Anzeige

Anzeige

Ein Dorf kämpft gegen Pestizide

Johannes Fragner-Unterpertinger und Elisabeth Viertler (Foto: Foto Motiv Mals)
„Wir sind viele durchsetzungskräftige, engagierte Menschen, die wissen, was sie wollen“, sagen Johannes Fragner-Unterpertinger und Elisabeth Viertler von der Anti-Pestizid-Kampagne. (Foto: Foto Motiv Mals)

Der Südtiroler Ort Mals hat sich per Volksentscheid gegen Pestizide ausgesprochen. Der Sprecher der Initiatoren, Johannes Fragner-Unterpertinger, berichtet über Chancen, Widerstände, Anfeindungen.

Herr Fragner-Unterpertinger, wann ist Ihr Heimatort Mals pestizidfrei?

Wie lange es jetzt noch dauern wird, wissen wir nicht. Vor fünf Monaten haben die Bürger in einer Volksabstimmung mit großer Mehrheit für ein Pestizid-Verbot gestimmt. Im Dezember  wurde im Gemeinderat die 2/3-Mehrheit für eine entsprechende Änderung des Gemeindestatuts nicht erreicht. Beim nächsten Mal reicht die einfache Mehrheit. Jetzt müssen wir abwarten, wie schnell die Umsetzung geht.

Warum sind Pestizide gerade in Mals ein Problem für die Bevölkerung?

Unsere Landschaft ist sehr klein strukturiert, es gibt also viele kleine Felder. Und es gibt
bei uns einen konstanten Oberwind, der sogar die Bäume auf der Malser Haide schief wachsen lässt. Wenn die meist gemeindefremden Obstbauern weiterhin rücksichtslos ihre Pestizide ausbringen, dann verteilt sich das alles überallhin.

Ein Beispiel: Mein Vetter bewirtschaftet als Vollerwerbs-Milch-Bauer zehn Hektar. Sein Land ist aber über eine Strecke von etwa acht Kilometer Länge und vier Kilometer Breite verstreut. Die Wiese auf dem tiefsten Punkt liegt auf etwa 900 Metern Meereshöhe, die höchstgelegene Wiese auf circa 1 400 Meter. Und alles wird von konstantem Oberwind heimgesucht.

Wie sieht denn das pestizidfreie Mals bald aus? Was wird besser? Wie lässt es sich dort leben?

Gesünder, nachhaltiger, wirtschaftlich erfolgreicher, touris-tisch attraktiver, entspannter, freudiger … Es gibt Hunderte von wissenschaftlichen Studien, die alle belegen, wie gefährlich Pestizide für die Menschen, Tiere und die Umwelt sind. Sogar in den Beipackzetteln der Pestizide ist die Rede von allergischen Hautreaktionen, von Augenschäden, von der Giftigkeit beim Einatmen und sogar von der Gefahr, an Krebs zu erkranken. Wer behauptet, dass Pestizide ungefährlich sind, ist ein krimineller Lügner.

Aber die EU akzeptiert womöglich den Volksentscheid nicht?

Wohl weniger die EU als die Pestizid-Lobbys. Aber es gibt überall regionale Besonderheiten. Die sollten sowohl ein ordentliches Gericht als auch eine EU-Kommission überzeugen. Außerdem gibt es einige Initiativen, die erreichen wollen, dass die Gerichte und die EU unseren Volksentscheid akzeptieren. Und das werden sie hoffentlich langfristig tun.

Gibt es auch in Mals Gegner des Pestizidverbots?

Pestizid-Freunde haben Klage sowohl gegen mich persönlich als auch gegen mich als Promotorensprecher eingereicht. Diese Klagen sind ein klassischer Einschüchterungsversuch. Ich finde es bodenlos: Denn wenn man nicht mal mehr das Volk nach seiner Meinung fragen darf, dann hört Demokratie auf!

Werden Sie und Ihre Kollegen persönlich angefeindet?

