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Interview mit Wolfgang Heck (Langfassung)

Um hierzulande den Hunger auf Fleisch zu stillen, sind in Brasilien gigantische Soja-Felder nötig. Was das für die Indios bedeutet, hat Wolfgang Heck hautnah erlebt. // Stephan Börnecke; Fotos: Andreas Gerhardt

TV-Tipp: In Brasilien wird Soja in riesigen Mengen als Futtermittel für Tiere in der ganzen Welt angebaut. Die verheerenden Folgen des massiven Sojaanbaus hat der Filmemacher Marco Keller aus Freiburg mit der Kamera festgehalten. Wolfgang Heck hat das Filmteam als Experte begleitet. Der Dokumentarfilm wird voraussichtlich am

Sonntag, 20.10.13, um 14.45 Uhr
in der Sendereihe
planet e im ZDF
gezeigt.

Wolfgang Heck

Herr Heck, Bundespräsident Joachim Gauck war in diesem Frühjahr in Brasilien und zeigte sich angetan von den dortigen Verhältnissen. Er sprach von einer Aufbruchstimmung. Sie selbst waren oft in Brasilien, zuletzt drei Wochen in Begleitung eines Fernsehteams. Können Sie dem Präsidenten zustimmen?

Ja, das kann ich nachvollziehen. Es gibt neue Arbeitsplätze. Die Menschen in Brasilien verdienen jetzt mehr Geld, es schlägt insgesamt ein neuer Puls. Auch die im nächsten Jahr stattfindende Weltmeisterschaft ist ein starker Motor. In den Städten werden die Armenviertel abgerissen und überall wird gebaut. In Brasilien ist Bewegung spürbar. Doch es gibt auch immer die Schattenseiten, wie es uns die Massendemonstrationen und Straßenschlachten zeigen. Auch im Agrarbereich sieht es düster aus. Da wird vieles, ob Artenvielfalt oder der Urwald, der Gentechnik geopfert.

Wie meinen Sie das?

Die Gentechnik ermöglicht es, riesige Flächen mit wenig Menschen aber viel Maschineneinsatz zu bewirtschaften. Es wird auf gigantischen Flächen angebaut, auf denen früher indigene Menschen lebten. Und noch immer drängt man die indigenen Völker aus ihren Lebensräumen hinaus, betreibt Monokultur mit Soja und Mais, opfert damit die Artenvielfalt, um die Europäer und neu nun auch die Chinesen mit gigantischen Rohstoffmengen zu versorgen. Die frühere Politik hatte für Pioniere Anreize geschaffen, immer mehr Land im Inneren urbar zu machen und man hatte zunächst die eigene Versorgung im Blick. Das ist aber einige Zeit her, inzwischen wechselte dieses Land in die Hände von Investoren, gigantische Besitztümer sind entstanden, denen kleinere Bauern kaum noch etwas entgegensetzen können. Es gibt zwar eine Bewegung der Landlosen, man sieht sie überall, aber sie können wenig ausrichten.

Das heißt, es profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung nur einige wenige Großgrundbesitzer, die angestammte Bevölkerung aber nicht?

Genau. Die sozialen Errungenschaften kommen bei den indigenen Stämmen nicht in der Form an. Sie nehmen nicht teil an der Gesellschaft. Ich habe keine reichen Indigenen gesehen. Im Gegenteil. Sie leben manchmal am Müll. Der ganze Stolz eines Indio-Häuptlings ist der Wald. Doch diesen Wald hat man ihm und seinem Volk genommen. Man hat ihnen die Lebensgrundlagen entrissen. Stattdessen wurde ihr Land an Farmer weitergereicht. Diese Entwicklung setzt sich, obwohl es eine Indianerbehörde gibt, die sich um diese Menschen kümmert, bis heute fort. Wenn man hier in Europa ein Stück Fleisch isst, dann muss dem Konsumenten klar sein, dass in Brasilien deshalb irgendwo ein Indio im Müll lebt, weil auf seinem früheren Land heute das Soja wächst, das bei uns in den Futtertrog wandert. Das ist das Traurige an der Geschichte: Ein hier günstig zu bekommendes Konsumgut erzeugt dort Elend.

