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Grün, grün, grün ...

… sind alle meine Kleider. Von wegen. Michalis Pantelouris weiß, dass es ganz anders ist und ist ziemlich sauer. Sauer auf die Textilindustrie. Außerdem muss er seiner Frau mal wieder Recht geben.

KinderkleidungNummer zwei hat Haut wie ein Kinderpopo. Und einen Kinderpopo. Aber die Haut hat sie überall. Meine Kleine ist vier Jahre alt, und es gibt wahrscheinlich einfach nichts auf der Welt, das so zart aussieht wie die Haut von einem kleinen Kind, vor allem dann, wenn sie mal sauber ist und nicht als gefährlicher Tiger geschminkt. Gefährliche Tiger sind übrigens angezogen wie Piraten, falls das irgendjemand noch nicht wusste.

Denn im Gegensatz zu mir halten meine Töchter ihre Haut für nicht weiter der Rede wert. Sie haben, ganz im Gegenteil, sehr genaue Vorstellungen darüber, wie man diese Haut bedeckt, indem man sich anzieht.

Ich bin Vater von zwei Töchtern. Falls jemand Modefragen hat: Ich weiß, wie die junge Generation tickt. Oder sagen wir: die jüngste Generation. Nummer eins würde mit einem Diadem auf dem Kopf im Abendkleid in die Grundschule gehen. Nummer zwei möchte am liebsten als Pirat, Bauarbeiter oder zumindest in einem T-Shirt mit Motiven irgendeines Trickfilms in den Kindergarten, den sie gar nicht gesehen hat, sich aber offenbar als sehr unterhaltsam vorstellt.

Kindermode, Foto: Andrea RuesterWie eine Modenschau: In korrekt hergestellten Kleidern können selbst Piraten sauber sein

Das ist also mein Leben: Ich dachte, ich würde anfangen, meinen Töchtern bestimmte Kleidung zu verbieten, wenn sie 13 sind und unbedingt sexy aussehen wollen. Aber in Wahrheit beginnt es viel früher. Wegen dieser Haut, dieser zarten Haut, die jeden Giftstoff sofort aufnimmt. Und noch aus ein paar anderen Gründen. Kinderklamotten sind gar kein einfaches Thema.

Das geht schon damit los, dass man Kinder bunt anziehen soll. Ein weiß angezogenes Kind funktioniert meiner Erfahrung nach nicht so richtig lange gut und wer will ein schwarz oder grau gekleidetes Kind? Also, bevor es in der Pubertät ist und man für acht Jahre sowieso nicht viel mehr von ihm sieht als die geschlossene Zimmertür? Eben! Bunt sollen sie sein!

Von quietschgelb über knallpink bis giftgrün

Aber mit der Farbe kommt das Gift. Nicht zwangsläufig, es gibt durchaus Farbe, die nicht giftig ist, aber insgesamt ist es immer noch teurer, Kleider ungiftig zu färben, deshalb werden in vielen Gegenden der Welt ohne Rücksicht auf die Arbeiter, die Umwelt oder die Kundschaft auch Kinderkleider mit cadmiumhaltigen Farben gefärbt, mit bleihaltigen bedruckt und mit hochgiftigen Weichmachern behandelt. Es ist eine Sauerei. Man kann sich eigentlich keine zehn Minuten mit dem Thema beschäftigen, ohne dass man hingehen und Leute so lange schütteln will, bis sie zur Vernunft gekommen sind, aber so ist es. Von der Baumwollpflanze bis zu dem Moment, wo der Stoff seine Ladung in die Haut meiner Tochter reibt, ist die Textilindustrie in den ärmsten Regionen der Welt eine unfassbare Mist-Veranstaltung. Und wir sind alle irgendwie schuld – nur meine Töchter nicht, so wie kein Kind an irgendwas schuld ist. Schon deshalb sollten wir dafür sorgen, dass sie es nicht ausbaden müssen, wenn wir nicht sowieso alles Schlimme von unseren Kindern fernhalten müssten. Das System reparieren wir dann im nächsten Schritt. Hoffentlich.

