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Der Stoff kann was

Mode aus Hanf (© istockphoto/Creative-Family)
Hanf gilt als ökologische Wunderpflanze – und hat Einzug in trendige Eco-Fashion-Läden gehalten. (© istockphoto/Creative-Family)

MODE Hanf hat als Faser für Kleidung sein altes Image längst abgelegt. Trotzdem ist er keine wirkliche Alternative zu Bio-Baumwolle. // Monika Herbst

Wer sich mit Hanf beschäftigt, fragt sich schnell, warum diese Wunderpflanze nicht längst die Welt erobert hat. Nicht, um damit Joints zu drehen – viele denken bei Hanf in erster Linie an Drogen –, sondern um Shirts oder Hosen daraus zu fertigen. Allein die Geschichte der Hanffaser ist legendär: Die erste Levis-Jeans im 19. Jahrhundert wurde nämlich nicht, wie viele glauben, aus Baumwolle hergestellt, sondern aus Hanf. Die Goldwäscher, die bei ihrer Arbeit im Wasser standen, brauchten Hosen aus einem robusten Stoff. „Hanf ist im Gegensatz zu Baumwolle super wasserresistent“, erklärt Professor Ramiro Alvarado von der Esmod, der Internationalen Kunsthochschule für Mode in Berlin, wo Studierende im Masterprogramm „Sustainability in Fashion“ lernen, wie man Mode ökologisch und sozial produziert. „Die Baumwollfaser ist innen hohl und saugt sich mit Wasser voll. Das macht das Gewebe auf Dauer kaputt“, erklärt der Experte. Hanf ist deutlich langlebiger und strapazierfähiger.

Geht es auch ohne Erdöl?

Nun waten wir heute nicht mehr durch tiefes Wasser, wie einst die Goldgräber, sondern sitzen meist am Schreibtisch. Dafür brauchen wir keine robuste, wasserresistente Hose. Dass Hanf heute wieder Thema ist, hat einen anderen Grund: Die Fasern, die wir aktuell für unsere Kleidung verwenden, sind in der Regel alles andere als ökologisch. Hanf könnte eine umweltfreundliche Alternative sein. Aber ist sie das wirklich?

Mehr als die Hälfte der weltweit produzierten Kleidungsstücke bestehen aus Kunstfasern. Sie basieren in der Regel auf dem endlichen Rohstoff Erdöl, abgelöste Mikropartikel belasten die Gewässer. Neben den Kunstfasern gehört die Baumwolle zu den meistgenutzten Rohstoffen für Textilien. Doch die Pflanze ist empfindlich gegen Schädlinge. Im konventionellen Anbau wird sie deshalb bis zur Ernte bis zu 20 Mal mit Pestiziden besprüht. Als wärmeliebende Pflanze wird sie zudem vielfach in Regionen angebaut, in denen sie künstlich bewässert werden muss. Was viele außerdem nicht wissen: 70 Prozent der konventionellen Baumwolle stammt von genmanipulierten Pflanzen. Sowohl Baumwolle als auch Kunstfasern schaden also massiv der Umwelt. Trotzdem machen beide zusammen 90 Prozent unserer Kleidung aus, wie der Verband der deutschen Textil- und Modeindustrie schätzt. Mit einem Anteil von unter 10 Prozent folgt Wolle. Die übrigen ein bis zwei Prozent teilen sich die restlichen Faserarten, darunter Hanf.

Wie Baumwolle und Wolle ist auch Hanf eine Naturfaser. Naturfasern stammen von Tieren oder Pflanzen, sind luftdurchlässig und können bis zu 30 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen. Lange Zeit waren die Naturfasern Hanf, Leinen, Nessel und Wolle hierzulande die gängigen Rohstoffe für Kleidung. Ende des 19. Jahrhunderts verdrängte die Baumwolle sie fast vollständig. Dabei haben Hanf und Flachs (Leinen) im Anbau gegenüber Baumwolle große Vorteile: Sie sind robust, geben sich auch mit schlechteren Böden und weniger Wasser zufrieden und kommen sogar mit unserem kühleren Klima zurecht. Während wir Baumwolle importieren müssen, könnten wir Hanf oder Leinen auch vor der Haustür anbauen.

