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„Vorwärts zur Natur!“

Karin Frick erforscht Ernährungstrends. Die Züricher Ökonomin weiß deshalb, was Kunden beim Lebensmittelkauf bald erwartet und wie es um die Zukunft von Bio steht. // Ralf Bürglin

InterviewWie wird man Trendforscherin?

(lacht) Bei mir war es eher Zufall. Ich habe Ökonomie studiert, als Redakteurin gearbeitet und bin so auf die Thematik gestoßen. Dazu kam persönliches Interesse. Ausbilden konnte man sich in diesem Bereich nicht. Mittlerweile gibt es aber einen Studiengang Trendforschung an der Uni Berlin. Mit der Arbeit habe ich mir das Wissen angeeignet.

Wie erforscht man denn Trends?

Wir arbeiten mit verschiedenen sozialwissenschaftlichen Methoden, machen Interviews, ethnologische Studien, quantitative Analysen. Wir führen auch Trendwatching durch, das heißt wir spüren Trends etwa mittels Beobachtung auf. Durch quantitative Analysen können wir die vermuteten Trends dann überprüfen.

Und damit können Sie sagen, was in der Zukunft passiert …

Wir erstellen Prognosen, aber wir schauen nicht in die Glaskugel. Wir können nicht sagen ‚in fünf Jahren werden wir 50 Prozent Veganer haben’. Aber wir sind in der Lage, Entwicklungen und Strömungen aufzuzeigen. Trends basieren ja auf dem Verhalten von Menschen. Beim Food-Trend sieht man etwa veränderte Gewohnheiten; es entstehen neue Bedürfnisse; neue Angebote werden geschaffen. Man kann all dies erfassen und Hypothesen aufstellen, wie sich die Dinge entwickeln.

Was für Bilder haben Sie im Kopf, wenn Sie an die Zukunft des Essens denken? Werden wir aus Tuben essen?

An den westlichen Märkten wird sich das, was sich die letzten Jahre entwickelt hat, noch verstärken. Es wird überhaupt nicht in Richtung Astronauten-Food gehen, eher hin zum Bauernmarkt. Die Menschen wollen nicht Starwars-Küche, sondern sie sehnen sich zurück zu Großmutters Zeiten. Wir stellen eine Sehnsucht nach Ursprung fest, andererseits gibt es einen Widerwillen gegenüber Functional Food. Im Idealfall würde man es am liebsten so haben wollen wie es mal war: aus dem eigenen Garten, in der eigenen Küche zubereitet, frisch und nah.

… aber die meisten werden diesen Traum nicht leben können …

Ja, natürlich. Wir sind gezwungen pragmatisch zu sein. Wir sind viel unterwegs, also müssen wir uns auch unterwegs versorgen. Und die Menschen haben heutzutage ja auch ein größeres Bewusstsein für die Ernährungsprobleme. Das lässt uns in der Lage sein, zu sagen: O.K., ich kann mich zwar nicht nach meiner Idealvorstellung ernähren, aber dann greife ich wenigstens nach dem Saft oder Joghurt, von dem ich annehme, dass er auf natürliche Weise entstanden ist.

Wird man den Menschen mit ihrem Wunsch nach mehr Ursprünglichkeit weiter entgegenkommen können?

Da ist ja längst was in Bewegung: Die Bio-Sortimente wachsen, und das nicht nur bei den Naturkostläden und anderen Spezialisten. Also wenn mehr Bio-Karotten gewünscht werden, werden Produzenten und Händler auch liefern. Und die Nachfrage nach Bio-Produkten steigt definitiv.

Wenn Bio in großem Stil produziert wird, trifft das dann wirklich den Nerv der Leute, die sich nach Omas Garten sehnen?

