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„Wer Bio kauft, ist sicher“

Heike Moldenhauer, Expertin für Agro-Gentechnik beim BUND, durchleuchtet den Filz zwischen Politik und Konzernen und kritisiert deren mangelhafte, undurchsichtige Risikoprüfungen. // Stephan Börnecke; Fotos: Christian Thomas

Heike Moldenhauer

Frau Moldenhauer, der Agrarkonzern Monsanto hat seinen Rückzug aus der Gentechnik in Europa verkündet, und auch BASF hat diesen Bereich hierzulande aufgegeben. Bleibt Europa nun von gentechnisch veränderten Pflanzen verschont?

Keineswegs. Das ist ein Scheinrückzug. Zwar sehen die Konzerne, dass sie mit der Gentechnik in Europa wegen des starken Verbraucherwillens keine Pflanze auf den Acker bekommen. Das Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU könnte uns die Gentechnik auf dem Umweg aber erneut bescheren.

Die Konzerne sind gescheitert, haben aber eine Lücke gefunden?

So sieht es aus. Die Wunschliste der Konzerne ist lang, was dieses Abkommen anbelangt. Nicht nur Monsanto, sondern auch BASF, Bayer und die KWS wollen die Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel abschaffen. Sie wollen die Zulassungsverfahren beschleunigen und obendrein die jeweiligen Standards in diesem Prozess gegenseitig anerkennen. Das heißt, in Europa könnten Lebensmittel auf den Markt kommen, deren gentechnische Herkunft verschwiegen wird und die zudem praktisch keine Prüfung auf Folgen für Mensch und Umwelt durchlaufen haben. Dass die Konzerne virtuell mit am Verhandlungstisch sitzen, hängt mit ihrer Stellung in den USA zusammen. Konzernpolitik ist dort Regierungspolitik.

Droht mit dem Freihandelsabkommen, dass es für Produkte von Monsanto, aber eben auch für Gentech-Pflanzen deutscher Konzerne, deren Produkte nicht mehr hierzulande, sondern etwa in den USA entwickelt werden, künftig eine nur noch lasche, weil nach US-Vorgaben orientierte Risikoprüfung gibt?

Man kann ruhig sagen: Es könnte gar keine mehr stattfinden. Denn in den USA nehmen die Zulassungsbehörden oftmals nur zur Kenntnis, dass der Antragsteller keine gesundheitlichen Risiken sieht und gibt dann grünes Licht – ohne weitere eigene Prüfung.

Rettet uns in dieser Situation der amerikanische Verbraucher? In den USA gibt es eine breite Bewegung, die auf Kennzeichnung von Gen-Lebensmitteln drängt.

Ich bin begeistert, dass die US-Amerikaner nun aktiv werden. Zwar ist die erste Abstimmung in Kalifornien knapp gescheitert. Nicht zuletzt deshalb, weil die Konzerne, darunter BASF und Bayer, Millionen in eine Gegenkampagne gesteckt haben. Aber im Bundesstaat Connecticut haben die Gentechnik-Kritiker erstmals gewonnen. Und: Die Verhandlungen zum Freihandelsabkommen bieten die Chance, dass die gentechnikkritische Bewegung der EU zusammen mit der „neuen“ in den USA den Konzernen einen Strich durch die Rechnung macht.

Heike Moldenhauer

Heike Moldenhauer
… arbeitet seit 1993 zum Thema landwirt­schaftliche Gentechnik und gilt seither als eine der profundesten Kennerinnen dieser Materie.

Die 49-Jährige, die an der FU Berlin Philosophie und Germanistik studiert hat, war bereits von 1999 bis 2001 Gentechnik-Kampaignerin bei GLOBAL 2000 in Österreich. Seit 12 Jahren ist sie beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland BUND für den Bereich Agro-Gentechnik zuständig. Die in Berlin lebende Aktivistin koordiniert das Projekt Gentechnikfreie Regionen in Deutschland zusammen mit der Arbeits­gemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft AbL und gehört auf EU-Ebene zur Gentechnik-Strategiegruppe von Friends of the Earth, dem internationalen Netzwerk des BUND.

Die Konzerne berufen sich bei ihrer Forderung nach Wegfall der Kennzeichnung darauf, dass die ersten 20 Jahre der Gentechnik „unfallfrei“ verlaufen sind.

Ein dummes, fahrlässiges Argument. Man guckt doch bis heute nicht genau hin, auch in der EU nicht. Die bisherigen Tests prüfen nur die akute Giftigkeit. Das reicht für die Zulassung. Chronische Effekte wie das Krebsrisiko werden nicht geprüft, auch wenn in der EU die Fütterungsversuche von 30 auf 90 Tage verlängert wurden. Wenn Forscher aber länger hinschauen, sieht das ganz anders aus. Die Ergebnisse des französischen Wissenschaftlers Seralini, der Fütterungsversuche über die gesamte Lebensdauer seiner Versuchsratten gemacht hat, lassen aufhorchen, denn sie zeigen, dass der verfütterte Gentech-Mais das Krebsrisiko für die Tiere drastisch erhöht hat.