Doch das ging nicht immer: Zwischen 1982 und 1996 war der Hanfanbau aufgrund der Drogenproblematik in Deutschland vollständig verboten. Liegt es daran, dass sich Hanf heute bei uns so schwertut?

Hanf kommt selten allein

„Wir haben wenig reinen Hanf im Sortiment. Am ehesten noch bei Jeans oder Hemden“, sagt Sascha Klemz von Zündstoff. Und was sagen die Kunden? Die Hanf-Jeans ist nicht jedermanns Sache: „Das Material ist so fest, dass man damit enge Schnitte, wie sie jetzt modern sind, nicht hinbekommt“, sagt Klemz. Mode-Experte Alvarado von der Esmod ergänzt: „Denim aus Hanf verwäscht sich auch nicht so cool wie Baumwoll-Denim.“ 

Die Hanfkleidung, die der Fair-Fashion-Shop Zündstoff in Freiburg im Sortiment hat, ist meist mit Baumwolle gemischt. Die Kleidung, die daraus hergestellt wird, besteht auch bei mode­orientierten Kunden. Und sie hat noch einen zusätzlichen Vorteil: „Shirts aus Hanf-Baumwoll-Mischung fühlen sich genauso angenehm weich auf der Haut an wie Shirts aus reiner Baumwolle“, sagt Klemz. Doch der Weg dorthin ist sehr aufwendig: „Stoff aus Hanf ist gröber und kratziger. Die Faser lässt sich nicht so leicht als Feingarn spinnen“, weiß Klemz. Und für T-Shirts, die gestrickt werden, braucht man im Gegensatz zu Hemden, die gewebt werden, besonders feine Garne.

Da hört für Ingenieur Kai Nebel der Spaß auf. Er forscht zu nachwachsenden Faserrohstoffen an der Fakultät für Textil & Design der Hochschule Reutlingen und beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Thema Hanf. Er sagt: „Ich bin kein Freund von Hanf-T-Shirts. Hanf ist nicht dazu gemacht, gestrickt zu werden.“ Bei der Produktion der feinen Hanfgarne sei der Energieaufwand im Verhältnis zur kurzen Lebensdauer der empfindlichen Textilien zu hoch. Gewebte Hemden aus Hanf seien dagegen robust und haltbar und vor allem deutlich ökologischer zu produzieren. „Bei feinen Hanfgarnen ist es schnell vorbei mit der Umweltfreundlichkeit“, sagt der Faser-Experte. Was sich nämlich kaum jemand klarmacht: Der Energieeinsatz ist bei der Produktion von Hanf, bedingt durch die aufwendigere Fasergewinnung aus dem zähen und widerstandsfähigen Rohstoff, ohnehin schon deutlich höher als bei der fluffigen Baumwolle. Das gilt ebenso für Leinen und Nessel.

Hanf aus kontrolliert biologischem Anbau ist kaum zu bekommen. Auch die Hersteller aus dem Öko-Bereich beziehen, mangels Alternativen, in der Regel konventionellen Hanf aus China. Der Hanf-Hersteller Hempage argumentiert damit, dass vor allem für die Kleinbauern eine Bio-Zertifizierung zu teuer sei.

Kein Wunder, dass Lars Wittenbrink, Geschäftsführer des Münsteraner Eco-Fair-Modeladens „Grüne Wiese“, angesichts der Nachteile von Hanf zu dem Schluss kommt: „Konventioneller Hanf ist nicht per se besser als Bio-Baumwolle. Wenn Bio-Baumwolle in Regionen angebaut wird, in denen es viel regnet und kaum zusätzliche Bewässerung nötig ist, kann sie durchaus nachhaltiger sein als Hanf.“ Es wäre viel geholfen, wenn die Hersteller Bio- statt konventioneller Baumwolle verwenden würden. Doch da ist noch viel zu tun: Der Anteil an Bio-Baumwolle an der gesamten Baumwollproduktion liegt unter zwei Prozent.

