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Kolumne: Die Straße – Ein Einblick in das deutsche Seelenleben

Fred Grimm
Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt
verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und
das, was dazwischenkommt.

Sollte man – warum auch immer – Lust auf einen zünftigen Krach haben, bei dem man seine Lieblingsschimpfwörter loswerden kann, muss man in Deutschland nur auf die Straße gehen.

Entweder Sie setzen sich ins Auto und rollen den Wagen mal kurz auf den Radweg. Sie können auch mit dem Rad auf dem Bürgersteig in angedeuteten Schlangenlinien in die falsche Richtung fahren. Oder Sie schlendern als Fußgänger aufreizend langsam über die Straße und zwar genau in dem Moment, in dem die Ampel auf rot umspringt. Die Rechtsabbieger, die jedes Ampelrot ohnehin als persönliche Beleidigung betrachten, werden es Ihnen danken. Macht man natürlich alles nicht, aber so ein Benehmen ist hierzulande die sicherste Methode binnen Sekunden einen Kleinkrieg anzuzetteln.

Gespräche über den Verkehr und seine Plagen eröffnen tiefe Einblicke in das deutsche Seelenleben. Die Autofahrer hassen die Radfahrer, besonders, wenn die an Stautagen schneller sind als sie. Auch die anderen Autofahrer nerven. Zu langsam, zu schnell, der Abstand zu klein, zu groß, egal: alles Idioten. Außer mir.

Radfahrer geben die Feindseligkeiten gern zurück. Beliebt bei ihnen sind die souverän missachtete Vorfahrtsregel, die Autos zur Vollbremsung zwingt, oder auch das raumgreifende Ich-weiß-ich-könnte-auch-auf-dem-Radweg-fahren-mag-aber-nicht, das Autofahrer hinter ihnen in virtuelle Mordgemeinschaften verwandelt. Am schlimmsten aber, das eint Radler und Autofreunde, sind die Fußgänger. Smartphone-Junkies mit Kopfhörern, die auf Radwegen und Straßen taumeln, ohne auch nur einmal vom WhatsApp-Chat aufzublicken. Dazu die Rentner, berüchtigt für plötzliche, orientierungslose Richtungswechsel, und natürlich die Mütter, die ihre Kinderwagen einsetzen wie Besatzungsmächte ihre Panzer. Sagen jedenfalls die Rad- und die Autofahrer. Und wenn ich jetzt noch anfangen würde aufzuzählen, worüber die Fußgänger so alles schimpfen, hätte ich genug Stoff für die nächsten zehn Kolumnen.

Ohne Schilder nehmen wir mehr Rücksicht

Je länger ich darüber nachdenke, was uns im Straßenverkehr so schnell das gute Benehmen vergessen lässt, umso mehr glaube ich, dass wir uns mit dem gut gemeinten Regelwerk keinen Gefallen getan haben. Experimente in Städten, bei denen man einfach mal alle Schilder und Ampeln weggelassen hat, führten binnen weniger Wochen dazu, dass alle mehr Rücksicht aufeinander nahmen, einfach weil sie es mussten. Wäre es nicht eine bezaubernde Vorstellung, wenn die Straßen und Wege wieder allen gehören würden und die Menschen in fröhlicher Anarchie das Miteinander entdecken könnten?

Ist natürlich schwachsinnig, die Idee, denn wir wissen ja alle, wie die Autofahrer so ticken. Und die Radler. Und die Fußgänger sowieso.

Erschienen in Ausgabe 09/2014
Rubrik: Leben&Umwelt

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Simon

"oder auch das raumgreifende Ich-weiß-ich-könnte-auch-auf-dem-Radweg-fahren-mag-aber-nicht, das Autofahrer hinter ihnen in virtuelle Mordgemeinschaften verwandelt."
Also, laut StVO gehören Fahrzeuge, und somit auch Fahrräder, auf die Straße. Eine Radwegbenutzungspflicht gibt es eigentlich nicht. Ein Radweg kann allerdings mit blauem Radwegschild als benutzungspflichtig gekennzeichnet werden, allerdings nur an besonders gefährlichen Stellen. Leider sind dem viele Kommunen nicht nachgekommen, weshalb es sehr viele unrechtmäßig benutzungspflichtige Radwege gibt. Das problem, insbesondere baulicher "Gehwegradwege" ist die erhöhte Gefährdung der Radfahrer. Es gibt unzweifelhafte Untersuchungen, dass Radfahrer auf der Fahrbahn am sichersten sind. Dort müssen sie zum rechten Fahrbahnrand einen Sicherheitsabstand von 80 cm (bei parkenden Autos mindestens 1m) halten. Also meist auf der Linie der angeblichen Schutzstreifen fahren. Raumgreifendes radeln auf der Fahrbahn schützt die Fahrer des umweltfreundlichsten Verkehrsmittels - das hat nix mit mag ich nicht zu tun, sondern mit Kenntnis der StVO und Sicherheit.