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Fukushima strahlt noch

Knapp zwei Jahre nach der Atomkatastrophe: Um Fukushima gehört radioaktive Strahlung zum Alltag. Auch hierzulande messen Labore die Radioaktivität japanischer Lebensmittel. // Leo Frühschütz

Hintergrund Fukushima Die Halbwertszeit der öffentlichen Aufmerksamkeit für Katastrophen beträgt nur wenige Tage. Danach liefern die Medien bereits Bilder und Berichte des nächsten Jahrhundertereignisses. Die Halbwertszeit von Cäsium-137 beträgt 30 Jahre. Jahrzehnte werden die Menschen rund um den Katastrophenreaktor von Fukushima mit den Folgen der Kraftwerksexplosionen leben müssen. Mit dem Verlust der Heimat und der Angst vor dem schleichenden Tod. Noch immer ist im Umkreis 20 Kilometer um den Reaktor herum Sperrgebiet. 80 000 Menschen lebten hier. Auch einige weiter entfernte Orte im Nordwesten des Kraftwerks wurden evakuiert. Dorthin hatten Wind und Regen erhebliche Mengen Radio-aktivität getragen. Viele der Flüchtlinge leben noch immer in Notunterkünften am Rande der Zone oder in der großen Kreisstadt Fukushima und hoffen auf eine Rückkehr. Die Regierung versucht, verstrahlte Orte zu dekontaminieren, um die Menschen zurückzuholen.

Messungen vor Ort

Doch Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace, ist skeptisch: „Man kann keine ganze Region dekontaminieren“, sagt er. „Dazu müsste man flächendeckend den Boden abtragen und auch den Asphalt. Es reicht nicht, mit dem Kärcher drüberzuspritzen.“ So erhalte man zwar Stellen mit einer geringeren Strahlung. „Doch sobald sie hinausgehen in ein Wäldchen oder an den Fluss, sind die hohen Werte wieder da.“ Smital weiß, wovon er redet. Dreimal war er seit der Reaktorexplosion in Japan, zuletzt im Oktober 2012. Seine Messreisen sind zugleich Ausbildung und praktische Übung für örtliche Greenpeace-Aktivisten und andere engagierte Bürger. Das Wissen um Radioaktivitätsmessungen sei vor der Katastrophe gleich Null gewesen. Die meisten Menschen hätten der Regierung und den Kraftwerksbetreibern vertraut.Inzwischen ist das anders. „Die Menschen haben erkannt, dass die offiziellen Messstellen zu niedrige Werte anzeigen“, sagt Heinz Smital. Diese neu gebauten Messapparate stehen auf gesäubertem, frisch betoniertem Grund. Wenige Meter weiter kann die Belastung höher sein. Problematisch sind auch Hot Spots, also Orte mit kleinräumig stark erhöhter Aktivität. „Das können kleine Senken sein, in die das Regenwasser radioaktive Artikel gespült hat“, erklärt Heinz Smital. „Zum Beispiel die Kuhlen unter den Schaukeln von Kinderspielplätzen“.

Mehrere Organisationen messen vor Ort die Strahlung oder analysieren Lebensmittel. Die Initiative CRMS (Citizen‘s Radioactivity Measuring Station) hat Tausende Lebensmittel gemessen und die Ergebnisse ins Netz gestellt. Sie sind erstaunlich niedrig, was auch daran liegen dürfte, dass die Regierung den Anbau rund um den Reaktor stark reglementiert hat. Erhöhte Belastungen mit radioaktivem Cäsium-137 melden die Listen für Shiitake-Pilze, Fische und Sprossen. Einzelne Partien brauner Reis und gelegentlich Gemüse weisen erhöhte Werte auf.

Viele Bio-Läden führen japanische Spezialitäten wie etwa Tee, Algen oder Sojasoße. All diese Produkte werden in Japan und Deutschland auf Radioaktivität gemessen. Näheres dazu hier.

Warten auf den Krebs

Ganz anders war das direkt nach dem Unglück. Tagelang informierte die Regierung die Menschen nicht über das Ausmaß der Katastrophe und der nuklearen Verseuchung. Die wenigen Messungen aus diesen Tagen zeigten extrem kontaminierte Lebensmittel. Viele Menschen aßen sie nichts ahnend. Jodtabletten wurden kaum verteilt. Sie hätten verhindern können, dass mit der Nahrung aufgenommenes radioaktives Jod-131 in der Schilddrüse eingelagert wird. Schilddrüsenkrebs bei Kindern war eine der verheerendsten Folgen von Tschernobyl. Knapp 7000 Fälle von Schilddrüsenkrebs traten dort zwischen 1991 und 2005 bei Menschen auf, die 1986 unter 18 waren, ergab eine UN-Studie. Das sind 90 Mal mehr Krebskranke, als zu erwarten gewesen wären.