Wolfgang Rainer Heck

Wolfgang Rainer Heck … 
ist im Badischen aufgewachsen aber auch in der Welt zu Hause. Der Alleingesellschafter des Tofu-Herstellers Life Food, bekannt unter dem Markennamen Taifun (www.taifun-tofu.de), stieg ins Geschäft mit der Sojabohne Mitte der 1980er-Jahre ein. Die Tofurei mit 200 Mitarbeitern bezieht den größten Teil ihrer Sojabohnen aus regionalem und europäischem Anbau.

Als Soja-Experte war der 57-Jährige zusammen mit dem Filmemacher Marco Keller in Brasilien auf den Spuren eines immer gigantischeren Anbaus von Soja als Futtermittel unterwegs. Die Auswirkungen dieser Massenproduktion auf Indios, Kleinbauern und Umwelt hat er hautnah miterlebt.

Wie ist es dazu gekommen?

Diese ganze Entwicklung hat viel mit Korruption zu tun. Wir haben einen Bürgermeister dazu befragt, der dann in jedem zweiten Satz überbetont hat, dass heute alles nach Recht und Gesetz zugeht. Da wurde doch sehr deutlich, dass es in der Vergangenheit nicht so lief. Uns wurde gesagt: „Schau dir doch an, wie das Parlament zusammengesetzt ist.“ Die schustern sich das alles zu. Wer politisch gut unterwegs ist, sprich Einfluss nehmen kann, der verfügt auch über Land.

Daneben gibt es die Kleinbauern, wie geht es denen?

Sie haben ein kleines Besitztum, arbeiten mit einfachen Mittel, sie besitzen keine teuren Maschinen. Sie werden durch ihre Familien getragen. Sie bauen Mais, Zuckerrohr, Soja an, betreiben etwas Tierhaltung. Viele sind Selbstversorger. Ihr Einkommen ist bescheiden, ihr körperlicher Einsatz hoch. Viel ist noch in Handarbeit zu bewerkstelligen.

Ist unter diesen Umständen noch Bio-Anbau denkbar?

Wir kennen einige Kleinbauern, die an ihrem Acker hängen und die biologische Landwirtschaft verinnerlicht haben. Wir hätten sie gerne mit ihren Familien weiter gestützt und entwickelt. Doch es gibt einen limitierenden Faktor: Deren Nachkommen wollen nicht mehr weiter in der Landwirtschaft arbeiten. Sie wollen in die Stadt, sie wollen Technik, sie wollen Geld verdienen, nicht auf dem heißen Acker herumkrebsen. Diese Bauern, die Pioniere, mit denen wir bisher zusammenarbeiten konnten, sterben aus. Zudem ist die Nachfrage nach biologisch erzeugtem Lebensmittel-Soja im Vergleich zum Bedarf an Tierfutter verschwindend gering. Viele Bauern glauben in dieser Situation, mit der Gentechnik besser zu fahren.

Dennoch halten Sie mit Ihrem Tofu-Unternehmen an einem Fair-Trade-Projekt der Schweizer Firma Gebana fest, obwohl es sogar Probleme mit Pestizid-verseuchtem Soja gab. Warum?

Wir hatten schon immer ein Faible für die Kleinbauern. Wir haben in sie investiert, haben Zeit, Geld, Feldberatung eingebracht. Wir wollten im Anbau eine Tofu-Sojabohne entwickeln, die in deren Kultur zu Hause ist. Wir tun das auch weiter. Aber es gibt Einschnitte: Drumherum gibt es wachsende Gentechnik und immer mehr Pestizide. 2009/10 hatten wir solche Probleme mit abgedrifteten Spritzmitteln, dass wir die brasilianische Bio-Ware nicht verwenden konnten. In unserem Herzen unterstützen wir die dortigen Kleinbauern, dennoch wird unser Schwerpunkt auch weiterhin im regionalen und europäischen Anbau liegen. Aktuell beziehen wir gut 85 Prozent unserer Sojabohnen von hier.

