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Interview mit Hans R. Herren

Hunger und Armut lassen sich nur durch nachhaltige Landwirtschaft verringern, sagt der Weltagrarbericht von 2008. Was wurde seitdem erreicht? Ein Gespräch mit dem Vizevorsitzenden Dr. Hans R. Herren. (Fotos: Biovision/Peter Lüthi)

Dr. Hans R. Herren (Foto Peter Lüthi)

Herr Herren, kann eine ökologische Landwirtschaft die Welt wirklich ernähren?

Es gibt über 270 Studien, die zeigen, dass man die landwirtschaftliche Produktion in Afrika, aber auch in Asien und Lateinamerika, verdoppeln, verdreifachen kann – nur mit natürlichen, ökologischen Methoden. Es geht um den Boden, nicht um neue Sorten. Mit den vorhandenen Sorten kann man deutlich mehr produzieren, wenn der Boden stimmt.

Hat der Weltagrarbericht etwas verändert?

In Sachen Diskussion hat sich etwas verändert. Seit unserem Bericht hat es zirka 15 neue gegeben, die alle mehr oder weniger unsere Richtung bestätigen. Es gab aber auch Berichte, die unsere Botschaft verdünnt und die Tür z.B. für Gentechnik weit geöffnet haben.

Warum sieht der Weltagrarbericht in der Gentechnik keine Lösung, den Hunger zu verringern?

Gentechnik behandelt vor allem Symptome schlechter Anbaupraktiken wie zum Beispiel Unkräuter und Schädlinge. Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen die Ursachen der Probleme in der Landwirtschaft lösen. Zudem ist Gentechnik kapital- und forschungsintensiv. So kann sie sowieso keine Rolle für die Kleinbauern in den Entwicklungsländern spielen. Problematisch ist außerdem die Monopolisierung auf wenige Firmen.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sieht das anders.

Die Organisation steht stark unter dem Druck der Industrie – der Düngerindustrie, der Samenindustrie. Auch die großen Bauernorganisationen üben Druck aus. Die Person, die aus dem FAO-Büro für den Weltagrarbericht verantwortlich war, ist jetzt in der Bill Gates Foundation tätig. Das sagt alles.

Bill Gates Foundation? Wie ist hier der Zusammenhang?

Die Foundation hat ein riesiges Programm aufgelegt, das den Verbrauch von Düngemitteln, Hybridsamen und – wo möglich – die Gentechnik fördert.

Ist Bill Gates falsch beraten?

Sicher. Auch der frühere Chef der Biotechnologie-Abteilung von Monsanto arbeitet dort. Im Vorfeld des letzten G8-Gipfels in Washington hat die Foundation ein Treffen mit den Präsidenten von Äthiopien und anderen Ländern organisiert. Auch Monsanto, Syngenta und Bayer waren da. Die Foundation will den Ländern so zu drei Milliarden Dollar von privat und öffentlicher Hand verhelfen, für neue Samen, Dünger und Beratung. Also für eine Landwirtschaft wie die Gates-Foundation sie sieht.

Bei so massivem Gegenwind. Verlieren Sie da nicht den Mut?

Nein. Man muss dann einfach noch mehr machen. Jetzt müssen wir erst einmal sehen, wie wir den Weltagrarbericht bekannter machen und eine Koalition aufbauen, die den Bauern eine echte nachhaltige Alternative für einen Kurswechsel in der Landwirtschaft bietet.

ChrisTine Urspruch

Dr. Hans R. Herren …
… ist Insektenforscher, Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte. Er ist Präsident des Millennium Institutes, hat den Welternährungspreis und den One World Award gewonnen.

2001 hat Herren die Stiftung Biovision gegründet, die sich für die Entwicklung und Anwendung von ökologischen, umweltfreundlichen Methoden einsetzt, mit denen Menschen in Entwicklungsregionen sich selber helfen können.

Hans Rudolf Herren ist auch Vizevorsitzender des 2002 von der Weltbank und der UNO in Auftrag gegebenen Weltagrarberichts (IAASTD-Bericht), an dem über 400 Wissenschaftler aller Kontinente und unterschiedlicher Fachrichtungen mitgearbeitet haben.

www.biovision.ch, www.millennium-institute.org, www.weltagrarbericht.de

Wieso ist das noch nicht passiert?

Nachdem der Bericht fertig war, stand kein Geld mehr zur Verfügung, ihn publik zu machen. Unglaublich. Ich habe weltweit über 400 Reden gehalten – nicht im Auftrag des Weltagrarberichts, sondern weil ich es für nötig hielt.

