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„Alle dachten, der dreht ab“

Seit 2001 leitet der lebensfrohe Schwabe Dieter Kosslick die Berliner Filmfestspiele. Der Berlinale hat er eine Öko-Revolution verordnet. Selbst die Superstars essen bei ihm vegetarisch. // Fred Grimm

Begegnen - Interview

Herr Kosslick, schließen Sie bitte die Augen und schnuppern Sie in die Vergangenheit. Wonach riecht Ihre Kindheit?

(schließt genießerisch die Augen) Nach Brezeln, Wecken, Rosinenbrötchen, nach Hörnchen, Schneckennudeln … Ich war ja ein Schlüsselkind und meine liebe Mutter hat mich jeden Morgen, bevor sie zur Arbeit ging, um sechs Uhr in der Backstube unten im Haus abgegeben: direkt ins Paradies. Den Geruch habe ich heute noch in der Nase. Hier in Berlin gibt es einen Bäcker, da riecht es genauso. Wenn man da reinkommt, betäubt es einem die Sinne, und wenn man wieder rausgeht, hat man für 100 Euro Brot und Backwaren gekauft.

Welche Rolle spielte Essen in Ihrer Kindheit?

Ich stamme aus Pforzheim. In Süddeutschland reden wir heute mehr über das Essen als die Franzosen oder Italiener. Das gehört bei uns einfach mit dazu. Meine Mutter hat mit mir zusammen gekocht. Das musste auch immer aus dem Garten sein. Auf mein Bitten hin hat sie später ihre Rezepte für mich aufgeschrieben. Danach kochen und backen wir immer noch.

Wenn man an Kino und Essen denkt, fällt einem eigentlich eher Popcorn ein. Auf der Berlinale gibt es seit 2007 eine Filmreihe mit dem schönen Namen „Kulinarisches Kino“. Wie sind Sie auf diese Verbindung von Film und Food gekommen?

Mein Schlüsselerlebnis dazu hatte ich Ende der 80er-Jahre, als ich noch in Hamburg arbeitete. Vom Filmbüro aus zeigten wir den wunderbaren Film „Babettes Fest“. Dazu kochte unser Koch aus der Filmhauskneipe für die Besucher das komplette Menü aus dem Film, ein richtiges Festmahl. Da saß man bis drei Uhr morgens zusammen und diskutierte. „Babettes Fest“, der 1987 einen Oscar bekam, enthält viele klassische Themen: Da kommt jemand irgendwohin und bricht die harten Herzen, Zungen, Hirne der Menschen mit etwas Angenehmen – in diesem Fall mit einem großen Essen. Und das verändert diese Menschen für immer.

Was genau ist das „Kulinarische Kino“ auf der Berlinale?

Auf jeden Fall ein riesiger Publikumserfolg: Die 2000 Tickets dafür haben wir dieses Jahr in wenigen Minuten verkauft. Das „Kulinarische Kino“ ist eine Kombination aus Filmbesuch mit anschließendem Menü, das im Spiegelzelt gegenüber dem Martin-Gropius-Bau serviert wird. Die Menüs haben direkt mit den gezeigten Filmen zu tun und werden von bekannten Sterneköchen wie zum Beispiel Tim Raue oder Michael Kempf zubereitet. Wir zeigen Filme, die im weitesten Sinne über Essen, Natur und Ökologie reflektieren. Filme, in denen tolle Köche wie die Roca-Brüder aus Nordspanien porträtiert werden, aber auch solche wie den gigantischen „Food Inc.“ von Robert Kenner, der über die Machenschaften der Nahrungsmittelindustrie aufklärt. Kurz gesagt: Wir zeigen tolle Filme, die Appetit machen, und welche, die ihn verderben.

Woher kommt Ihr Interesse für diese Themen?

