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„Welt retten ist nicht nur gut“

1977 gründete der Ägypter Ibrahim Abouleish mitten in der Wüste die Bio-Farm Sekem. Sein Sohn Helmy erklärt, warum die großen Erfolge zeitweise zur Gefahr wurden. // Jens Brehl

Helmy Abouleish

Herr Abouleish, was sind die größten Erfolge von Sekem?

Aus ökologischer Sicht ist es, dass das Versprühen von Pestiziden aus Flugzeugen in Ägypten 1991 gestoppt wurde. Damals gingen die ägyptischen Exporte landwirtschaftlicher Produkte, allen voran Baumwolle, aufgrund von zu hohen Belastungen mit chemischen Pflanzenschutzmitteln deutlich zurück.

Wir zeigten dem Landwirtschaftsministerium, dass man ökologisch ertragreich anbauen kann. Seit damals haben wir den jährlichen Einsatz von Pestiziden um 95 Prozent reduzieren können, was etwa 30 000 Tonnen entspricht.

Welche Erfolge gibt es neben der Ökologie?

Das größte Wunder ist, dass trotz der Verschiedenheit der Mitarbeiter vom Bauern bis zum Universitätsprofessor und der ethnischen Herkünfte, wie Araber, Beduine und Europäer, eine lebendige Gemeinschaft entstanden ist. Bei uns treffen sich friedlich Orient und Okzident. Und damit auch Islam und Christentum.

Sie erwähnten bei einem Vortrag, dass der Erfolg eine Gefahr geworden ist. Können Sie das näher erläutern?

2003 erhielt mein Vater den Alternativen Nobelpreis. Danach erreichten uns national wie international viele Anfragen und Einladungen. Wir brauchten jemanden, der Journalisten und Politikern Sekem näherbringen konnte. So schlüpfte ich zusätzlich in die Rolle des Außenministers. Doch dadurch fand bei Sekem und mir eine Art Verdünnung statt.

Was meinen Sie mit Verdünnung?

Immer mehr Kraft floss in das Präsentieren nach Außen. Für innere Arbeit und Reflektion blieb immer weniger Zeit. Es wurde so extrem, dass ich in Ägypten, aber auch international Mitglied in mehr als 50 Ausschüssen und Organisationen war. Ich war jede Woche mehrere Tage in der Welt unterwegs, traf wichtige Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder US-Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Man hörte mir zu – was meinem Ego durchaus schmeichelte.

Das hört sich doch nach einem tollen Leben an.

Ja, es war eine schöne und vor allem lehrreiche Zeit. Doch eine regelmäßige Innenschau oder eine gar ausgiebige Reflektion der Geschehnisse habe ich fast völlig vernachlässigt. Jeden Morgen treffen sich alle Mitarbeiter Sekems in einem großen Kreis. Ich fehlte immer häufiger, denn ich hetzte von Termin zu Termin. Für meine persönliche Entwicklung und für die von Sekem blieben kaum noch Ressourcen. Wir verloren die Fähigkeit, die Zukunft zu sehen: Von der ersten ägyptischen Revolution wurden wir vollkommen überrascht. Wenn man jeden Tag die Welt rettet, läuft man Gefahr, die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen zu verlieren.

Konnten Sie die Visionen Sekems Politikern und Staatslenkern näherbringen?

Unser erfolgreiches Konzept in Sekem gibt ja Antworten auf viele drängende Fragen der heutigen Zeit. Ich versuchte aufzuzeigen, dass reines wirtschaftliches Wachstum keine Probleme löst, sondern oft erst schafft. Daher wollte ich eine ganzheitliche Sicht- und Handelsweise etablieren, wie man im Einklang mit der Natur leben und wirtschaften kann.

Helmy Abouleish und Ibrahim Abouleish

Helmy Abouleish …
… wurde 1961 in Graz (Österreich) geboren und zog mit seiner Familie 1977 nach Ägypten. Bereits als Schüler half er auf der Sekem-Farm aus, die etwa 50 Kilometer östlich von Kairo in der Wüste liegt. Mit 21 Jahren wurde er deren Verwalter – was anfangs mit drei dort arbeitenden Menschen eine überschaubare Aufgabe war.

1984 erlitt sein Vater einen Herzinfarkt und wurde ein Jahr lang in Deutschland behandelt. Plötzlich saß Helmy Abouleish nicht mehr auf dem Traktor, sondern in Hemd und Anzugshose hinter dem Schreibtisch des Büros in Kairo. Seitdem ist er Geschäftsführer aller Sekem-Betriebe, zu denen heute neben dem Obst-, Gemüse-, Tee- und Kräuteranbau auch ein Hersteller für naturheilkundliche Medikamente, ein Textilunternehmen und eine eigene Universität gehören. www.sekem.org

Ließen sich Ihre Gesprächspartner von der anderen Art von Handel und Politik überzeugen?