Lässt sich dieser unheilvolle Prozess nicht noch umkehren, sollte die Nachfrage in der entwickelten Welt nach biologischem oder wenigstens konventionellem Soja deutlich steigen?

Es sind zwei Welten. Wir in Europa haben zumindest in Teilen ein ökologisches Gewissen entwickelt. Bio ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. In Brasilien ticken die Uhren ganz anders. Dort macht man gerade eine neue Erfahrung mit Gentechnik, mit Massenlandwirtschaft, großen Maschinen. Größer, stärker, mehr – das zählt.

Gibt es denn niemanden, der Einhalt gebietet?

Ja, schon, aber die Städte prosperieren, da hört man auf diese Mahner nicht. Die stecken in einer Phase, die wir bereits hinter uns gelassen haben. Da müssen und wollen die Brasilianer erst noch durch. Jetzt ist erstmal Aufschwung angesagt.

Das ist dann die Situation, in der Sie auf andere Quellen angewiesen sind.

Sicher. Wir hatten uns ja umgesehen in der Welt. Das war auch nötig, weil sich ein Großteil der Soja-Farmer in den USA, woher wir Anfang der neunziger Jahre unseren Rohstoff beziehen konnten, für Gentechnik entschieden hatte und auf Soja für Massentierhaltung setzte. Damit stieg unser Risiko für gentechnische Verunreinigungen ständig. Was bleibt uns? International kommt für uns noch Kanada als klassisches Sojaanbauland für einen kleineren prozentualen Anteil in Betracht. Aber wir haben schnell gemerkt: Wenn du wirklich Einfluss nehmen willst, dann brauchst du eine direkte Beziehung zum ökologischen Anbau. Das wäre dann der heimische Anbau. Zu wissen, was auf den Feldern läuft, zu sehen wie die Bohnen wachsen, das schafft Nähe und Transparenz. Wir haben 1997 dann im Oberrheingraben einige Landwirte gewinnen können, die mitgemacht haben. Stützen konnten wir uns auf erste Sojaanbau-Erfahrungen aus einer ersten Welle, die es wegen hoher Preise für Futtersoja in den achtziger Jahren gab. Auf diese damals verwendeten Sorten und auf das Wissen der Landwirte konnten wir uns anfangs stützen.

Und Brasilien bleibt auf der Strecke?

Letztes Jahr haben wir keine Bohne von dort kaufen können. Aber wir bleiben in Kontakt. Kürzlich haben wir wieder ein Paket mit Bohnen bekommen, die aus Sortenversuchen stammen, die wir selbst initiiert haben. Die Hoffnung ist weiterhin da.

Aber der Fokus liegt auf Europa?

Ja, unbedingt. Wir arbeiten jetzt mit 100 Landwirten im Südwesten Deutschlands, aber auch in Frankreich und Niederösterreich zusammen. Das ist regionaler Anbau, auf den wir nun setzen und den wir auch von der Universität Hohenheim begleiten lassen, wenn es um die Sortenweiterentwicklung geht. Wir sind inzwischen auch staatlich anerkannter Saatgutvermehrer. Wir wollen, dass alles stimmt und wir das verwirklichen, was uns wichtig ist. Transparenz vom Anbau bis zum Endprodukt, das versucht unser Team überall zu gewährleisten. Da müssen wir leider auch mal Nein sagen, wenn wir das wie beispielsweise mit zu unverbindlichen Anbauern in Italien leider nicht verwirklichen können. Der Sojaanbau in Rumänien kam bisher wegen der Sommertrockenheit nicht in Frage, die Qualität leidet, das reicht fürs Vieh, nicht aber für Lebensmittel.

