unternehmen ein eigenes Projekt an der Ostsee.

Immer wieder fragten Bio Verde-Kunden nach Heringssalat. „Aber Hering aus industrialisierter Hochseefischerei, die Tausende Tonnen fängt, das passt nicht zu uns“, erzählt Martin Hahn. Zufällig erfuhr Bio Verde von einer kleinen Genossenschaft von Fischern, die direkt an der Pommerschen Ostseeküste mit Stellnetzen, also fast ohne Beifang, nach Hering fischen. Ganze 200 Tonnen im Jahr. Bio Verde wandte sich an Naturland und schlug den Fischern und ihrem Verarbeiter vor, sich zertifizieren zu lassen. „Wir stießen auf offene Ohren und Türen.“ Denn eine MSC-Zertifizierung konnten sich die Fischer nicht leisten, andererseits verlangten immer mehr Kunden einen Nachhaltigkeits-Nachweis. Zudem zahlt Bio Verde einen Preis weit über dem von industriell gefischtem MSC-Hering, sagt Martin Hahn. „Das ist Geld, das den Fischern direkt zugute kommt.“ Dadurch sind die Bio Verde-Produkte aber auch teurer als die von Mitbewerbern. „Doch das ist es Bio Verde wert“, sagt Martin Hahn. „Wir wollen die handwerkliche Kleinfischerei an der Ostseeküste erhalten. Das geht nicht, wenn man nur auf den Preis schaut.“

Patrik MüllerÖkoland

Ökoland steht für Würste und Tiefkühlkost. Dazu zählen auch Fischstäbchen und -filets aus Bio-Pangasius. „Wir wollen der tiergerechten ökologischen Aquakultur eine Vermarktungsperspektive bieten“, sagt Geschäftsführer Patrik Müller. 

„2008 haben wir mit Fischstäbchen begonnen“, erzählt Patrik Müller. „Für uns als hundertprozentige Bio-Firma kam kein Wildfisch in Frage, auch wenn es da gute Projekte gibt, sondern ausschließlich Bio-Fisch.“ Der kam zuerst aus einer norwegischen Kabeljauzucht, die jedoch aufhörte. „Für Fischstäbchen soll der Fisch weiß und grätenfrei sein und keinen zu starken Eigengeschmack haben. Karpfen, Forelle und Lachs schieden als Alternative aus und regional gab es kein passendes Angebot an Bio-Weißfisch. So entschieden wir uns für Bio-Pangasius.“ Die Welsart stammt von der ersten Bio-Pangasius-Farm in Vietnam. Der Betrieb im Mekong-Delta mit seiner vorbildlichen Bewirtschaftung zeige, dass sich Pangasius auch nachhaltig aufziehen lasse. „Der herausragende Unterschied ist die viel geringere Besatzdichte, außerdem werden keine Antibiotika, Farbstoffe und Hormone eingesetzt. Das Futter setzt sich aus regionalem Bio-Reis und Bio-Getreide sowie zehn Prozent Fischmehl aus nachhaltiger Fischerei zusammen.“ Patrik Müller hofft, dass Bio-Fisch sich noch weiter etablieren wird.

„Was vor Westafrikas Küste abgeht, ist ethisch verwerflich”

Thilo Maack ist Fischereiexperte bei der Umweltorganisation Greenpeace. 

Sie sind auf den deutschen MSC-zertifizierten Trawler Jan Maria nicht gut zu sprechen. Warum?

Greenpeace wurde von einem Ex-Mitglied der Crew dieses Supertrawlers das inoffizielle Logbuch vorgelegt. Daraus ergab sich, dass die Besatzung während einer einzigen Fangreise offensichtlich 1,5 Millionen Kilogramm Hering über Bord gekippt haben muss, um Platz für wertvolleren Fisch zu schaffen. Diese illegale Praxis nennt sich Highgrading und ist gängig in der Hochseefischerei. Denn die Besatzung wird am Erlös für den Fang beteiligt.

Was passierte daraufhin?

Die zuständige Bundesbehörde BLE ermittelte zehn Monate und verhängte dann eine geringe Geldstrafe. Zweifelsfreie Verstöße der Reederei konnten nicht festgestellt werden, hieß die Begründung. Obwohl alle Beweise auf dem Tisch lagen. Offensichtlich will man von der politischen Seite den Betreibern nicht ans Zeug flicken. Auch der MSC war nicht bereit zu handeln. 

Die Jan Maria fischt nicht nur Hering.

Sie und andere Hochseetrawler fischen seit Jahren mit dem Segen der EU auch vor der Küste Westafrikas. Die meisten dieser Schiffe gehören steinreichen Reederfamilien. Es ist ethisch verwerflich, dass eine Handvoll europäischer Multimillionäre sich mit der Fischerei vor Westafrika ihr Portemonnaie füllen. Für über eine Milliarde Menschen ist Fisch die wichtigste Proteinquelle. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern. Sie wissen heute nicht, was sie morgen essen sollen. 

Kann man solche Schiffe kontrollieren?

Das Meer ist groß und weit. Wer die Regeln unterlaufen will, kann das auch tun. Die Besatzung sieht auf dem Radar schon Stunden vorher, ob die Küstenwache kommt und kann sich vorbereiten. Nur eine stete Kamera-überwachung mit Datenübertragung vom Achterdeck, wo das Netz eingeholt wird, würde helfen.

In vielen Ländern gibt es gar keine Küstenwache.

Unsere Kollegen von Greenpeace Senegal berichten immer wieder, dass russische oder chinesische Trawler in ihren Gewässern fischen. Die Piratenfischer nutzen es aus, dass diese Länder gar nicht in der Lage sind, sich zu wehren. Die FAO schätzt, dass wegen der illegalen Fischerei der Wirtschaft jährlich bis zu 23 Milliarden US-Dollar entgehen.

Fisch-Label: eine Übersicht

Fotos: © Greenpeace / Pierre Gleizes, Axel Kirchhof

Stellungnahme der Reederei Doggerbank Seefischerei GmbH zu den Vorwürfen des illegalen „Highgradings“

 „Die auch für Fischereikontrolle zuständige Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) hat die Doggerbank Seefischerei GmbH und die Besatzung des Fischereifahrzeuges „Jan Maria“ am 6. November 2013 vom Vorwurf des „Highgrading“ freigesprochen. Nach einem mehrmonatigen, gründlichen Ermittlungsverfahren bestätigte die BLE die Position der Reederei, wonach die offiziellen Logbuchangaben der „Jan Maria“ korrekt sind. Das Verfahren wurde daher eingestellt. Die Doggerbank Seefischerei GmbH hat die Anschuldigungen, die „Jan Maria“ betreibe illegales „Highgrading“, stets nachdrücklich zurückgewiesen. Unsere Kapitäne werden regelmäßig durch die Reederei über das das aktuell geltende Fischereirecht informiert und angewiesen, dieses strikt zu beachten. Darüber hinaus unterliegen alle Schiffe einer umfassenden Kontrolle auf See.

Für eine nachhaltige Bewirtschaftung der Fischbestände ist es im Übrigen nicht wichtig, ob die auf der Basis wissenschaftlicher Empfehlungen festgelegten Fangquoten von großen Trawlern oder kleinen Küstenfischern befischt werden. Die Fangquoten sind darauf ausgelegt, die Fischbestände nicht zu gefährden und somit hat die Größe eines Schiffs keinen Einfluss auf die Gesundheit der Fischbestände.“

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