Sie haben mit Regierungsvertretern vieler Entwicklungsländer gesprochen. Warum wird dort nicht mehr in eine nachhaltige Landwirtschaft investiert?

Es hängt an den Mitteln. Wer hat sie? Die Industriestaaten. Und die sagen: Ihr braucht Dünger und neue Samen. Dafür gibt es Geld. Mit natürlichen Methoden und vor allem mit Wissen lässt sich nichts verdienen.

Barbara Lehnert-Gruber, verantwortliche Redakteurin von Schrot&Korn, traf Dr. Hans R. Herren auf der Veranstaltung „Woche der Umwelt“ im Schlossgarten von Bellevue in Berlin. Dr. Hans R. Herren und Barbara Lehnert-Gruber

Und eine industrielle Landwirtschaft, wie wir sie hier haben, kann in Afrika nicht erfolgreich sein?

Nein, denn sie ist nicht nachhaltig. Die industrielle Landwirtschaft funktioniert nur, weil man pro Kalorie, die man herausbekommt, zehn Kalorien hineinsteckt. Bio-Landbau produziert bis zu dreißig Kalorien aus einer Kalorie. Ein weiteres Problem: In Europa arbeiten nur drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. In den Entwicklungsländern sind es 50 bis 70 %. Wie sollen die Leute Geld verdienen, wenn man sie nicht auf dem Land beschäftigt? Das alles muss man berücksichtigen.

Sie haben in Afrika natürliche Methoden zur Schädlingsbekämpfung mit entwickelt, z.B. die Push-and-Pull-Technik. Warum werden die Methoden vor Ort nicht stärker eingesetzt?

Push-and-Pull ist eine Methode, die gelernt und adaptiert werden muss. Dabei werden Pflanzen mit abstoßender und anziehender Wirkung kombiniert. In ein Maisfeld pflanzt man z.B. Desmodium, das die Insekten abstößt, also push. Und um das Feld herum pflanzt man Napiergras, das die Insekten zusätzlich anzieht – pull. Nachhaltige Landwirtschaft ist beratungsintensiv. Industrielle Landwirtschaft ist einfach. Politiker wollen einfache Lösungen. Wichtig ist ihnen, dass man etwas kaufen und verkaufen kann. Dünger, Pestizide, neue Samen, es geht ums Geschäft. Auch Korruption spielt eine Rolle.

Lassen sich Methoden wie die Push-and-Pull-Methode überall anwenden bzw. 1:1 auf andere Länder übertragen?

Nein, man muss sie an die Gegebenheiten anpassen. Deshalb muss man forschen. Man muss den Bio-Landbau weiterentwickeln. Bio-Landbau ist die modernere Landwirtschaft.

Nochmals zurück zum Thema Hunger. Millenniumsziel der UNO war, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Davon sind wir weit entfernt. Nach Aussagen der FAO muss die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um 70 % steigen.

Das ist Blödsinn. Mit 4600 Kilokalorien pro Person und Tag produzieren wir heute doppelt so viel wie wir brauchen. Wir könnten also 14 Milliarden Leute satt bekommen. Doch von den 4600 Kilokalorien gehen 800 in die Fleischproduktion. Das müsste nicht sein. 800 Kilokalorien gehen beim Verarbeiten verloren. 30 bis 50 % werden weggeworfen. So kommen schnell 2300 Kilokalorien zusammen, also so viel wie ein einzelner im Schnitt täglich aufnimmt. Natürlich müssen wir in Entwicklungsländern mehr herstellen. Und an anderen Orten weniger, z.B. in Amerika, in Europa. Wir müssen anders, anderswo und mit anderen Leuten vielfältiger produzieren.

Cerutti, Herbert: Wie Hans Rudolf Herren 20 Millionen Menschen rettete – Die ökologische Erfolgsstory eines Schweizers. Orell Füssli Verlag, 2011, 182 Seiten, 32,90 Euro Cover

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G.Mühlhausen
Was für ein Interview!



"Wir könnten 14 000 000 000 Menschen ernähren." Wer, um Himmels Willen, ist "wir"? Diese "wir" beweisen seit langem, daß "wir" keine 3, nicht 4, nicht 5, nicht 6 und aktuell auch nicht 7 Mrd. Menschen ernähren konnten und können. Sollten da nicht mal endlich andere Fragen gestellt werden, als immer nur die altbekannten nach der Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion? Ich meine ja! Man kann nämlich sehr gut immer wieder die falschen Fragen stellen.