Dieses Jahr ist es bei uns eher zu kühl und nass …

Wir bibbern mit den Soja-Pflanzen. Wir konnten nicht alles säen, manches kam zu spät in die Erde, wir werden wohl auf ein Drittel verzichten müssen.

Heute gibt es keinen gentechnischen Soja-Anbau in Europa, es gab ihn in Rumänien und wird ihn womöglich wieder geben, denn es sind Soja-Sorten zum Anbau hierzulande in der Genehmigungsphase. Bekommen wir amerikanische Verhältnisse?

Ich wundere mich immer wieder, mit welch unglaublicher Anstrengung die internationale Agrarindustrie versucht, die Gentechnik durch die Hintertür durchzusetzen. In Europa will sie kein Verbraucher. Auch Unternehmen, die mit Bio nichts zu tun haben, wollen das nicht. Und trotz allem wird es ständig erneut probiert. Ich sage, das kriegen sie hier nicht durch. Wir bekommen keine amerikanischen Verhältnisse.

Aber es gab doch Bauern, die Gen-Mais angebaut haben, und es wird sie wieder geben.

Ja schon. Aber er muss das auch verkaufen können. Wir haben offene Augen und Ohren. Auch dieser Bauer muss sich mit seinen Nachbarn, Freunden, Bekannten auseinandersetzen. Und er wird erkennen, dass will hier keiner.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Bestrebungen der USA und der EU für einen transatlantischen Freihandel?

Das empfinde ich als bedrohlich. Aber wir haben heute gute Möglichkeiten, aufzudecken, wenn man uns unter der Hand Gentechnik andrehen will. Mittels der schnellen Medien und engagierten Menschen aller Altersklassen wird schnell klargestellt, was schrägläuft.

Bei ihrem Treffen in Freiburg sprachen Wolfgang Heck (r.) und Autor Stephan Börnecke auch über die Grenzen des Soja-Imports und Anbaumöglichkeiten in Europa. Nachzulesen unter schrotundkorn.de/interview

Wolfang Heck und Stephan Börnecke

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Klaus Neumann

Der ganze Gen-Spuk wäre sofort vorbei, wenn die Gesetze denjenigen für Saatgutverunreinigungen verantwortlichen machten, von dem sie kommen und nicht den Schädigenden in die Rechtsposition des Geschädigten setzen, wenn die patentierten Gene unerwünscht im eigenen Saatgut und damit der Ernte auftauchen. Nach der jetzigen Gesetzeslage ruiniert der Schädigende den Geschädigten mittels des erlittenen Schadens. Der blanke Irrsinn, aber mit Methode und gesundheitlich Folgen, wie am Sojaanbau in Argentinien ausführlich dokumentiert.

Ich hatte die Gelegenheit, Percy Schmeiser auf seiner Tour durch Europa in Stuttgart zu hören. Schon davor hatte ich Frau Aigner, damals Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in einem Brief gebeten, für eine Änderung der Gesetzeslage nicht nur in Deutschland zu sorgen, sondern mit einem Vorstoss auf EU-Ebene eine entsprechende Gesetzesänderung nach Verursacherprinzip EU weit anzustossen. Das Schreiben blieb ohne Antwort. So bleibt nur das Einzelverfahren, wie das Percy Schmeiser dann in seinem Fall damals gewonnen hat.

Das Zeugs darf nicht kommen. Aber es wird bei uns unweigerlich über das EU-Assoziationsabkommen mit der Ukraine zumindest auf Tisch kommen. Denn dort hat Monsanto alles, was möglich war, aufgekauft. Und der widerspenstige Rest von Interesse wird Monsanto oder jetzt Bayer nach der Gesetzeslage wie beschrieben in den Schoss fallen. So konnte es Dr. Merkel egal sein, ob TTIP und CETA scheitern. Sie hatte ihre amerikanischen und jetzt mit der Übernahme von Monsanto durch Bayer ihre deutschen Freunde in Europa bestens abgesichert.