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Wer näht mein Öko-Shirt?

Für Hungerlöhne und in Bruchbuden schneidern Frauen in Bangladesh und anderswo T-Shirts, Hosen und Kleider. Stellt sich die Frage: Wie und wo lassen Öko-Unternehmen nähen? // Leo Frühschütz

-> Armedangels
-> Living Crafts
-> Im Einsatz für faire Mode

Begegnen - InterviewVor einem Jahr stürzte das neunstöckige Rana Plaza ein und begrub über 3 500 Menschen unter sich. 1 132 von ihnen starben, rund 2 400 wurden verletzt, meist junge Frauen, die als Näherinnen gearbeitet hatten. In dem teilweise illegal errichteten Gebäude in einem Vorort von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeshs, waren fünf Textilfabriken untergebracht. Die Frauen nähten auch für europäische Marken: Adler, Benetton, Kik, Mango und Primark stand auf den Labels der Kleidungsstücke unter den Trümmern.

Unter dem Eindruck dieser Katas-trophe – und einer Million Protestunterschriften – traten bisher 150 Modeanbieter einem Abkommen über Brandschutz und Gebäudesicherheit in Bangladesh bei (www.bangladeshaccord.org). Initiiert hatten dieses Abkommen, schon vor der Katastrophe, die internationale Kampagne für Saubere Kleidung zusammen mit Gewerkschaftsverbänden.

Konsequenzen noch offen

Das Abkommen sieht vor, dass alle Textilfabriken des Landes auf Brandschutz und Gebäudesicherheit hin kontrolliert und Missstände abgestellt werden. Derzeit laufen die Kontrollen. „Interessant wird es, wenn Standorte renoviert oder geschlossen werden müssen. Wer finanziert das? Wer zahlt den Lohnausfall für die Arbeiterinnen?“ fragt Berndt Hinzmann. Er arbeitet bei der Organisation Inkota Netzwerk für die Kampagne für Saubere Kleidung und kennt seine Pappenheimer: „Vermutlich wird es, wie immer, wenn es ums Geld geht, wieder zig Ausreden geben, wie bei den Entschädigungen.“ Bis heute haben viele Marken, die im Rana Plaza arbeiten ließen, keine Entschädigung an die Opfer gezahlt.

„Es ist eine Schande, dass vor allem deutsche Unternehmen die Betroffenen der Katastrophe im Stich lassen.“

Geiz regiert auch, wenn es um den Lohn der Näherinnen geht. In Bangladesh und Kambodscha gingen sie zu Tausenden auf die Straße, weil sie von ihren Hungerlöhnen nicht leben können. In Bangladesh erhöhte daraufhin die Regierung zum 1. Dezember 2013 den Mindestlohn für die Textilbranche auf 68 Euro. Im Monat und bei 48 Arbeitsstunden pro Woche. Doch auch das reicht nicht zum Leben, selbst wenn die Näherinnen Überstunden schieben, um ein paar Euro hinzuzuverdienen.

Mindestlohn reicht nicht

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO verlangt in ihrer Konvention ein existenzsicherndes Einkommen. Das heißt, der normale Lohn muss so hoch sein, dass er alle Grundbedürfnisse abdeckt und zusätzlich etwas frei verfügbares Einkommen übrig bleibt. Der schwedische Modekonzern H&M lässt jedes Jahr für mehr als eine Milliarde Euro Textilien in Bangladesh fertigen. Er hat jetzt einen Aktionsplan vorgestellt und will in drei Modellfabriken existenzsichernde Löhne zahlen. Bis 2018 sollen dann die anderen Auftragnehmer folgen.

„Was fehlt, ist eine klare Definition des Existenzlohns“, sagt Berndt Hinzmann. „Die Vorstellungen von H&M und Gewerkschaften aus Bangladesh gehen da noch weit auseinander“. Die in der Asia Floor Wage Campaign zusammengeschlossenen Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen haben existenzsichernde Löhne für die Textilarbeiterinnen berechnet. In Bangladesh wären es 240 Euro, knapp das Vierfache des jetzigen Mindestlohns.

