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Dinge, die bleiben

Umweltverträglich, sozial verantwortlich, wirtschaftlich erfolgreich: das sind die Säulen der Nachhaltigkeit. Die Bio-Branche setzt darauf schon lange – und entwickelt sich weiter. // Leo Frühschütz

Begegnen - Hintergrund Nachhaltigkeit
© Erdgarten München

Bio und Nachhaltigkeit sind Geschwister. Gemeinsam wuchsen sie in den 70er- und 80er-Jahren auf: Nicht nur der Landbau, sondern das ganze menschliche Wirtschaften und Leben sollte umwelt- und sozialverträglich sein. Die Bio-Pioniere sahen das ganzheitlich und handelten auch so. Und weil das selbstverständlich war, redeten sie nicht groß darüber. Erst als Discounter Photovoltaikanlagen auf ihre Lagerhallen schrauben ließen und Handelsketten sich mit selbst erfundenen Nachhaltigkeitslogos brüsteten, besannen sich die Bio-Unternehmen: Nachhaltigkeit muss auch kommuniziert werden. Doch wie macht man das, wenn sich jeder aus dem dehnbaren Nachhaltigkeitsbegriff sein eigenes grünes Mäntelchen schneidert?

Karriere eines Begriffs

Erst einmal definieren: Der Begriff stammt aus der Forstwirtschaft und meint dort, dass nicht mehr Holz geschlagen werden darf als nachwächst. Erstmals benutzt hat ihn Hans Carl von Carlowitz, der 1713 das erste deutsche Standardwerk über Forstwirtschaft schrieb. Auf die politische Bühne schaffte es das Wort 1987 im Abschlussbericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Dort heißt es: „Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen“. Das klingt abstrakt, wird aber schnell konkret, wenn man an die von unserer Generation abgeholzten Urwälder, ausgesaugten Erdölfelder und leergefischten Meere denkt. Im Bericht werden die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit beschrieben: Umweltverträglich, sozial verantwortlich und zugleich ökonomisch erfolgreich muss nachhaltige Entwicklung sein. Das meint weit mehr als Umweltschutz im Betrieb. Faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen gehören ebenso dazu wie der gesellschaftliche Nutzen der Produkte. Seit 1987 wird der Begriff zunehmend inflationär gebraucht. Keine Sonntagsrede kommt mehr ohne „Nachhaltigkeit“ oder die englische „Sustainability“ aus.

Nachhaltigkeitsmonitor

Die meisten Bio-Unternehmen meinen es sehr ernst mit ihrem Bemühen um Nachhaltigkeit. Sie machen wesentlich mehr als nur nebenbei ein bisschen bio. Unterstützung beim Nachweis und der Darstellung ihrer Nachhaltigkeitsleis-tungen erhalten Bio-Hersteller und -Händler bei ihrem Dachverband, dem Bundesverband Naturkost Naturwaren. Der stellt seinen Mitgliedern den sogenannten BNN-Nachhaltigkeitsmonitor zur Verfügung, ein Werkzeug, das der Verband selbst erarbeitet hat. Etwas Vergleichbares gibt es in der konventionellen Lebensmittelwirtschaft nicht.

Die ersten beiden 2012 und 2013 veröffentlichten Auswertungen zeigen, dass der Anteil an erneuerbaren Energieträgern beim Strom bei 96 Prozent liegt. „Die Energiewende ist bereits vollzogen“, kommentierte BNN-Geschäftsführerin Elke Röder diese Zahl. Und der Anteil der Frauen in Führungspositionen beträgt 40 Prozent. Das ist noch nicht die Hälfte der Bio-Chefetage, aber deutlich mehr als im bundesdeutschen Durchschnitt.

Auch Bio-Läden verkaufen zu nahezu 100 Prozent Bio-Lebensmittel und handeln damit wesentlich nachhaltiger als eine Supermarktkette mit gerade mal vier Prozent Bio-Anteil. Schließlich macht die Kette 96 Prozent ihres Umsatzes mit Lebensmitteln aus konventioneller Landwirtschaft und verursacht deren Umweltschäden mit. Daran ändern auch ein Pro-Planet-Logo, ein Tierschutzlabel oder eine Klimaschutz-Plakette nichts. Wie so oft, geht es auch hier um die Frage der Selbstdarstellung. Nicht zuletzt geben Chemiekonzerne wie Bayer oder die Deutsche Bank ebenfalls schöne Nachhaltigkeitsberichte heraus.

