Anzeige

Anzeige

Interview mit Sofia Gatica und Maria del Milagro Godoy (Langfassung)

Missbildungen bei Kindern, Tumore bei Erwachsenen. Die Argentinierinnen Sofia Gatica und Maria del Milagro Godoy sind nach Europa gekommen, um vor der Gentechnik zu warnen. (Fotos: Volker Gehrmann)

Sofia Gatica und Maria del Milagro Godoy

Sofia Gatica, Maria del Milagro Godoy, warum haben Sie diese Reise auf sich genommen?

Sofia: Wir wollen die Menschen in Europa warnen. In Lateinamerika werden die Menschen durch den Anbau gentechnisch veränderter (GVO) Soja vergiftet und sogar getötet. Wir wollen nicht, dass dies den Menschen in Europa auch passiert. Deshalb sind wir durch Europa gereist.

Was ist Ihre Botschaft an die Menschen in Europa?

Sofia: Wir wollen die Europäer dazu bewegen, keine GVO-Soja mehr zu konsumieren und Soja erst gar nicht zu importieren. Soja wird in Europa ja hauptsächlich an Tiere verfüttert. Doch darüber kommt sie zu den Menschen, und die Menschen werden krank. Gentechnisch veränderte Soja ist Gift.

Bevor Sie uns das genauer erklären, erzählen Sie uns bitte ein bisschen von Ihrem Leben in Argentinien. Wie müssen wir Europäer uns das Landleben in Südamerika vorstellen?

Maria: Es gibt bei uns in Argentinien fast keine Bauern mehr. Die Wälder wurden gefällt, um Soja anzupflanzen. Es sind unheimliche Weiten mit gentechnisch veränderter Soja entstanden. Die Landwirtschaft liegt heute in den Händen multinationaler Konzerne. Es ist eine Landwirtschaft ohne Bauern.

Gibt es Landvertreibung? Und wie ist der Besitz verteilt?

Sofia: Früher haben wir auf dem Land gelebt. Meine Eltern haben Wein angebaut. Doch dann kamen die Konzerne und haben unserer Familie das Wasser geraubt, das wir für den Weinbau brauchten. Wir wurden vertrieben und mussten in die Stadt gehen. Das war vor 37 Jahren.

Maria: Unsere Familie hat Viehzucht betrieben, es gab aber keine Arbeit mehr auf dem Land, weshalb wir in die Stadt gezogen sind.

Was heißt das, Sie hatten keine Arbeit mehr auf dem Land?

Maria: Wer früher als kleiner Bauer auf dem Land lebte, der verfügte über ein Stück Land. Doch dann kamen die Konzerne, die haben gemeinsame Sache mit der Regierung gemacht und sich das Land angeeignet. Die Konzerne kamen dann mit einem Stück Papier an und behaupteten, dieses Land sei jetzt ihres. Das Problem war, dass wir keine nachweisbaren, offiziellen Landtitel besaßen, obwohl meine Vorfahren das Land 60, 70 Jahre bewirtschaftet hatten. Das ging vielen Bauern so, und heute beherrschen die Konzerne das Land.

Sofia Gatica, Sie haben Ihre kleine Tochter verloren, weil sie nach nur drei Lebenstagen an den Folgen einer missgebildeten Niere starb. Sie geben dem Sojaanbau die Schuld. Wie kann das sein? Sie leben doch in der Stadt.

Sofia: Wir leben in Ituzaingó, einem vor 50 Jahren gegründeten Viertel am Rande von Cordoba, der zweitgrößten Stadt Argentiniens. Doch die Sojafelder reichen bis direkt an die Siedlungen heran. Wir sind von Soja komplett umzingelt. Mir war anfangs nicht klar, dass der Tod meiner Tochter direkt mit der Vergiftung unserer Siedlung zusammenhing. Doch dann hörte ich davon, dass auch andere Mütter missgebildete Kinder zur Welt gebracht hatten. Inzwischen wissen wir genau, dass der Gentech-Soja-Anbau zusammen mit der Verwendung des Total-Herbizids Glyphosat die Missbildungen auslöst.

Woher wissen Sie das so genau? Es gibt bisher sehr wenige Studien, die diesen Zusammenhang zwingend belegen.

Sofia: Es gab in Argentinien intensive Untersuchungen und Studien. Ituzaingó ist heute das am besten untersuchte Stadtviertel Argentiniens. Diese Berichte haben belegt, dass es einen direkten Zusammenhang der Missbildungen mit der Gentech-Soja sowie dem Glyphosat-Einsatz gibt.

Wer hat die Studien in Auftrag gegeben und bezahlt?