Eine Zeit lang sehr: Vor allem vor der Abstimmung gab es verbale Drohungen und Sachbeschädigungen. Und dann kam diese Klage, von der ich gerade erzählt habe. Aber nach der Abstimmung wurde es besser. Immerhin haben sich fast 70 Prozent der Menschen an der Abstimmung beteiligt, und 76 Prozent haben sich für ein pestizidfreies Mals ausgesprochen!

Wann und warum entstand überhaupt die Idee, eine Petition ins Leben zu rufen?

Nachdem sich die jahrelangen Bemühungen um den Schutz der Gesundheit der Bevölkerung und um ein friedliches Nebeneinander aller Landwirtschafts-Anbauweisen als wirkungslos erwiesen haben, haben wir am 25. Februar 2013 in der Bibliothek Mals ein „72-köpfiges Promotorenkomitee für eine pestizidfreie Gemeinde Mals“ gegründet. Darin sind sowohl  Menschen aller Altersschichten als auch alle Berufsgruppen vertreten, vom Milch-, Vieh- und Getreidebauer bis hin zum Universitätsprofessor.

Wie sah die Arbeit dieses Komitees aus?

Wir haben in den vergangenen Monaten etwa 20 Treffen organisiert, an denen Fachleute aller Couleurs ihre Sichtweise sowohl zu den Pestiziden und deren Gefährlichkeit als auch zu einer sinnvollen Wirtschaftsentwicklung für die Gemeinde Mals vorgestellt haben. Wir haben dann in kürzester Zeit Hunderte von Unterschriften gesammelt, um die Volksabstimmung einfordern zu können.

Was macht das Komitee heute?

Wir helfen den Bauern, vor allem den Bio-Bauern. Wir unterstützen sie, ihre Produkte zu vermarkten. Geplant ist auch eine Bio-Genossenschaft, Bauern und Hausfrauen soll gezeigt werden, wie man ohne Gift, ohne Pestizide anbaut.
Wie hat sich die Situation, das Verhältnis zwischen Bauern und Bürgern seit Beginn der Petition verändert?
Die meisten einheimischen Vieh- und Ackerbauern standen immer und stehen weiterhin auf unserer Seite. Die Bürgerschaft ohnedies. Vom Verhalten der wenigen üblen und üblichen Quertreibern abgesehen, ist das Verhältnis entspannt. 

Ist eine solche Aktion, eine solche Petition auf andere Gegenden übertragbar?

Na klar. Aber es braucht sehr viel Mut, Konstanz und Durchhaltevermögen, so etwas durchzuziehen. Denn die „offizielle Politik“, vielfach dazu noch Lobby-gesteuert, wird meist versuchen, direktdemokratische Entscheidungen zu verhindern.

Haben Sie Tipps für andere, wie eine solche Aktion „Wir machen unsere Gemeinde pestizidfrei“ umsetzbar ist?

Mindestens zwei Jahre Vorlaufzeit sind nötig. Und während dieser Zeit sollte jeden Monat eine gute Veranstaltung stattfinden, um die wissenschaftlichen Aspekte zu erklären und die Bevölkerung auf die enormen gesundheitlichen Risiken der Pestizidexposition aufmerksam zu machen. Wichtig ist, Ärzte, vor allem Onkologen und Umweltmediziner, einzuladen. Aber auch Biologen, Umweltfachleute und Bio-Bauern können bei solchen Veranstaltungen die Menschen überzeugen.

Was braucht es dazu? Geld? Charakter? Zivilcourage?

Alles zusammen, und besonders Zivilcourage in überreichlichem Maß! Dazu ein engagiertes Team, das mit Heiterkeit und Zähigkeit beweist, dass es beim Kampf gegen Pestizide nicht nur für eine nachhaltige Landwirtschaft und für pestizidfreie Landschaft, sondern dass es wirklich um unser aller
Zukunft und Gesundheit geht.

Die Gemeinde Mals ...