Nein. Ich musste erleben, dass mir oft oberflächig zugestimmt wurde, aber keine konsequenten Taten folgten. Hautnah erkannte ich, wie ineffizient und uninspiriert Politik mitunter betrieben wird. Die Politiker stehen unter hohem Druck und Terminstress. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem erscheint ihnen zu mächtig, als dass man daraus ausbrechen könnte. Ich habe es ja am eigenen Leib erlebt, wie schnell man in einem Hamsterrad zum Sklaven werden kann und keine Zeit für grundlegende Dinge mehr hat. Rückblickend betrachtet waren unsere vielen handfesten Projekte wertvoller für die Welt als etliche Treffen mit Staatsoberhäuptern und Politikern. Dennoch teile ich weiterhin gerne mein Wissen.

Wann haben Sie erkannt, dass Sie im Hamsterrad steckten, sich selber verloren hatten und damit auch Sekem gefährdeten?

Als sich abzeichnete, dass Mubarak seine Präsidentschaft aufgeben muss, versuchte er sich ein letztes Mal aufzubäumen. Dazu ließ er neben Ministern auch etliche wichtige private Aktivisten inhaftieren. Ihnen wurde Veruntreuung und Korruption vorgeworfen. Auch ich wurde verhaftet. Alle Inhaftierten und Verurteilten sind wieder frei, weil die Vorwürfe haltlos waren. Ich saß von Ende März bis Anfang Juli 2011 im Gefängnis Tora in Untersuchungshaft. Auf einmal hatte ich 100 Tage, in denen ich mich wieder besinnen und Innenschau betreiben konnte. Kein Telefon, kein I-Pad, keine Termine. Gleich zu Beginn im Gefängnis dachte ich, dass meine Zeit hier eine große Chance ist und ich wurde das Gefühl nicht los, eine wichtige Botschaft von der geistigen Welt zu erhalten. Ich musste sie nur erkennen.

Wie haben Sie die Botschaft der geistigen Welt erkannt?

Meine Tochter Soraya öffnete mir bei einem ihrer Besuche die Augen. Sie freute sich, dass ich in Untersuchungshaft saß. Sie sagte, noch nie habe sie so viel Zeit mit mir in Ruhe verbringen können. Das gab mir endgültig zu denken, ob meine Prioritäten in der Vergangenheit richtig waren.

Was hat sich in Ihrem Leben durch das Gefängnis geändert?

Ich nehme mir mehr Zeit für die Familie, und ich konzentriere mich auf die Entwicklungsarbeit in Sekem. Die Öffentlichkeitsarbeit habe ich deutlich reduziert. Ich hoffe, dass es mir künftig auch ohne Krise gelingt, mich zu ändern und ich dazu im Vorfeld über die rechtzeitige Einsicht die Zeichen erkenne. Man kann nicht nur ein Gefangener hinter Mauern, sondern auch einer in seiner eigenen Welt sein.

Was sind heute Ihre Hauptaufgaben?

Alleine und auch in Gesprächen beschäftige ich mich wieder stärker mit gemeinsamen Visionen. Diese aufrecht und lebendig zu halten ist bei der 2 000 Menschen umfassenden Sekem-Gemeinschaft herausfordernd. Es gilt, an der Zukunft zu arbeiten. In zehn oder zwanzig Jahren wird die biologische und biologisch-dynamische Landwirtschaft günstiger als die konventionelle sein. Die Zeiten von massivem Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und dergleichen sind bald vorbei – weil wir sie uns schlicht nicht mehr leisten können.

Sekem geht davon aus, dass wirtschaftlicher Profit gesellschaftliche Entwicklung unterstützen sollte und finanziert unter anderem eine Schule, die sich an den Grundprinzipien der Anthroposophie orientiert.

Heike Moldenhauer und Stephan Börnecke

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Margit Steidl
Bio-Anbau in Ägypten - eine sehr gute Idee!

Ohne Kunstdünger, ohne Pestizide und vor allem ohne Gentechnik!

Da ist der alternative Nobelpreis echt verdient!

Der Sekem-Gemeinschaft wünsche ich weiterhin viel Erfolg und alles Gute!

Auf dass die Natur gesund bleibt und uns wieder gesund macht!

In Ägypten, in Europa und auch im Rest der Welt!
Jens Hakenes
Zum Thema "Bio" und dem nötigen Paradigmenwechsel hat der Autor weitere lesenswerte Artikel veröffentlicht, zum Beispiel auf http://www.der-freigeber.de/hinter-den-kulissen-der-heilen-bio-welt/.



Schön, dass die Schrot & Korn hier auch darauf eingeht und einen Blick hinter die Fassade wirft. Gern mehr davon, denn es gibt noch viel zu tun - auch im Bio-Bereich!
SEKEM-Österreich
Wer in Österreich interessiert ist, die SEKEM-Initiative zu unterstützen und weitere Informationen über aktuelle Projekte zu erhalten, ist herzlich eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen - am besten über unsere Homepage www.sekemoesterreich.at oder direkt via mail an sekemoesterreich@gmx.at
Dietmar Kreuer
Helmy Antworten erinnern mich an die Gefängniszeit Anwar El Sadats, der in seiner lesenswerten Autobiografie im Gefängnis zu sich und zu hohen Idealen gekommen ist.

Inzwischen habe ich fast 1.000 Menschen nach SEKEM gebracht. Ich hoffe, dass SEKEM weiterhin viele Menschen anlocken und inspirieren kann.

Dietmar Kreuer

SEKEM-Reisen