Sofia: Die Regierung hat diese Studien bei einer Universität in Buenos Aires in Auftrag gegeben. Es stellte sich zudem heraus, dass Boden und Wasser mit vielen Chemikalien verseucht sind, darunter sogar mit DDT. 80 Prozent der Kinder in unserem Dorf haben Agrochemikalien im Blut, manche sechs, sieben verschiedene.

Zeigt das nicht eher, dass nicht Glyphosat allein Ursache für die Erkrankungen ist, sondern ein Chemiecocktail mit vielen verschiedenen Wirkstoffen.

Maria: Ja, das ist so, es ist nicht nur Glyphosat, sondern ein Cocktail, der uns krank macht.

Ihr Kampf aber geht hauptsächlich gegen Gentechnik und Glyphosat. Warum?

Maria: Weil Glyphosat das mit Abstand häufigste verwendete Mittel ist. Es wird mit der Gentech-Soja im Paket verkauft, man bekommt das Saatgut nur zusammen mit dem Gift, und dann wird es überall eingesetzt. Oft wird es aus dem Flugzeug versprüht.

Seit wann kämpfen Sie gegen die Gentechnik?

Sofia: Unser Kampf begann vor mehr als zehn Jahren. Uns fiel auf, dass viele Kinder mit Masken in den Straßen herumliefen. Zum Teil hing das mit Missbildungen zusammen, weil ihr Unterkiefer verunstaltet war, zum Teil aber auch wegen des in Folge von Leukämie angegriffenen Immunsystems. Die Kinder mussten sich vor Infektionen schützen.

Der Staatsanwalt hat in seiner Anklage gesagt, dass innerhalb weniger Jahre in einer Gruppe von 5000 Menschen 169 an Krebs erkrankt waren, und zwar in Folge der agrarischen Umweltverschmutzung.

Maria: Das ist so. Viele Kinder kommen mit Missbildungen auf die Welt. Manche haben an einer Hand sechs Finger, manche aber nur die Daumen. Dann wieder fehlt ihnen der Unterkiefer, andere haben kaputte Nieren. Es sind aber auch Erwachsene, die krank sind und an Tumoren leiden.

Sofia: Mein Sohn war immer vorübergehend gelähmt, wenn das Gift auf uns aus dem Flugzeug herunterkam. Auch das Kind meiner Nachbarin litt darunter: Deren Augäpfel verdrehten sich nach oben, man sah nur noch das Weiße.

Sie haben gekämpft, und zwar erfolgreich.

Maria: Der Kampf war sehr schwierig. Die Regierung hat zunächst versucht, alles zu vertuschen. Wir haben dann auf der Straße demonstriert. Wir haben aber auch versucht, Soja-Farmer am Ausbringen der Gifte zu hindern. Wir haben uns vor die Mosquitos, so heißen deren Maschinen dafür, gestellt. Die Farmer haben uns mit Stöcken einzuschüchtern versucht und als Hungerleider beschimpft. Sie, die Soja-Farmer, brächten dem Staat das Geld, mit dem er die Sozialprogramme bezahlen könne. Wir wurden sogar mit Waffen bedroht.

Von wem?

Sofia: Wer, das weiß ich nicht. Mir wurde eine Waffe an den Kopf gehalten. Ob es jemand von der Regierung oder einer der Farmer war, ich weiß es nicht, und die Polizei hat den Fall nie aufgeklärt.

Sie haben geklagt. Mit welchem Ergebnis?

Maria: Auch die Justiz hat zunächst versucht, alles unter der Decke zu halten. Es gab zwei Klagen. 2004 habe ich einen Prozess angestrengt, 2008 hat sich die Stadt Cordoba selbst geklagt. Dieses zweite Verfahren endete mit einem Präzedenzurteil. Erstmals wurde als Verbrechen bezeichnet, Pestizide mit dem Flugzeug über bewohnten Gebieten zu versprühen. Wer Pestizide ausbringt und vergiftet, der wird bestraft. Deshalb ist das Urteil so wichtig für uns. Sie haben uns vergiftet, sie haben uns getötet. Deshalb sind sie verurteilt worden.

Gibt es diese Einsätze heute noch?

Sofia: Um unser Dorf herum gibt es seit 2002 aufgrund unserer Proteste einen 2500 Meter breiten Schutzstreifen. Dort dürfen weder am Boden noch aus der Luft Pestizide versprüht werden. Das aber gibt es nur bei uns, sonst nirgends in Argentinien.

Und was geschieht mit dem Schutzstreifen? Ist das jetzt Öko-Fläche?

Maria: Nein. Die Sache wird grotesk. Farmer verkaufen das Land in dem Schutzstreifen. Jetzt wird da wieder gebaut, das vergiftete Land ist wieder Wohngebiet, und so löst sich die Grenze zu den Sojafeldern allmählich wieder auf.