Das heißt, auch das verbesserte Zulassungsprozedere in der EU ist weiter unzureichend?

Das Zulassungsverfahren leidet unter einem Grundsatzmangel: Die Firmen führen ihre Prüfung selbst durch, die Ergebnisse erfahren nur die Behörden, sie bleiben der Öffentlichkeit verborgen. Das birgt die Gefahr der Mauschelei. Es gibt keine Transparenz. Die Versuche sollten allein von unabhängigen Instituten durchgeführt werden, nicht von den Firmen.

In der EU gilt das Vorsorgeprinzip. Ist diese Idee von Verbraucherschutz durch solche mangelhaften, undurchsichtigen Verfahren außer Kraft gesetzt?

So, wie es heute läuft, wird das Vorsorgeprinzip vorsätzlich ignoriert. Nehmen wir die Pestizid-Bombe SmartStaxx, die kurz vor der Genehmigung als Lebens- und Futtermittel steht. Dieser Mais produziert ständig sechs Insektizide und ist gegen zwei unterschiedliche Herbizide tolerant. Keiner hat je das Zusammenspiel dieser Insektizide mit den Massen von Herbiziden, die darüber versprüht werden, untersucht. Und der Mais wird trotzdem zugelassen. Es ist grotesk: Keiner weiß, wie groß die Giftmenge ist, die die Pflanzen erzeugen, weil nicht gemessen wird. Auch die Folgen der Fütterung von SmartStaxx etwa auf die inneren Organe der Versuchstiere wurden nicht untersucht. Mit Vorsorgeprinzip hat das überhaupt nichts zu tun.

Was kann der Kunde im Lebensmittelgeschäft tun, um sich vor solchen Konstrukten zu schützen?

Bio essen! Der Verbraucher sollte im Bio-Laden einkaufen. Dort ist er sicher vor Gentechnik. Kein Bio-Ei, kein Bio-Käse und kein Bio-Fleisch stammt von Tieren, die Gentech-Futter im Trog hatten. Leider muss die Verwendung von Gentech-Futter bis heute nicht deklariert werden. Bei konventionellen Produkten vom Tier sorgt das Logo „Ohne Gentechnik“ für Klarheit.

Großbritannien war lange das Vorbild, was die gentechnikfreie Fütterung anbelangt. Nach elf Jahren lassen die Supermarktketten Tesco und Co. nun wieder Gentechnik zu. Hauptargument: Es gibt nicht genug gentechnikfreie Soja. Droht diese Welle auf den Kontinent rüberzuschwappen?

Klares Nein! Alle deutschen Supermarktketten fahren den Kurs, keine kennzeichnungspflichtige Gentechnik im Regal zu haben. Nahezu alle haben sich dazu bekannt, die Fütterung mit Gentech-Pflanzen zurückzudrängen; so in der Brüsseler Soja-Erklärung der Supermärkte vom Mai dieses Jahres. Dort haben alle deutschen und einige ausländische Ketten mit Ausnahme von Aldi gelobt, tendenziell auch die Fütterung umzustellen.

Sprachen auch über die Gentech-Pflanze Roundup Ready Soja, die das Projekt Donau-Soja massiv gefährden könnte: Heike Moldenhauer und Autor Stephan Börnecke. Nachzulesen: schrotundkorn.de/moldenhauer

Heike Moldenhauer und Stephan Börnecke

Kommentare

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L. Achenbach

@ Hella Holsten
Über 100 Fütterungsstudien weltweit haben die gesundheitliche Unbedenklichkeit genveränderter Pflanzen eindeutig bestätigt. Aber ein Seralini versucht im Auftrag von Greenpeace immer mal wieder verzweifelt, eine Gefahr zu konstruieren. Seine Studie wurde längst zurückgezogen. "...aus Sicht der Statistik ist sie nur als Unfug zu bezeichnen", so die knappe Zusammenfassung der Studie durch einen Statistiker. Vielleicht kann eine Germanistin/Philosophin mit Zahlenmaterial nicht so viel anfangen, aber echte Gentechnikexperten mit solidem Fachwissen lassen sich wohl nicht vor den BUND-Karren spannen.
Doch selbst Frau Moldenhauer hätte auffallen können (wenn sie denn einen flüchtigen Philosophenblick in die Studie geworfen hätte), dass in der Gruppe mit der geringen Menge Gentechnikfutter die Rattenmännchen zwar früher starben als die in der Kontrollgruppe, aber ausgerechnet die Rattenmännchen mit der höchsten Dosis Genmais länger lebten als die Kontrolltiere!
Verhindert/heilt eine höhe Menge Genmais denn nun etwa Tumoren?

Hella Holsten
es ist gut zu wissen, dass sich beim BUND jemand mit dem Thema Gentechnik so umfangreich beschäftigt, wie das bei Heike Moldenhauer der Fall ist. Ein solches komplexes Gebiet, auf dem so viele Nebelkerzen gezündet werden und wo so viel Konzerngeld Schautafeln zum Verstecken der Verhältnisse aufstellt, muss dringend am Stück und mit personeller Kontinuität beobachtet werden. Dann gibt es Personen, die uns warnen und beraten können. Danke !