Professionell beschäftige ich mich damit seit 1982, als ich für die Zeitschrift „konkret“ eine Öko-Seite ins Leben gerufen habe. Da habe ich als Journalist diese ganzen Sauereien recherchiert: Dass man Rotwein durch Asbestsiebe gießen durfte, damit er schön blinkt, dass die bunten Rührschüsseln mit Kadmium versaut waren und so weiter. Natürlich habe ich damals auch angefangen, mich intensiv mit Fleisch zu beschäftigen, unter anderem mit den ganzen „wunderbaren“ Zutaten, die nach den EG-Verordnungen erlaubt waren – und teilweise immer noch sind. Wenn man es richtig rechnet, sind wir Deutschen heute eigentlich schon zu 98 Prozent Vegetarier. Denn das, was da in den Würsten drin ist, hat oft mit Fleisch nicht mehr viel zu tun. Da gibt es viel Füllmaterial unter Zugabe von künstlichen Zutaten und viel Wasser. Wurstesser sind eigentlich getarnte Vegetarier.

Bei der ersten Pressekonferenz zum „kulinarischen Kino“ haben Sie sich zu diesem Thema richtig in Rage geredet.

Ja, die dachten alle, jetzt dreht der völlig ab.

Als Sie sich für vegetarisches Catering auf der Berlinale stark gemacht haben, gab es heftige Diskussionen. Unmöglich bei so einer Veranstaltung, hieß es.

Die jahrelangen Diskussionen sind beendet. Die Berlinale ist jetzt überwiegend vegetarisch und alle finden das Essen großartig. Eigentlich merkt auf den Empfängen, die es rund um die Berlinale gibt, niemand mehr, dass es kein Fleisch gegeben hat.

Aber brauchen nicht wenigstens die Weltstars, die immer die harten Männer spielen, ihr tägliches Steak?

Sie würden staunen, wie viele von den harten Männern Vegetarier sind. Clint Eastwood zum Beispiel oder Brad Pitt. Woody Harrelson isst sogar vegan. Die Stars wissen: Ihr Körper ist ihr Kapital, den wollen sie entsprechend gut behandeln. Und wer unbedingt meint, beim Festival abends noch ein Steak essen zu müssen, der bekommt natürlich eins.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Berlinale-Chef noch, ökologische Akzente zu setzen?

Genuss ohne Nachhaltigkeit ist keiner. Wir haben schon vor Jahren die Pressefächer abgeschafft, die täglich mit Tonnen von Papier überquollen. Unser Sponsor stellt für das Festival eine Hybrid-Flotte zur Verfügung und Öko-Strom lässt den Potsdamer Platz erstrahlen. Außerdem ist die Berlinale nach dem europäischen Pendant der internationalen Umwelt-managementnorm ISO 14001 öko-zertifiziert. Mit großem Erfolg: Von 2009 bis heute haben wir bei den Emissionen von Event und Unternehmen unseren CO2-Ausstoß um 14 Prozent reduzieren können.

Sie sind ein engagierter Vorkämpfer für gesunde Ernährung, Ihre Frau ist u.a. Yoga-Lehrerin – und Sie beide haben einen neunjährigen Sohn. Wie streng sind Sie mit ihm?

Mein Sohn ist von Anfang an vegetarisch bekocht worden und das hat ihm ganz bestimmt nicht geschadet. Wir kochen und backen viel gemeinsam. Für die Weihnachtsplätzchen habe ich ihm Ausstechformen in Darth-Vader-Form von den Star Wars-Figuren geschenkt. Natürlich wünschen wir uns, dass er unsere Einstellung zum Essen teilt, aber klar darf er Fleisch essen, wenn er will. Er war auch schon mal beim Kindergeburtstag in einem Fastfood-Restaurant. Gottseidank hat es ihm nicht geschmeckt.

Dieter Kosslick …

… Jahrgang 1948, landete nach seinem Studium (Politik, Pädagogik und Kommunikationswissenschaft) zunächst als Redenschreiber des damaligen Hamburger SPD-Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose in der Politik. Nach einem Zwischenspiel als Journalist bei der linken Zeitschrift „konkret“ trat er seinen Marsch durch die deutschen und internationalen Filmförderinstitutionen an. Dieser führte ihn über das Hamburger Filmbüro und die Filmstiftung NRW im Jahr 2001 zu den Berliner Filmfestspielen. 2007 führte Dieter Kosslick die Filmreihe „Kulinarisches Kino“ ein. Dabei wird den Berlinale-Besuchern nach Filmen zu Ökologie, Umwelt und Ernährung ein von Sterneköchen zubereitetes Menü serviert. SlowFood-Mitglied Dieter Kosslick ist verheiratet und hat einen Sohn.

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