Die Gemeinde Mals (Foto: Foto Motiv Mals)
(Foto: Foto Motiv Mals)

... liegt gut 1 000 Meter hoch im Obervinschgau in Südtirol (Italien). Sie hat etwas mehr als 5 000 Einwohner. Engagierte Menschen aus Mals wollen ihren Heimatort zu einer pestizidfreien Zone machen. Ihrem Sprecher, dem Apotheker Johannes Fragner-Unterpertinger, ist es ganz wichtig, dass die Initiative eine von vielen Schultern getragene Aktion ist. Das sogenannte Promotorenkomitee, dessen Sprecher er ist, hat im vergangenen Jahr den Zivilcourage-Preis der „Ilse Waldthaler Stiftung für Zivilcourage und soziale Verantwortung“ bekommen. Das Komitee hat in einem Manifest niedergeschrieben, worum es ihm geht: nämlich den Schutz der Gesundheit und als Voraussetzung dafür den fürsorglichen Umgang mit der Umwelt, mit den Lebensgrundlagen Boden, Wasser und Luft.

Manfred Loosen (Foto: WDR)
Manfred Loosen (Foto: WDR)

Schrot&Korn-Redakteur Manfred Loosen war beim Interview beeindruckt von dem Engagement des Promotorenkomitees und seines Sprechers Johannes Fragner-Unterpertinger.

Erschienen in Ausgabe 02/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Renate Bruhn

Im Internet ist zu lesen über äußere Ursachen der Parkinsonerkrankung:In Tiermodellen(=Tierversuche?)gibt es Hinweise darauf,daß Pestizide in Obst und Gemüse Parkinsonähnliche Symptome auslösen können.In Frankreich ist seit 2012 als Berufskrankheit von Landwirten anerkannt,wenn sie mindestens 10 Jahre mit Pestiziden in Berührung kamen.Kommentar überflüßig!

Johannes Fragner-Unterpertinger

S.g. Redaktion des Bio-Verlages, 1000 Dank von Johannes Fragner-Unterpertinger aus Mals, Sprecher des Promotorenkomitees für eine pestizidfreie Gemeinde Mals, auch im Namen aller meiner Mitstreiter/innen, für die Möglichkeit des Interviews.
Unser Weg war und ist lang und steinig, aber im Bewusstsein, dass der pestizidfreie Weg nicht nur der einzige sinnvolle sondern sogar der einzige mögliche für die Menschheit ist, werden wir nicht locker lassen und uns weiterhin dafür einsetzen.

Hans Herren, Träger des Alternativen Nobelpreises, schreibt in seinem Unterstützbrief an uns u.a.: […] „Aber die Chancen, die eine nachhaltige ökologische Landwirtschaft bietet, sind enorm. Und sie werden weiter wachsen mit der Erkenntnis weltweit, dass wir die Menschen auf unserem Planeten nur mit solchen Methoden mit genügend und gesunder Nahrung versorgen können.“ […]

Dazu noch ein paar Sätze aus den vielen Überlegungen, die ich allenthalben „verbreite“.

• Mals könnte zu einem Labor eines gesundheitlichen, politischen, ökonomischen und sozialen Entwurfes werden… wenn alle bereit sind, sach-angemessene Lösungen finden.
• Zukunfts-Pläne sind Zukunfts-Organigramme. Zukunft muss immer herbei-gearbeitet werden.
• Es geht uns nicht um ein Entweder–Oder, sondern um ein Sowohl–Als auch. Denn die Wahrheit ist ein buntes Mosaik.
• JEDER Mensch hat Einfluss auf die Schöpfung. Er muss sich dessen bewusst sein und verantwortungsvoll handeln und leben, auf dass die nächste Generation noch Lebensgrundlagen hat.
Deshalb muss jeder wirtschaften unter dem Aspekt der Frage: Kann ich das, was ich [wirtschaftlich] tue, der nächsten Generation gegenüber verantworten? Kann ich weitere 20 Jahre ungehindert und ungestraft (T+, T und Xn,i-)-Pestizide in Luft, Wasser, Erde sprühen?
• Heute sollte jeder Bauer begreifen, dass er in einem Kontext wirtschaftet, der ganzheitlich gesehen werden und der ein breites Feld abdecken muss.
• Den Natur-Gütern folgen die Kultur-Güter nach: Kunst, Kultur, (pestizidfreie) Landschaft(en) sind Mehrwert-Zertifikat: Das ist unsere WIRTSCHAFT der Zukunft! Oder wir werden keine haben.