Gleiches in Kambodscha: Existenzsichernd wären 290 Euro im Monat, der gesetzliche Mindestlohn beträgt 62 Euro. Das reicht nicht einmal fürs Essen. Die britische Organisation Labour behind the Label zeigte, dass kambodschanische Näherinnen im Schnitt nur 1600 Kilokalorien täglich zu sich nehmen. Ein Viertel von ihnen ist schwer unterernährt.

Nach monatelangen Protesten der Näherinnen kündigte die Regierung an, den Mindestlohn auf 72 Euro anzuheben – und ließ die Polizei scharf auf Demonstrantinnen schießen. Es gab vier Tote, 21 Aktivistinnen waren Ende Februar noch in Haft. H&M, Gap, Zara, Puma, Adidas und Levis, die alle in Kambodscha fertigen lassen, verurteilten die Gewalt und riefen zu Verhandlungen auf. „Klingt gut – wer aber profitiert von den tiefen Löhnen und erzielt Gewinne?“, fragt Berndt Hinzmann und macht klar: „Verantwortlich sind die Unternehmen. Sie müssen existenzsichernde Löhne zahlen.“

Die Kampagne für Saubere Kleidung hat berechnet, dass alle mit einem T-Shirt verbundenen Arbeitslöhne 18 Cent ausmachen. Ein viermal höherer Lohn würde also mit 72 Cent zu Buche schlagen. Das wären gut 50 Cent mehr. Da die Aufschläge der Händler und anfallende Steuern prozentual berechnet werden, müsste der Endverbraucher womöglich zwei oder drei Euro mehr bezahlen.

Bessere Löhne für Öko?

Der Global Organic Textile Standard ist das weltweit wichtigste Siegel für Öko-Textilien. Über 3000 Betriebe entlang der textilen Produktionskette sind GOTS-zertifiziert. Darunter 50 aus Bangladesh. Zahlen sie existenzsichernde Löhne? „GOTS verlangt zwingend, dass Löhne und Gehälter mindestens die nationalen gesetzlichen Standards oder Industrie-Tarife erfüllen, je nachdem was höher ist“, erklärt Marcus Bruegel, technischer Direktor von GOTS. „Der existenzsichernde Lohn ist in unserem Standard eine Soll-Bestimmung, weil das in vielen Ländern in der Praxis noch nicht garantiert werden kann.“ Gleiches gilt im Prinzip für fairtrade gelabelte Textilien.

GOTS enthält ein Kapitel über soziale Mindestanforderungen. Es basiert auf den Konventionen der ILO. Sie verbieten Zwangs- und Kinderarbeit sowie Diskriminierung am Arbeitsplatz, regeln Arbeits- und Gesundheitsschutz, gewähren Vereinigungsfreiheit und legen eine maximale wöchentliche Arbeitszeit von 48 Stunden plus zwölf freiwillige und bezahlte Überstunden fest. Die Beschäftigungsverhältnisse müssen vertraglich geregelt sein.

„Das ist ein sehr allgemein gehaltener Code“, sagt Bruegel. Schließlich müsse er für alle Betriebe der textilen Produktionskette in allen Ländern handhabbar sein. Die praktische Umsetzung in Kriterien und Checklisten ist Aufgabe der 17 von GOTS anerkannten Zertifizierer, die alle auch als Öko-Kontrollstelle arbeiten. Sie müssen sich vor Ort mit der Lohnfrage auseinandersetzen und entscheiden, was den Standard erfüllt. „Wir geben keine Lohntabellen vor“, sagt Bruegel. „Existenzsichernde Löhne können individuell, regional und je nach Bewertungsansatz stark variieren. Eine internationale anerkannte Berechnungsmethode gibt es noch nicht.“

Kontrolle mit Ansage

Dass in Bangladesh nur 50 von rund 4 500 Textilfabriken GOTS-zertifiziert sind, und in Kambodscha ganze vier, führt Bruegel auf die hohen Anforderungen des Standards zurück. „Die meisten Betriebe scheitern in der Vorauswahl an Abwasserproblemen und intransparenten Sozialkriterien.“ Kontrolliert werden GOTS-Betriebe einmal im Jahr, angemeldet. Solche Inspektionen führen Zertifizierer auch für das Soziallabel SA8000 oder für die Einzelhandelsinitiative BSCI durch. Momentaufnahmen, die nicht immer aussagekräftig sind. Zwei der Betriebe im zusammengebrochenen Rana Plaza waren nach BSCI-Kriterien zertifiziert.