Aber jetzt einmal der Reihe nach. Darum geht es: Nummer eins und Nummer zwei verschleißen mehr Klamotten als Lady Diana oder Lady Gaga, zum Teil durch Wachstum und zum Teil durch diese gefährliche Tätigkeit, der Kinder nachgehen, wenn man nicht aufpasst … Spielen! Genau, das war es. Spielen. So rein aus Sicht der Kleidung betrachtet ist Spielen nicht zu empfehlen.

Warum Öko-Kleidung?

Wer sich fragt, ob sich die zusätzlichen Kosten für ökologische Kleidung tatsächlich lohnen, dem legt Michalis Pantelouris die Tests von oekotest.de zur Kindermode ans Herz: „Weil die auch schon mal T-Shirts im Laden finden, die gar nicht ‚verkehrsfähig‘ sind – weil die Schadstoffbelastung viel zu hoch ist.“ In konsequent ökologisch produzierter Mode steckt dagegen jede Menge Mehrwert für Mensch und Natur: Es landen weniger Pestizide auf den Feldern, auf Gentechnik wird verzichtet, soziale Standards dafür berücksichtigt. Bei den vielen Schritten von der Faser bis zum fertigen Fummel sind gefährliche Chemikalien auf dem Verbotsindex.

Mit anderen Worten: Wer Kinder hat, kauft oft ein. Oder er lebt in einer Art Tauschring mit anderen Eltern, stöbert auf Flohmärkten und hat nette Schwiegereltern. Oder alles auf einmal – das ist das System von Frau Pantelouris und mir. Frau Pantelouris ist die Mutter von Nummer eins und zwei, übrigens, eine wirklich sehr sympathische Frau. Ich mag sie. Aber mit den Flohmärkten übertreibt sie. Sie liebt Flohmärkte. Doch wenn es um Kinderkleidung geht, muss man sagen, hat sie leider recht: Zum einen ist es ökologisch natürlich sinnvoll, wenn jedes Kleidungsstück so lange wie möglich getragen wird, und zum zweiten ist das T-Shirt vom Flohmarkt schon so oft gewaschen worden, dass es wenigs-tens kein Gift mehr abgibt. Das ist also die Wahrheit: Generationen von kleinen Geschwistern haben darüber gezetert, dass sie Kleidung „auftragen“ mussten. Aber wahrscheinlich bleiben einige von ihnen genau deshalb ein paar Jahre länger gesund und am Leben.

Kindermode, Foto: Andrea Ruester

Zarte Haut: Gerade bei Kindern sollte die Kleidung giftfrei sein

Nicht länger tragbar

Baumwolle – aus der besteht ja der größte Teil der Kinderkleidung – ist unvorstellbar wasserintensiv in der Herstellung. Damit geht es schon mal los, und das gilt auch für Bio-Baumwolle, wenn auch in geringerem Ausmaß. Zwischen 7000 und 20 000 Liter Wasser braucht man für den Anbau eines einzigen Kilos, oftmals in wasserarmen Gegenden. In einem konventionellen Shirt stecken mehrere Tausend Liter Wasser. Dann der nächste Punkt: Gentechnik. Weltweit wächst schon drei Viertel der Baumwolle an gentechnisch veränderten Pflanzen. Ohne dass wir davon etwas auf den Klamotten lesen.

Teuer bezahlte Gentechnik

Gentechnik-Pflanzen treiben Baumwoll-Bauern in immer tiefere Abhängigkeit von Saatgut-Konzernen und nicht selten in den finanziellen Ruin. Eine Greenpeace-Studie belegt: Die Kosten für den Anbau genetisch veränderter Baumwolle war für indische Bauern fast doppelt so hoch wie für Bio-Bauern. Zudem nutzten die Gentech-Bauern große Mengen an verschiedensten Pestiziden und hatten trotzdem unter einem höheren Schädlingsbefall zu leiden.