Die Zukunft sieht Faser-Experte Nebel nicht in Bio-Baumwolle, sondern in nachhaltig produzierter Viskose, für die beispielsweise Bruchholz aus heimischen Wäldern benutzt wird. Auch Fasern aus Pflanzenabfällen wie Ananas und Bananen gibt es mittlerweile. Trotzdem bleibt der Traum von wirklich nachhaltiger Hanfproduktion in Deutschland: Hanf wird zwar angebaut, aber die Qualität der Fasern reicht nicht für Textilien. Was fehlt, ist die industrielle Infrastruktur, um aus dem groben, landwirtschaftlichen Produkt einen feinen, gleichmäßigen Rohstoff zu machen. Aber vielleicht klappt es irgendwann noch mit dem Hanf, wie ihn Nebel gerne hätte: lokal und ökologisch angebaut, auf brachliegenden Flächen zum Beispiel und zur Bodenverbesserung. Wer dann zum festem Hemd aus gewebtem Hanf greift, kann aus Umweltsicht nichts besseres machen.

Hanfblatt (© fotolia/emer)
(© fotolia/emer)

BEIM KAUF BEACHTEN

Umweltfreundliche Fasern? 

  • Die Organisation „Made-By“ ordnet Fasern in Kategorien von A (am nachhaltigsten) bis E (am wenigsten nachhaltig). In Klasse A schaffen es Bio-Hanf und -Leinen (regionales Bio-Leinen z.B. über Hess Natur, Bio-Leinen über Livingcrafts) sowie recycelte Fasern.
  • Bio-Baumwolle und nachhaltig produzierte Viskosen wie Tencel finden sich in Klasse B, konventionelles Hanf und Leinen (überwiegend auf dem Markt) in Klasse C.
  • Aufpassen, wenn Bambus auf dem Etikett steht. Oft steckt mit Chemie produzierte Bambus-Viskose dahinter, die in der letzten Klasse landet.
  • Für die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards bei Naturfasern stehen die Logos „Global
    Organic Textile Standard (GOTS)“ und „Naturtextil IVN zertifiziert Best“.

Kleidung aus Hanf

‣ www.freitag.ch

Das Schweizer Label „Freitag“ kann mehr, als Taschen aus LKW-Planen herzustellen. Eigens für ihre Mitarbeiter entwickelten sie robuste Arbeitskleidung, die jeder kaufen kann: Hosen, Kleider, Schürzen und Jackets bestehen aus einer Mischung aus Leinen und Hanf. Die Kleidung wird in Europa hergestellt und ist zu 100% kompostierbar.

www.hanfhaus.de
Hier gibt es Kleidung aus 100 Prozent Hanf und Hanf-/Bio-Baumwoll-Mischung.

www.hessnatur.de
Das wohl umfangreichste Sortiment in Sachen Öko-Mode bietet der aus Hessen stammende Pionier Hess Natur.

 

Erschienen in Ausgabe 04/2017
Rubrik: Leben&Umwelt

Kommentare

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Ingrid Gokeler

Da Herr Nebel die textile Zukunft in nachhaltig produzierten
Regeneratfasern sieht, wie es sie derzeit z.B. unter dem Namen Modal Edelweiß (aus Buchenholz) oder Tencel (u.a. aus Eukalyptus) gibt, wäre es doch auch denkbar, Hanf als Ausgangsmaterial für solch eine Faser zu verwenden.
Die Hanfpflanze scheint dafür gut geeignet, denn sie hat einen recht hohen Zellulose- und einen geringen Ligningehalt und wächst zudem sehr schnell. Somit gäbe es neben der groben Hanffaser für gewebte Textilien und der mit viel Energieeinsatz „cottonisierten" feinen Hanffaser für Gestricktes, sogar noch eine dritte Möglichkeit, aus Hanf Fasern zu gewinnen. Mit Hanf-Viskose bzw. Hanf-Lyocell hätte man auch den Vorteil,
je nach Verwendungszweck, eine grobe oder feine Faser produzieren zu können.