Japanische Ärzte untersuchten bei 42 000 Kindern aus Fukushima die Schilddrüse mit Ultraschall. 43 Prozent der kindlichen Schilddrüsen wiesen Knoten und Zysten auf, also potenzielle Krebsvorstufen. Normal wären Werte unter einem Prozent. „Dennoch erklärten die untersuchenden Ärzte den Eltern, die hohe Zahl an Zysten sei unproblematisch und in zwei Jahren werde man wieder schauen“, berichtet Dörte Siedentopf. Die Ärztin war 2012 mit einer Delegation der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) in Fukushima. „Wir sehen das anders: Knoten und Zys­ten gehören in keine kindliche Schilddrüse.“ Dörte Siedentopf erzählt auch von der Zerrissenheit der Gesellschaft. Von getrennten Familien, bei denen Frau und Kinder nach Südjapan gezogen sind, während der Mann an der Heimat festhält. Von Spaltung in den Dörfern zwischen jenen, die Entschädigung erhielten und jenen, die leer ausgingen.

Die Grenze: 20 Millisievert

20 Millisievert ist die Zahl, um die sich dabei alles dreht. Sie ist die Grenze zwischen Bleiben und Gehen. Obwohl 19 Millisievert fast ebenso gefährlich sind wie 21. Um das zu erklären, brauchen wir kurz die Herren Rolf Sievert und Antoine Henri Becquerel. Ihre Namen dienen als Maßeinheiten, wenn es um radioaktive Strahlung geht.

Jede radioaktive Dosis schädigt Zellen

Ein Becquerel (Bq) entspricht dem radioaktiven Zerfall pro Sekunde. Verwendet wird Bq meist zusammen mit Kilogramm oder Liter. 100 Bequerel je Liter Milch sagen aus, dass in diesem Liter jede Sekunde 100 Atome zerfallen und radioaktive Strahlung aussenden. Je nach Element sind die Strahlen unterschiedlich energiereich und biologisch wirksam. Davon hängt ihre Schädlichkeit ab.

Dies wird berücksichtigt, wenn man die effektive Dosis einer Strahlenbelas-tung berechnet. Sie wird in Millisievert (mSv) angegeben. Entscheidend ist der Zeitraum, über den die Dosis aufgenommen wird. 300 mSv als Summe eines Lebens sind normal. 300 mSv in wenigen Minuten können eine leichte Strahlenkrankheit auslösen.

Aufs Jahr gesehen nehmen wir im Schnitt 2,4 mSv über die natürliche Strahlung auf. Dazu zählt radioaktives Kalium-40 in Pflanzen, Radon-222 in der Luft und die von der Sonne ausgehende Höhenstrahlung. Hinzu kommt noch die Strahlung von Röntgenapparaten und Computertomographen. Eine CT-Untersuchung kann den Körper mit zehn bis 20 mSv belasten. Harmlos ist das nicht. Auch die niedrigste Dosis an radioaktiver Strahlung schädigt Zellen. Zwar kann der Körper sie reparieren, doch ein kleines Risiko bleibt. Die US-Akademie der Naturwissenschaften berechnete, dass eine aufsummierte Belas-tung von 100 mSv bei einem von 100 Menschen Krebs auslöst.

Um das Risiko klein zu halten, sollen Menschen über die natürliche und medizinische Strahlung hinaus zusätzlich nur mit 1 mSv pro Jahr belastet werden, sagt die deutsche Strahlenschutzverordnung. Beruflich Exponierte, das sind AKW-Arbeiter oder Röntgenassistenten, sollen maximal mit 20 mSv im Jahr belastet werden. In Japan dürfen nun Schwangere und Kinder diese Dosis abbekommen. Erst wenn die Strahlenbelastung über 20 mSv im Jahr liegt, wird eine Ortschaft evakuiert. In den deutschen Katastrophenplanungen liegt der Wert übrigens fünfmal höher bei 100 mSv.

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat für zwei deutsche Atomkraftwerke durchgerechnet, welche Folgen ein Unfall der Größenordnung wie Fukushima hätte. Fazit: Die bestehenden Katastrophenpläne reichen nicht aus. Würde man wie in Japan den Evakuierungswert bei 20 (statt 100) mSv festlegen, wäre eine zehn bis zwanzig Mal größere Fläche betroffen. Sogar Ortschaften, die 70 bis 80 Kilometer vom Reaktor entfernt liegen, müssten geräumt werden.

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