Bei konventionell hergestellter Baumwolle wird es dann richtig brutal: Der Anbau verbraucht gigantische Mengen Pestizide, weil die Baumwolle anfällig ist – auch deshalb, weil sie als Monokultur wächst. Obwohl sie auf nur 2,5 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche steht, werden hier 15 Prozent aller Insektizide verbraten.

Öko-Mode. Alles Logo?

Naturtextil IVN zertifiziert BEST LogoNaturtextil IVN zertifiziert BEST
Derzeit der Standard mit den höchsten Ansprüchen an textile Ökologie.

Das Label bildet die gesamte Produktionskette in ökologischer und ­sozialverantwortlicher Hinsicht ab. Vor allem im europäischen Raum bekannt.

Global Organic Textile Standard Logo

Global Organic Textile Standard (GOTS)
Ein international etablierter Mindeststandard für Umwelt- und Sozialverträglichkeit in Sachen Textil.

Die Ansprüche des GOTS liegen etwas unter denen des BEST.

Kindermode, Foto: Andrea RuesterFairtrade certified cotton
Baumwollproduzenten und weiterverarbeitende Betriebe werden auf die Einhaltung sozialer ­Standards überprüft. Gibt keine Rückschlüsse über den Handel mit Bio-Baumwolle.

Auf dem Textilmarkt gibt es noch jede Menge mehr Labels. Meist sind Grenzwerte für Chemikalien festgelegt, aber häufig wird nichts darüber ausgesagt, auf welchem Weg die Kleidung erzeugt wurde. Ausführliche Infos unter:
www.label-online.de und www.naturtextil.com

Es arbeiten auf dieser Erde 250 Millionen Menschen mit und rund um die Baumwolle. Rund 25 Millionen Tonnen werden jedes Jahr produziert, etwa ein Prozent davon als Bio-Baumwolle. Und während man sich noch nicht einmal vorstellen mag, wie viel Wasser dabei verbraucht wird und welche Landstriche dabei austrocknen und versalzen wie die Region um den Aralsee in Usbekistan, und während wir uns über den CO2-Ausstoß durch den Düngereinsatz jetzt mal auch keine Gedanken machen, dann gibt es aber noch eine Zahl, die man einfach aussprechen muss. Ich sage es vorweg: Vorsicht, gleich kommt so ein Moment, in dem man sein Kind anguckt und denkt: „Gute Güte, wo hab ich dich hier reingeboren!“ Vielleicht werden Sie sich gleich wünschen, Sie wüssten nicht, was Sie dann wissen. Vielleicht wussten Sie es schon mal, zumindest hatten Sie den Verdacht, und haben es erfolgreich verdrängt. Aber es nützt nichts, Realität ist Realität: Damit wir billige Unterhosen anhaben können und T-Shirts und Jeanshosen, sterben Menschen durch Vergiftung mit Pestiziden. Hilfsorganisationen sprechen von weltweit durchschnittlich 77 Toten – an jedem einzelnen Tag. Das sind gut 28 000 pro Jahr. Und weil wir an diesem Punkt immer noch niemanden haben, den es sich zu schütteln lohnen würde, einigen wir uns an dieser Stelle ganz einfach: auf Bio-Baumwolle. Die andere sollte es gar nicht mehr geben dürfen. Sie ist ein Skandal.

Ich will Bio! Verändern geht übers Kaufen

Ich persönlich kenne den Weg nicht, wie man da wieder herauskommt. Aber ich will das alles nicht. Ich will Bio-Baumwolle. Ich weiß, es geht nicht immer. Bei mir auch nicht. Aber ich will, dass es so schnell wie möglich immer geht, und dafür muss man sie kaufen.