Von Kohlendioxid- bis Gemeinwohl-Bilanz

Für die Umweltverträglichkeit haben Nachhaltigkeitsexperten in den letzten Jahren zahlreiche Indikatoren entwickelt, mit denen sich die Leistungen eines Unternehmens darstellen lassen. Dazu zählen Energie- und Wasserverbrauch, Kohlendioxid-Bilanzen und vieles mehr. Schon vor über 20 Jahren hat die EU mit ihrer Öko-Audit-Verordnung (EMAS) einen rechtlichen Rahmen für betriebliche Umweltmanagement-systeme und Umweltberichte vorgegeben. Unter den damaligen Pionier-Unternehmen, die sich zertifizieren ließen, waren mehrere Bio-Hersteller, darunter die Andechser Molkerei und Neumarkter Lammsbräu. Indikatoren für soziale Nachhaltigkeit sind schwieriger zu definieren: Lohnniveau, Frauenanteil in Führungspositionen, familienfreundliche Arbeitszeiten und mehr zählen hier mit. Vieles lässt sich nur qualitativ beschreiben. Einen Versuch, dieses Engagement zu bilanzieren, hat der österreichische Wirtschaftspublizist Christian Felber mit seiner Gemeinwohlbilanz unternommen. Zu den Pionieren gehören mehrere Bio-Läden, die Großhändler Ökoring und Bodan sowie weitere Bio-Betriebe. Doch noch sind es wenige Unternehmen der Bio-Branche, die ihre Nachhaltigkeits-leistungen systematisch erfassen und in Berichten nach außen darstellen. Denn der Aufwand dafür ist hoch und anders als in großen Konzernen stehen dafür keine eigenen Abteilungen zur Verfügung. Die Arbeit muss zusätzlich zum Alltagsgeschäft geleistet werden.

Vorbildliche Beispiele

Der schon genannte BNN-Nachhaltigkeitsmonitor umfasst über 120 Indikatoren. Die Hälfte davon lassen sich als konkrete Werte angeben, die anderen müssen qualitativ beschrieben werden. Die am Monitor teilnehmenden Betriebe erfassen jährlich ihre Daten und stellen sie zusammen. Der BNN wertet die Unterlagen aus und berichtet über die Leistungen der Branche. Zusätzlich stellt der BNN besonders vorbildliche Beispiele vor – auch als Ansporn für alle Teilnehmer. Auch in kurzen Filmen präsentiert der BNN die Nachhaltigkeitsleistungen seiner Mitglieder (www.n-bnn.de/filme-zum-bnn-nachhaltigkeitsmonitor).

In erster Linie jedoch dient das Nachhaltigkeitsmonitoring der kontinuierlichen Verbesserung in den Betrieben. „Unser Ziel ist nicht das Marketing, sondern die Weiterentwicklung der Unternehmen“, sagt Elke Röder. Denn trotz allen Engagements gibt es in jedem Betrieb noch Herausforderungen. Das können neue Arbeitszeitmodelle ebenso sein wie die energiesparende Sanierung der Heizung. Nicht alles ist immer sofort machbar. Denn Investitionen müssen auch erwirtschaftet werden.

Den teilnehmenden Betrieben zeigt die erste Erfassung ihrer Daten, wo sie stehen. Auf dieser Grundlage können sie entscheiden, welche Bereiche zuerst angepackt werden. „Die Indikatoren sind auch ein Lernmittel“, beschrieb Volker Krause, Eigentümer der Bohlsener Mühle, im Jahr 2011 seine Erfahrungen mit dem BNN-Nachhaltigkeitsmonitor. „Wir haben gemerkt, dass wir auch bei vielen technischen Zusammenhängen noch nicht alles wissen, etwa bei den Einsparpotenzialen.“ Die Erkenntnisse flossen dann in das Energiekonzept ein, an dem die Mühle damals arbeitete. Seither werden die Kennzahlen jährlich erhoben. Volker Krause sieht darin einen Ansporn für die Mitarbeiter. „Festzustellen, dass man wieder besser geworden ist, das motiviert.“ Zu tun gibt es noch genug. „Das ist ein dynamischer Prozess.“

Der Beitrag des Öko-Landbaus für Bodenfruchtbarkeit, Artenvielfalt, Klimaschutz und Ernährungssicherung ist in vielen Studien belegt. Der Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung hat deshalb schon 2011 den Öko-Landbau als Goldstandard bezeichnet und ihn der Bundesregierung als Vorbild für eine nachhaltige Gestaltung der Agrarwende empfohlen. Denn die Bio-Branche steht wie keine andere für das ernsthafte Bemühen um Nachhaltigkeit – von Grund auf.

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