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„Tierwohl in den Mittelpunkt der Kontrolle stellen“

Anna Koch ist die „Tierwohl-Expertin“ der Öko-Kontrollstelle Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) in Göttingen. Wir haben sie gefragt, warum Bio-Geflügelbetriebe immer wieder in die Schlagzeilen geraten und welche Maßnahmen nötig wären, um das Wohl der Tiere besser zu gewährleisten. // Leo Frühschütz

Perspektiven - GeflügelGroße Geflügelbetriebe müssen schon jetzt vier Mal im Jahr kontrolliert werden. Trotzdem kommen immer wieder Skandale ans Licht. Was läuft da schief?

Gerade bei solchen Großbetrieben sind Kontrolleure besonders gefordert, Abläufe und Strukturen, also zum Beispiel Verflechtungen mit anderen Betrieben, zu verstehen. Diese komplexen Zusammenhänge gemeinsam mit dem hohen Potenzial zur Gewinnsteigerung öffnen automatisch Türen für Betrügereien.

Checklisten-Routinen, bei denen Kontrollpunkte nur formal abgearbeitet werden, sind keine ausreichend wirksame Öko-Kontrolle. Wir brauchen mehr Mut zum Einsatz von Kontrollintelligenz.

Auch muss das Tierwohl viel stärker als bisher in den Mittelpunkt der Bio-Kontrolle gestellt werden. Das erfordert einen neuen Kontrollansatz und besonders qualifizierte Bio-Kontrolleure.

Wichtig ist es, dass „schwarze Schafe“ schnell auffallen und sanktioniert werden.

Reichen die jetzigen Vorgaben in der EU-Öko-Verordnung für eine tierwohl-orientierte Kontrolle aus?

Oft braucht es nur eine bessere Umsetzung und keine Änderung der Gesetze: Tierbezogene Kriterien in der Kontrolle, etwa den Zustand der Befiederung bei Legehennen oder Veränderungen der Fußballen bei Masthähnchen, müssen ein Schwerpunkt der Bio-Kontrolle werden. Ein Betrieb, der bei festgestellten Missständen auf Dauer keine wirksamen Gegenmaßnahmen ergreift, darf nicht mehr als ökologisch anerkannt werden.

Darüber hinaus sind aber auch die europäischen Vorschriften für die Öko-Geflügelhaltung teilweise zu lasch. Am wichtigsten sind Größenbegrenzungen für die Haltungen, um hochspezialisierte Systeme auch in der Kontrolle „beherrschbar“ zu machen.

Manche Bundesländer würden die Öko-Kontrolle gerne den Behörden übertragen. Können die das besser?

Nein. Dies belegen die Geflügel-Betrugsfälle mit überbelegten Ställen in Niedersachsen. Der größte Teil der betroffenen Haltungen war konventionell, die rein behördliche Kontrolle hat hier offenbar dieselben Probleme wie die Bio-Kontrolle. Fachkompetenz im Bereich Tierhaltung ist die Grundlage für eine sinnvolle Kontrolle, diese ist jedoch völlig unabhängig davon, ob es sich um eine Behörde oder um eine Kontrollstelle handelt. Eine Teilverstaatlichung der Bio-Kontrollen in großen Geflügelhaltungen, wie das die Landesminister in Niedersachsen und NRW fordern, wird die Situation nicht verbessern können. Die Behörden haben bereits alle Hände voll zu tun, ihrer Überwachungsfunktion nachzukommen. Kontrollstellen sind - wie der Name schon sagt - spezialisiert auf die Durchführung solcher Kontrollen.

Was empfehlen Sie stattdessen?

Viel besser wäre es, sich auf das Tierwohl zu fokussieren und vermehrt Kombi-Kontrollen durch Öko-Kontrollstellen und behördlichen Tierschutz durchzuführen. So könnte man durch eine engere Vernetzung bei Problemen gegebenenfalls schneller handeln und Synergien nutzen. Aber dafür scheint die behördliche Personaldecke bisher nicht zu reichen.

Also mehr Verzahnung zwischen staatlichen Kontrollen und Öko-Kontrolle?

Ja. Bisher laufen die staatlichen Futtermittel- und Veterinärkontrollen vollkommen isoliert von den Öko-Kontrollen. Informationen werden nicht ausgetauscht. Hier könnte mit wenig Aufwand viel erreicht werden.

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