Kindermode, Foto: Andrea Ruester

Rausgewachsen: Bedarf gibt es immer …

Kleider müssen natürlich auch nicht unbedingt aus Baumwolle sein. Es gibt auch Hanf und Leinen und Wolle und Seide. Und es gibt auch ganz tolle recycelte Kunststoffe. Aber ich bin erstens ein Fan von Naturprodukten an der Haut meiner Töchter und zweitens bei aller Sympathie für Wolle und Seide – und endlosem Respekt vor den Eltern, die tatsächlich Seidenunterwäsche für ihre rasant wachsenden, tobenden Kinder kaufen – wollen meine Kinder auch noch Essen und Spielzeug und in den Zoo und in den Urlaub, und meine Vorstellung davon, was eine Unterhose für eine Vierjährige kosten darf, ist wahrscheinlich auf spießige Art und Weise angepasst an mein Einkommen.

Tauschen und Teilen

Und wenn wir ehrlich sind, und das versuchen wir ja gerade, dann ist es zwar ganz toll, dass es recycelte Kunststoffe gibt, aus denen man Multifunktionsjacken machen kann, aber es ist auch nichts anderes als Baumwollhosen vom Flohmarkt. Die sind ja dann quasi auch recycelt. Frau Pantelouris hat schon wieder recht, das mit dem Flohmarkt ist irgendwie die Antwort auf fast alles, das sag ich ihr aber nicht.

Kindermode, Foto: Andrea Ruester

Weitergeben: die ökologischste Form, an passende Kinderkleider zu kommen

Womit wir bei dem wichtigsten Thema wären, jedenfalls wenn es nach Nummer eins und zwei geht: Modefragen. Denn wenn ich sage Bio-Baumwolle, dann kann man das gepflegt vergessen, wenn das Design durchfällt. „Papa, das ist nicht schön!“, heißt es dann, gefolgt von wütendem Aufstampfen, Arme verschränken und angenervt gucken bei Nummer eins und einem wirklich täuschend echten Traueranfall inklusive Weinen und Aufdenbodenwerfen bei Nummer zwei, in den sie sich dann so lange reinsteigert bis sie echt fertig ist.

Voll korrekte Klamotten

Man kann diese Kinder mit legalen Mitteln zu sehr wenig zwingen, wenn es um ihre Klamotten geht. Ich bin Vater von zwei Töchtern. Ich bin hundertprozentiger Feminist. Aber die Jungs von meinem Nachbarn sind da einfacher, glaube ich.

Auf der anderen Seite bewegt sich nichts so schnell wie Mode, selbst Zweitklässler sind heute irgendwie anders als wir damals – oder ich erinnere mich falsch –, jedenfalls ist Design heute wichtiger denn je. Gleichzeitig gibt es aber auch immer mehr großartige kreative Menschen, die ungiftige, ökologisch korrekte und fair gehandelte Mode machen und verkaufen. Oder tolle Ideen haben wie Cradle-to-cradle und Upcycling – schade zwar, dass alles irgendwie Englisch heißen muss, aber die Hintergedanken sind des Denkens wert: T-Shirts, die sich nach (!) ausgiebigem Tragen rückstandslos auflösen, neue Klamotten aus alten Lieblingsteilen.

Apropos alt. Ich fürchte, ich muss mich outen: Ich war Waldorfschüler, Sohn eines 68er-Paares und bin geschädigt durch kratzende, hornhautfarbene Wollstrumpfhosen und Erwachsene in wallenden Gewändern und lustigen Schuhen. Fürs Protokoll: Dagegen ist wahrscheinlich nichts zu sagen. Aber wenn das heute noch die einzige ökologisch korrekte Mode wäre, dann hätte ich ein Problem. Habe ich aber nicht: In den deutschen Großstädten gibt es in den einschlägigen Vierteln an jeder Ecke Eco Fashion, wie man neudeutsch sagt, und für Kinder sowieso. In den grünen Seiten von Schrot&Korn finden sich Adressen und im Zweifel kann man heute ja sowieso alles im Internet bestellen. Das war alles noch nie so einfach.