„Soziale Verbesserungen lassen sich nur zusammen mit den Gewerkschaften vor Ort erzielen, dafür ist ein produktbezogener Standard wie GOTS wenig geeignet“, sagt Hinzmann. Dazu brauche es Multi-Stakeholder-Initiativen wie die niederländische Fair Wear Foundation. (siehe rechts). „GOTS und Fair Wear, das macht was her“ formuliert er als Einkaufsempfehlung. Noch besser seien kleine Label, „die zum Beispiel bei Kooperativen nähen lassen.“ Doch neben dem Kaufverhalten müssten sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern. „Es braucht eine Transparenz- und Haftpflicht für die Mode-Unternehmen. Die müssten alles auf den Tisch legen – und bei Katastrophen wie Rana Plaza zahlen.“

Armedangels

Martin Höfeler Martin Höfeler hat vor sieben Jahren mit Studienkollege Anton Jurina das Social Fashion Label Armedangels gestartet. Sein Plan: „Wir wollen das fairste Modelabel der Welt werden. Und dabei mit Design, Preis und Qualität überzeugen.“

„Wir wollen möglichst transparent sein“

Rund 500 000 Textilien will Armedangels 2014 verkaufen. Hergestellt werden sie derzeit in neun Betrieben. Zwei in Portugal, einer in Marokko, vier in der Türkei und zwei in Indien. „Alle Betriebe sind GOTS-zertifiziert und auch von uns schaut jedes Jahr jemand dort vorbei“, sagt Martin Höfeler. „Wir arbeiten immer direkt mit den Lieferanten zusammen, ohne Mittelsmänner.“ Oft fertigen diese Betriebe auch für andere Naturtextilhersteller. „Es gibt im GOTS-Netzwerk Partner, mit denen wir ganz offen kommunizieren, uns auch über Lieferanten austauschen. Das wäre im konventionellen Bereich undenkbar.“ Den Weg zum fairen Hersteller begann Armedangels 2007 mit fair zertifizierter Baumwolle, kurz darauf kam der Bio-Anbau hinzu und 2010 das GOTS-Zertifikat. Im Moment beschäftigt sich Martin Höfeler mit dem Beitritt zur Fair Wear Foundation. „Wir wollen möglichst transparent und überprüfbar sein und auch die Expertise der Menschen dort nutzen, um noch besser zu werden.“ Und es besser zu machen: „Unser Ziel ist es, nach Bangladesh zu gehen und dort richtig fair zu produzieren. Aber da sind wir weit davon entfernt.“

Living Crafts

Frank Schell (Foto: Paula Bartels)Seit 29 Jahren vertreibt das zu Dennree gehörende Unternehmen Öko-Textilien, auch in einigen Bio-Märkten. „Nachhaltigkeit ist bei uns kein Modebegriff, sondern hat Tradition“, sagt Geschäftsleiter Frank Schell. „Und Transparenz auch.“ (Foto: Paula Bartels)

„Kontrolle ist wichtig, Vertrauen aber auch“

Die Kompetenz im Sortiment liegt bei Living Crafts bei Wäsche und Socken. Alle Hersteller kennt Frank Schell persönlich und besucht sie regelmäßig. Die Socken stammen zum Teil von zwei kleinen Betrieben im Erzgebirge. Zwei Lieferanten für Heimtextilien sitzen in der Türkei. Doch rund 60 Prozent der Produkte stellt ein Betrieb in der südindischen Textilhauptstadt Tirupur her, zertifiziert nach GOTS und Naturland-Richtlinien. Deren Standards und Kontrollen sind Frank Schell wichtig. „Doch unser Vertrauen beruht auf einer langjährigen, freundschaftlichen Zusammenarbeit, die von einem Geben und Nehmen geprägt ist.“ Das sei der große Unterschied zu den oft anonymen und kurzfristigen Geschäften in der konventionellen Textilbranche. Im November 2013 hat Schell seinen indischen Lieferanten für elf Tage besucht – und Bilder aus der Produktion auf der Facebook- Seite gepostet. Er kennt die Löhne und Sozialleistungen, die dort gezahlt werden. „Diese mögen für uns nach wenig klingen, haben aber vor Ort einen guten Wert. In der teuren Hightech-Metropole Bangalore ist der Wert viel geringer, da die Lebenskosten dort extrem hoch sind.“

Im Einsatz für faire Mode

So arbeiten die Kampagne für Saubere Kleidung und die Fair Wear Foundation.