Wann ging es in der Menschheitsgeschichte los mit dem, nicht an schlimme Mißernten gebundenen Hunger?

War das früher vielleicht ein völlig normales und sogar hinnehmbares Geschehen?

Welchen Einfluß hat diese vielgepriesene Marktwirtschaft auf den Hunger?

Müßten wir da, angesichts unserer selbst im tiefen Winter überquellenden Obst- und Gemüseregale, uns nicht mal an die eigenen Nasen als Verbraucher resp. Leser von Schrot&Korn fassen?

Die Tatsache, daß hierzulande 40-50% der erzeugten Lebensmittel weggeworfen werden, sollte zu hartnäckigen Fragen führen.



Z.B.:

Ist Gentechnik ein Waffe, wie es Panzer, Flugzeuge, Satelliten und Internettechnik sind, zur Besetzung der Märkte und Länder, die nicht darüber verfügen bzw. nicht an den Zentralen sitzen?

Ist Hunger nicht immer wieder auch ein politisches Instrument?

Wie ist der Einfluß der Finanzmärkte, des Zinssystems...?

uswusf.



Also:Könnte es nicht vielleicht doch sein, daß unter den herrschenden und scheinbar frei gewählten pseudodemokratischen Verhältnissen gar keine Lösung des Hungerproblems möglich ist???



Das Reden von der Möglichkeit, 14 Mrd. ernähren zu können, halte ich für eine absolut verantwortungslose und populistische Vereinfachung. Es kann keine technische Lösung dieses Problems geben.

Damit werden auch von Herrn Dr.Herren all die anderen Ursachen des Hungers (absichtlich?) ausgeblendet. Es ist nämlich völlig offensichtlich, daß die Erhöhung der Weltbevölkerung unvermeidlich mit sozialen, politischen, militärischen, energetischen (Öl, Gas...), rohstofflichen Konflikten verbunden ist, die sehr wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft umschlagen werden. Und der große Frieden wird nach aller Erfahrung nicht ausbrechen.



U.a. war Harald Welzer in seinem Buch "Klimakriege" schon mal weiter.



Dieses und noch viel mehr hätte wenigstens angesprochen werden müssen!!! Es geht mitnichten um den Boden. Es geht ums Ganze. Und das schon seit langem!
B.Nothelle
Das Bevölkerungswachstum ist ein großer Segen! Je mehr Menschen, desto mehr haben die Möglichkeit sich zu entwickeln. Dass wir diese auch alle satt bekommen, dafür gibt es Wissenschaftler mit mehr Weitblick, wie Dr.Herren und viele andere intelligente Mitmenschen. Vielen Dank für solche Interviews! B.N.
B. Haese
Leider wurde, wie auch im letzten Kommentar bemerkt, im Interview das für nahezu alle Probleme ursächliche katastrophale Ansteigen der Weltbevölkerung mit keinem Wort erwähnt.
U. Dittmann
Sehr richtig - Hungerbekämpfung über den "Umweg" der Fleischproduktion und infolge tierquälerischer Massentierhaltung, bedeutet 7-fach mehr Energieverbrauch, als durch vegetarische Ernährung. Doch die Vision von Dr. H.R. Herren, immer mehr und mehr aus dem Boden herauszupressen, für immer (noch) mehr Menschen - das ist letztlich auch keine Lösung.

Grundübel ist die "Dornenkrone der Schöpfung" selbst, die sich täglich um 200.000 Köpfe vermehrt - die Apokalypse für unsere geschundene Erde.
Petra Anderson
Ein hervorragendes Interview mit einem intelligenten, weitsichtigen Hans Rudolf Herren, den ich sehr schätze!

Ich wünsche mir, dass dieses Wissen mehr publik gemacht wird und setze mich selber durch Verbreitung derartiger Information mit Herzblut dafür ein!

Meine Artikel zu "Agrarbericht", "Monsanto","Svalbard"Massentierzucht" u.a. sind hier zu finden....http://suite101.de/petra-anderson
Michael Bonke
Ich war total verblüfft, als ich letzten September Hans Herren in einem Vortrag das Gleiche wie in diesem Artikel sagen hörte. Deshalb habe ich ihn auch sofort um ein Interview gebeten: http://www.sunpod.de/2011/10/040_sunpod_interview-hans-herren-uber-nachhaltige-landwirtschaft-in-afrika/



Eine sehr beeindruckende und inspirierende Persönlichkeit!