Und noch weitere, wichtige Felder eröffnet das Netz, nämlich die, die Eltern kleiner Kinder aus pädagogischen Gründen sowieso dauernd im Mund führen: tauschen und teilen. Denn die Wahrheit ist ja auch: Es gibt mehr als genug Kinderklamotten auf der Welt. Sie liegen nur manchmal an der falschen Stelle.

Ver- und Fairwertet

Trend ist, aus alten Teilen Neues zu nähen – neudeutsch „Upcycling“. Und wenn Kleidung irgendwann tatsächlich mal durch ist, steht unter fairwertung.de, welche Altkleidersammlung sinnvoll ist

ummer zwei rennt derweil mit einem Outfit den Flur entlang, das aussieht als würde ein Marshmellow Ballett machen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wo sie all diese Sachen herbekommt, so wie ich manchmal abends nicht sicher bin, welche Stücke in die Verkleidungskiste gehören und welche in den Schrank.

Die Welt der Mode

„Nummer zwei“, rufe ich hinterher, „zieh dich mal richtig an, wir gehen auf den Flohmarkt.“ „Ich bin schon angezogen!“ „Das ist nicht angezogen. Das ist verkleidet.“ Beleidigt sieht sie mich an. Ich muss gestehen, ich werde für einen Moment unsicher. Ich habe auch Carrie in „Sex and the City“ relativ regelmäßig für verkleidet gehalten. Allerdings lebt die auch in einer anderen Welt als Nummer zwei und ich. Ich sage also bestimmt: „Man trägt kein Tutu über … was ist das, eine Schlafanzughose?“ Nummer zwei wirft sich auf den Boden und beginnt zu schreien.

Das ist also die Welt der Mode. Eine ziemlich komplizierte Welt. Und am Ende wie jede andere auch: Das Problem bleibt immer wieder, dass wir Müll produzieren. Wir schaffen es, aus den zur Verfügung stehenden Naturstoffen etwas zusammenzubasteln, das kein Naturstoff mehr ist und deshalb giftig oder unvergänglich. Und mit der Mode haben wir es geschafft, regelmäßig mit jeder Saison artifizielle Gründe zu erschaffen, warum man das immer und immer wieder tun muss. Wäre das nicht so aberwitzig, müsste man es bewundern, weil es so konsequent ist.

Inzwischen ziehe ich Nummer zwei an, die das Weinen vergessen hat, weil sie über imaginäre Großeinkäufe auf dem Flohmarkt nachdenkt. Dieses Kind ist einfach unvorstellbar schön. Meine beiden Töchter sind unvorstellbar schön. Und charmant. Egal, was sie anhaben. Aber irgendetwas haben sie an, und man kann auch nicht einfach nicht darüber nachdenken, was es ist – weil man die Welt ja wahrscheinlich am schnellsten verändert mit dem, was man kauft oder nicht kauft. Indem ich ein T-Shirt bei einer ordentlichen Firma kaufe, zum Beispiel. Sie nehmen nicht nur Bio-Materialien, sondern sie achten auch auf die Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. So soll es sein. Und jeder Kauf ist ein aktiver Beitrag dazu, die Welt ein bisschen mehr so zu machen, wie sie sein soll.

Da rennt der Kinderpopo. Nummer zwei will los. Machen wir was Wichtiges. Richtiges. Gehen wir einkaufen.

Michalis Pantelouris, Foto: Andrea Ruester

Michalis Pantelouris ist Journalist, Autor und Blogger (www.pantelouris.de)– und Vater von zwei modisch selbstbewussten Mädchen.

Interview
„Renitente Kunden werden gemeldet“

Dr. Kirsten Brodde

Dr. Kirsten Brodde ist Expertin für grüne Mode. Mehr Infos und praktische Listen der Buchautorin gibt’s auf
www.kirstenbrodde.de

Frau Brodde, was ist das Wichtigste, auf das ich beim Kauf von Kinderkleidung achten kann oder sollte?