Inkota Demo (Foto: Inkota)„Die Spinnweben in den Köpfen derer beseitigen, die die Konsequenzen der Billigproduktion nicht sehen wollen“, dafür demonstrieren die Cleaning Ladies von Inkota. (Foto: Inkota)

Seit 24 Jahren kämpfen in der Kampagne für Saubere Kleidung über 300 Organisationen in den Industrieländern für die Rechte der Textilarbeiter, für bessere Arbeitsbedingungen und faire Löhne. Dabei drängen sie die großen Mode- und Sportmarken sowie die Einzelhandelsketten, endlich die Verantwortung zu übernehmen, die sie als Auftraggeber haben. In Deutschland tragen neben anderen die Christliche Initiative Romero (CIR), das Inkota-Netzwerk, Terre des Femmes und das Südwind-Institut die Kampagne, unterstützt von den Gewerkschaften Ver.di und IG Metall.

Die Organisationen halten engen Kontakt mit ihren Partnern vor Ort. Ihre Studien beschreiben ausführlich die Verhältnisse in den Fabriken. Sie berichten aus erster Hand über Ereignisse, die selten den Weg in unsere Medien finden. Sie informieren aber auch auf Veranstaltungen, protestieren vor Kaufhäusern und sammeln Unterschriften, um in konkreten Fällen Druck aufzubauen. Dabei brauchen sie Unterstützung: Menschen, die Petitionen unterschreiben, in Kaufhäusern kritisch nachfragen oder Info-Abende organisieren. Material und Ansprechpartner gibt es unter www.saubere-kleidung.de, www.inkota.de und www.lohnzumleben.de.

Der 1999 gegründeten niederländischen Fair Wear Foundation (FWF) gehören Unternehmen, Gewerkschaften und Entwicklungsorganisationen an. Die FWF überprüft, ob ihre Mitgliedsunternehmen und deren Zulieferer die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation ILO einhalten und engagiert sich für Verbesserungen. Dabei schließt sie sich mit Organisationen vor Ort kurz und bindet auch die Expertise der Kampagne für saubere Kleidung mit ein. Unter den 120 FWF-Marken sind Anbieter von Öko-Textilien, darunter Hess Natur, aber auch große Outdoor-Marken. www.fairwear.org

Kommentare

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incl. 'http://'

Ursprünglich wollte ich nur meine grafischen Entwürfe auf T-Shirts bringen, merkte aber, dass bei vielen Dienstleistern die Kosten für den Einkauf und die Herkunft nicht transparent sind. Also habe ich recherchiert und Alternativen gefunden, die fair und ökologisch hergestellt sind. Die Zusammensetzung der Preise sollte allgemein durchsichtiger werden, und ich wünsche, dass sich immer mehr Leute Gedanken machen über die Produktionsbedingungen ihrer Kleidung.
little-kiwi.de

Joana Tarek

Hallo liebes Schrot & Korn,
immer wieder schön eure ausführlichen Berichte mit authentischen Interviews von Mitwirkenden in der Szene.
Nur fehlt mir mal ein Bericht oder Notiz zu Green Shirts.
Es werden immer nur die gleichen besprochen und ich finde dass auch die kleineren aufstrebenden Labels eine Chance bekommen sollten erwähnt zu werden. Auch um die Anzahl an ökologischer Kleidung noch zu vermehren!
http://green-shirts.com/

Alles liebe Joana

W.M Meger

Ein guter Anfang. Es gibt allerdings außer Baumwolle und Seide noch andere Textilfasern. In einem Öko-Katalog wurden die Produktionsschritte veröffentlicht. Schade, dass auch dort die Produktionsangaben mehrere Länder zeigen. Wieviel Kilometer braucht eine Ökokleidung, bis sie nach Deutschland kommt?