Man wird weiter differenzieren. Die sehr bewussten Konsumenten sagen ja heute schon ‚Bio ist nicht gleich Bio’, und sie werden dies in Zukunft noch verstärkt tun. Das zwingt die Produzenten dann wieder auf die Wünsche einzugehen, und man wird entsprechende Angebote machen. Andererseits wird es vermutlich schwierig werden, rein nach dem Motto „Small is beautiful“ zu handeln oder zum Wirtschaften auf kleinen Feldern zurückzukehren. Es wird mehr Zweifler geben, die sagen ‚Kann man so denn die Welt ernähren?’ Das wird sicher eine große Herausforderung. Sicher ist auch: Wir können nicht zurück zur guten alten Zeit. Das Motto wird nicht heißen: ‚Zurück zur Natur’, sondern eher ‚Vorwärts zur Natur’.

Die Trends, die Sie ausmachen, betrifft das alle in der Gesellschaft oder nur bestimmte Gruppen?

Trends werden in der Regel von Leuten gesetzt, die die finanziellen und intellektuellen Ressourcen haben. Man muss es sich leisten können, muss Zeit haben, Neues auszuprobieren. Mittlerweile ist „bewusste Ernährung“ zum Statussymbol geworden. Statussymbole sind dann für viele andere erstrebenswert, entsprechend geht der Trend dann in die Breite.

Wer oder was hat noch Einfluss auf den Ernährungstrend? Stichworte: Veganismus, Guerilla-Gardening, Containern …

Er braucht immer die Radikalen, die eine Idee vorantreiben. Die Extremen sind die Impulsgeber, diejenigen, die die neuen Themen in die Welt bringen.

Vermutlich gibt es auch Gegentrends?

Natürlich. Vor allem weil der gegenwärtige Ernährungstrend etwas Moralisierendes hat. Dazu folgende Geschichte: Ich war neulich bei einem Essen. Jeder hatte Fleisch bestellt, und jeder hatte das Bedürfnis sich dafür zu rechtfertigen, etwa mit den Worten ‚Ich hab sonst diese Woche noch gar kein Fleisch ge-habt’. Dabei hatte gar keiner gefragt. Man hat also tendenziell ein schlechtes Gewissen, wenn man sich quasi falsch ernährt. Und vom schlechten Gewissen zur Sünde ist es nicht weit. Und Sünde hat natürlich auch ihren Reiz. So entstehen Dinge wie der 2013 in New York kreierte Cronut, ein extrem mastiger Hybride aus Croissant und Doughnut mit Cremefüllung.

Was wird in zehn Jahren sein?

Ich glaube, es wird Essen so nicht mehr geben, wie wir es heute kennen. Man wird sich stark an traditionellen Märkten orientieren, auch wenn die Infrastruktur dahinter vielleicht eine ganz andere sein wird und dies eine komplexe Logistik erfordert. Saisonales wird an Bedeutung gewinnen; Fleisch wird tendenziell unbedeutender werden. Andere Angebote werden vielfältiger und dominanter werden, etwa für Veganer.

Welchen Stellenwert wird Bio-Ernährung haben?

Das wird die neue Normalität werden. Da werden wir dann gar nicht mehr so viel drüber reden. Allerdings wird es auch neue Differenzierungen geben: Regionalität wird eine Rolle spielen. Es wird um „Urban Farming“ gehen, also den Anbau von Produkten in Stadtgebieten.

Wie werden Läden darauf reagieren?

Sie werden die Wünsche der Kunden bedienen. Es wird eine Inszenierung des traditionellen Bauernmarktstils stattfinden. Unsere romantischen Bedürfnisse werden erfüllt werden. Wie die Organisation dahinter aussieht, ist eine andere Frage.

Karin Frick

Sie ist Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Institutes in Zürich. Als Ökonomin erforscht und analysiert Karin Frick dort schon seit vielen Jahren Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft. So hat sie etwa Antworten auf folgende Fragen gefunden: Wie verändern sich Werte, Wünsche und Lebensstile der Konsumenten? Wie und wo kaufen wir morgen ein? Wie werden wir in Zukunft wohnen? Studienberichte finden sich unter www.gdi.ch.

Privat in Sachen Ernährung sehnt sich die Ökonomin nach Essen aus dem eigenen Garten. Wenn sie unterwegs ist, der schnelle Hunger kommt und es nur Junkfood gibt, isst sie lieber nur einen Apfel und schiebt das eigentliche Essen auf, bis sie „was Gescheites“ kriegen kann.

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