Auch wenn das jetzt altmodisch klingt, Kinderkleidung sollte eigentlich so wenig wie möglich NEU gekauft werden. Secondhand, Tauschen, Leihen – alles besser als neu kaufen. Ich finde, das hat gute Tradition und sollte auch weiter so gemacht werden. Aber wenn neu kaufen, dann bitte die Öko-Linien bei den Großen oder noch besser die Öko-Linien der vielen kleinen Brands. Da kriegt man dann nämlich nicht nur Bio-Baumwolle und damit einen vorbildlichen Rohstoff, sondern oft bio und fair im Doppelpack.

Gerade bei Kindermode sorgen sich die meisten um Schadstoff-Freiheit. Deshalb ist es gut, wenn die Sachen ein GOTS-Siegel haben oder IVN Best, das garantiert, dass keine gefährlichen Chemikalien in der Produktion eingesetzt wurden und dann sind auch keine mehr im fertigen Produkt!

Kann ich als Verbraucher darauf hinwirken, dass sich die Produktionsbedingungen verbessern?

Klar. Die Unternehmen beobachten ganz genau, was wir kaufen. Vermutlich noch genauer, was wir nicht mehr kaufen. Wenn wir also unser Geld in die richtigen Sachen stecken, bewegt sich im bes-ten Fall irgendwann die ganze Branche. Mit strategischem Konsum allein kann man natürlich die Welt nicht retten. Aber man kann sich an Aktionen beteiligen von Greenpeace oder bei der Kampagne für Saubere Kleidung. Oder man schreibt an sein Lieblingsunternehmen und stellt die acht Fragen, die ich mit Mark Starmanns auf dem Blog veröffentlicht habe.

Kann ich selbst im Laden irgendwie erkennen, welche Kleidung besser ist?

Etiketten gucken! Bio-Baumwolle ist immer eine gute Wahl, dann steigern und auf Siegel wie GOTS oder IVN Best achten. Und vor allem: Fragen! Auch im Laden, selbst wenn man zunächst keine Antwort bekommt: renitente Kunden werden gemeldet. Immer wenn ich keine Antwort bekomme, erkläre ich, dass ich möchte, dass sie meine Frage an die Zentrale weiterleiten!

Adressen mit Anziehungskraft

www.greenaction.de/kampagne/schmutzige-waesche
Giftfreie Mode ist das Ziel der Detox-Kampagne von Greenpeace

www.gruenemode.de
Blog mit vielen Link-Tipps und Listen von Anbietern

www.oxfam.de
Hilfsorganisation mit eigenen Secondhand-Läden

www.pan-germany.org
Pestizid-Infos. Kümmert sich mit dem Projekt Cotton Connection um den Anbau von Bio-Baumwolle

www.saubere-sachen.de
Gibt Arbeiterinnen in Textilfabriken eine Stimme

www.transgen.de
Fakten zur Gentechnik im Baumwollanbau

www.utopia.de
u.a. Adressen von Läden

www.worldofecofashion.de
(Fast) alles rund um Eco Fashion und nachhaltige Mode

Marktplätze und Tauschbörsen im Internet

www.avocadostore.de
Online-Marktplatz für fast alles, solange es nachhaltig ist

www.dawanda.de
Marktplatz für Selbstgemachtes mit Kategorie Grüne Kindermode

www.dietauschboerse.de/kleidung

www.klamottentausch.net

www.kleiderkreisel.de
Anbieter-Auswahl für Öko-Kindermode

www.ajnaorganic.de
www.assmus-shop.de
www.batata.de
www.bio-wohli.de
www.engel-natur.de
www.flomax-natur.de
www.hessnatur.com
www.imps-elfs.nl
www.jooloomooloo.com
www.kindspech.de
www.kissa-kinderwelten.de
www.kitekids.de
www.lana-naturalwear.de
www.livingcrafts.de
www.livipur.de
www.lotteplustotte.de
www.loud-proud.com
www.maas-natur.de
www.manomama.de
www.ulalue.de
www.waschbaer.de

Vielen Dank an Fairretail in Hamburg (www.fairretail.de).
Von dort stammen die fotografierten Kleidungsstücke und der Knuddel-Affe.