Wenn wir es richtig verstehen, gibt es in Argentinien nur noch gentechnisch veränderte Soja, die wiederum im Wechsel mit Gentech-Mais angebaut wird? Ist das so?

Maria: Ja, aber Soja überwiegt. Mais, aber auch Sonnenblumen, beides gentechnisch verändert, wird nur von wenigen im Wechsel mit Soja angebaut.

Argentinien hat 1996 als erstes Land die Gentech-Soja erlaubt. Heute ist es der drittgrößte Exporteur von gentechnisch veränderter Soja. Halten Sie diesen Prozess für umkehrbar?

Maria: Dazu müsste erst mal den Bauern ihr Land zurückgegeben werden. Es gibt nur noch ganz wenige der alt eingesessenen Bauern, und nur eine ganz kleine Gruppe davon versucht, ihr Land ökologisch zu bewirtschaften. Die wenigen, die nach der seit mehr als 20 Jahren andauernden Landvertreibung verblieben sind, werden umzingelt von Konzernen, die ihnen überdies das nötige Wasser vorenthalten.

Das bedeutet, ohne Landreform, ohne Rückgabe des Landbesitzes an die früheren Bewirtschafter kein Abschied von der Gentech-Soja?

Maria: Genau. Immerhin hat die Regierung dieses Jahr per Gesetz die Fläche, die Ausländer erwerben dürfen, begrenzt. Das gilt aber nur für ausländische Konzerne, nicht für argentinische, sodass die Konzentration des Landbesitzes nicht gestoppt oder gar umgekehrt wird.

Kann der europäischen Verbraucher durch sein Verhalten dazu beitragen, dass die argentinischen Großfarmer ins Grübeln kommen und vielleicht doch von der Gentechnik lassen?

Sofia: Natürlich! Das ändert sehr viel. Gentech-Soja macht krank, wenn die Tiere hier damit gefüttert werden, bleibt das nicht ohne Folgen für die Menschen. Es ist doch bekannt, dass in Argentinien die Tiere an den Folgen des Einsatzes der Gentechnik und der verschiedenen Agro-Gifte erkranken oder mit Missbildungen zur Welt kommen. Wenn tonnenweise Gentech-Soja nach Europa importiert wird, wird es auch hier nicht ohne Folgen bleiben. Wenn man hier in Europa gegen die Gentechnik streitet und gegen die Importe vorgeht, dann ist das gut für die Menschen sowie für künftige Generationen in Europa. Das ist aber auch gut für die Menschen in Argentinien, denn dort wäre eine andere Form der Landwirtschaft möglich.

Europa kann also Druck auf Argentinien ausüben?

Maria: Der Druck in Europa muss wachsen! Und wir machen Druck in Argentinien!

Was soll aus Ihrer Sicht der Verbraucher in Europa tun?

Sofia: Keine Produkte kaufen, in denen Gentech-Soja enthalten ist.

Das Problem ist aber, dass er es wegen der unzureichenden Kennzeichnung nicht immer weiß, etwa wann ein Schwein mit Gentech-Soja gefüttert wurde. Nur beim Öko-Landbau kann der Kunde sicher sein.

Sofia: Richtig. Die vollständige Kennzeichnung der Lebensmittel ist ein Schlüssel. Aber alles hängt mit den Importen von Futtermitteln zusammen. Die müssen vermieden werden …

Maria: … und die Menschen müssen mehr über die Folgen der Gentechnik aufgeklärt werden und sich der Folgen bewusst werden.

Sofia Gatica und Maria del Milagro Godoy

Maria und Sofia …
Sofia Gatica (re.), 45, arbeitet in einem Gesundheitszentrum in Cordoba. Sie hat drei Kinder, ein viertes starb kurz nach der Geburt an Nierenversagen. Die Missbildung, sagt sie, sei Folge der Giftduschen über den Gentechnik-Feldern an ihrem Heimatort. Maria del Milagro Godoy, 64, arbeitet als Tagesmutter.

Beide Frauen streiten seit zehn Jahren gegen Gentechnik. Im Sommer erzielten sie einen spektakulären Erfolg: Der Oberste Gerichtshof der Provinz Cordoba verurteilte einen Soja-Farmer und einen Piloten wegen Versprühens der Pestizide Glyphosat und Endosulfan über Wohngebiet zu drei Jahren Gefängnis. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, worin die streitenden Mütter eine Verspottung der Opfer sehen. Gleichwohl ist die Verurteilung ein Präzedenzfall.

Ihre Europa-Tour führte Maria del Milagro Godoy (l.) und Sofia Gatica auch nach Deutschland. Schrot&Korn-Autor Stephan Börnecke traf die beiden Argentinierinnen in Berlin zum Interview.

Barbara Maria Rudolf und Manfred Loosen

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'