Nachlese

Schneider, BernhardKirsten Brodde:
Saubere Sachen.
Ludwig Verlag, 2009, 256 Seiten, 16,95 Euro

Grüttner, Heidrun

Greenpeace:
Textil-Fibel 4.
Greenpeace Media, 2011, 176 Seiten, 12,50 Euro

PAN GermanyPAN Germany:
Cotton Woman.
www.pan-germany.org, 2011, 44 Seiten, 5 Euro zzgl. Versand

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incl. 'http://'
Verena Jahreiß
Im Zusammenhang mit Kleidung sollte die "Christliche Initiative Romero" erwähnt werden. Diese Organisation setzt sich weltweit für Arbeitsrechte der Näherinnen und Mindeststandards in der Textilherstelleung ein. Öko ist ein wirklich wichtiger Aspekt, aber auch die Arbeitsbedingungen derer, die uns die Ökokleidung nähen sollte uns am Herzen liegen.

http://www.ci-romero.de/ccc/


Christine
Hallo,

der Artikel ist gut und umfangreich, allerdings denke ich, daß anstelle des Links www.saubere-sachen.de dieser hier gemeint ist: www.saubere-kleidung.de.

Danke.
paula
Ich denke, daß es gerade im Zeitalter des Internet-Shoppings recht einfach ist, beim Kauf von Kleidung, insbesondere auch bei Kinderkleidung, nachhaltige Möglichkeiten abseits der Massenproduktion zu finden. Ich kaufe für meine Töchter z.B. viele Produkte direkt bei alternativen Designern, bei denen auf Ökologie und Nachhaltigkeit wert gelegt wird (z.B. www.Peculiar-Pixy.com). Die Designs sind viel ausgefallener als bei den großen Textilproduzenten und die Langelebigkeit der Kleidung rechtfertigt den etwas höheren Anschaffungspreis. Durch den Kauf direkt beim Designer bekommt man Kleidungsstücke und anderes in hervorragender Qualität aus Handarbeit zu einem bezahlbaren Preis, das auch gerne noch an mehrere Geschwister weitervererbt wird.
Beate Siek
Der Kauf von Ökotextilien ist sicher ein unterstützungswürdiges Anliegen. Allerdings ist es hier mit dem sauberen Gewissen doch nicht so einfach: Selbst der Kauf von Ökomode kann ein falsches Signal sein, wie der aktuelle Fall von Hess-Natur zeigt, einer Firma, die Sie in Ihrer Adressliste zum Artikel aufführen: Die Firma wurde dieses Jahr von einem Investor einverleibt, der Private-Equtiy-Gesellschaft Capvis. Einer der größten Investoren von Capis ist HarbourVest, ihrerseits eine Private-Equity-Gesellschaft mit Sitz in den USA. Ihr Gründer ist ein ehemaliger US-Militärgeheimdienstler; Harbourvest verwaltet zum Beispiel die Gelder des australischen Militärs und investiert in Avio, einem italienischen Waffenproduzenten. Schlimmer geht's nimmer. Der Kauf von Hess-Natur-Ökomode nützt vielleicht zarter Haut von deutschen Kindern, unterstützt aber gleichzeitig den Waffenhandel, mit dem Kinder in anderen Ländern getötet oder verletzt werden...



Weitere Informationen zur Übernahme von Hess-Natur finden sich im Web:



http://www.dreigliederung.de/news/



http://www.hngeno.de/



http://wir-sind-die-konsumenten.de/



Es wäre schön, wenn Schrot & Korn einmal über diesen Fall berichten würde, damit die Problematik von schnödem Mammon auch in der Ökobranche und der notwendige Boykott von Hess-Natur weitere Verbreitung findet.



Wie heißt es doch so schön: Mit dem Wissen wächst der Zweifel, frei nach Goethe.



Ansonsten: Weiter so!



Viele Grüße, Beate Siek, Heidelberg