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„Es gibt drei große Baustellen“

„Wir müssen etwas tun“, sagt Christiane Paul. Die Schauspielerin versucht mit ihrer Familie ökologisch zu leben. Einfach sei es nicht. Vieles aber machbar. Ihr Motto: einfach anfangen. // Barbara Gruber

Christane Paul

Ökologisch zu leben, ist nicht gerade einfach …

Absolut nicht. Das kann unglaublich anstrengend sein. Und manchmal hat man auch einfach keine Lust dazu.

In Ihrem Buch „Das Leben ist eine Öko-Baustelle“ beschreiben Sie Ihre Erfahrungen in Sachen „ökologisch leben“. Wie darf man sich Ihr Leben auf der Öko-Baustelle vorstellen?

Im Grunde gibt es drei große Baustellen: Energie, Essen, Mobilität. Was die Mobilität betrifft, habe ich im Privaten schon viel getan. Ich bin viel mit dem Rad unterwegs. Für die Einkäufe benutze ich ein Lastenfahrrad. Und ich wohne in einem Kiez, wo man viel zu Fuß machen kann. Mein Auto bewege ich kaum noch.

Sie ernähren sich vegetarisch?

Das ist die Baustelle Essen: Ich habe meinen Fleischkonsum total reduziert, denn Fleisch hat – wenn man das so salopp sagen darf – einen sehr hohen CO2-Wert. Ich bin aber keine Vegetarierin. Außerdem ist mir wichtig, verantwortungsvoll mit Nahrungsmitteln umzugehen. Wie viel kaufe ich für eine Woche ein, ohne dass etwas verdirbt? Das zu entscheiden, ist echt schwer. Natürlich kaufe ich größtenteils bio – und, wenn möglich, saisonal und regional. Das klappt leider weniger gut, auch, weil die Bio-Läden nicht mehr nur saisonale Produkte anbieten und damit die Verführung groß ist.

Wie läuft es auf der dritten Baustelle? Im Energiebereich?

Der erste Schritt war der Wechsel zu einem ökologischen Stromanbieter. Ich vermeide Standby-Funktionen und habe Energiesparleuchten. Außerdem gebe ich meinen Stromverbrauch in CO2-Online ein. Das ist eine Verbraucherplattform im Internet, auf der man seinen Stromverbrauch über Jahre verfolgen kann. Und man bekommt dort Stromspartipps.

Für Ihr Buch haben Sie mit ökologisch engagierten Journalisten, Politikern und Wissenschaftlern wie Leo Hickman, Jonathan Safran Foer, Boris Palmer und Anders Levermann gesprochen. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Jeder für sich. Bei Hickman war ich sehr aufgeregt, weil ich sein Buch „Fast nackt“ sehr mag. Er ist so ein bisschen mein Hero.

Stoßen Sie auch mal an Grenzen? Situationen, in denen Sie sagen, das geht jetzt nicht – ökologisches Leben hin oder her?

Ja, zum Beispiel bei der Kleidung. Sich als Erwachsener ökologisch und modisch zu kleiden, ist inzwischen schon möglich, aber nicht unkompliziert. Außerdem würde ich gerne weniger fliegen. Ich muss hier entscheiden, ob ich nach München eine Stunde fliege, mit Check-in-Zeit etc. fast vier Stunden, oder sechs bis sieben Stunden im Zug sitze – und meine Kinder entsprechend früher abgebe. Da sind zwei Stunden Differenz plötzlich relevant.

Sind Sie glücklicher, seitdem Sie ökologisch leben?

Ne (überlegt), ne. Ich habe das auch Leo Hickman gefragt. Er sagt, er sei glücklicher. Er habe seine Werte umgeschichtet und lebe intensiver, wenn auch komplizierter. Ich sehe mich hingegen immer wieder scheitern.

Christiane Paul

Christiane Paul …
… die Schauspielerin, promovierte Ärztin und Mutter zweier Kinder ist 1974 in Berlin (ost) geboren. Den Beruf der Ärztin gab sie 2004 auf, um sich neben der Betreuung ihrer Tochter stärker der Schauspielerei widmen zu können. Der Durchbruch gelang Christiane Paul 1997 mit dem Film „Das leben ist eine Baustelle“. Weitere Filme: „Im Juli“, „Knockin‘ on heaven’s Door“, „Die häupter meiner lieben“ und „hindenburg“.

Seit fünf Jahren ist Christiane Paul intensiv in Sachen Klimawandel unterwegs. Im herbst 2011 erschien ihr Buch „Das leben ist eine Öko-Baustelle“. Darin beschreibt sie ihre Erfahrungen, höhen und Tiefen beim Versuch umweltfreundlich zu leben. Christiane Paul lebt mit ihren zwei Kindern in Berlin.

So wie die Politiker? Ihnen würden Sie gerne „Hallo aufwachen!“ zurufen. Was müssten die Politiker tun?

Sie müssten klare Richtlinien schaffen, für die Industrie und den einzelnen Verbraucher. Ob das nun CO2-Obergrenzen für Autos sind oder, dass man festschreibt, Naturbestände wie Wälder und Flüsse in Betriebsvolumina aufzunehmen. In Ressourcen, die die Industrie verbraucht, muss sie dann reinvestieren. Und ich glaube, dass CO2 ganz klar etwas kosten muss. Da gibt es schon Bestrebungen, ich weiß. Doch die greifen noch nicht richtig. Politiker müssen aber nicht nur Richtlinien schaffen. Sie sollten auch Vorbild sein. Wie wäre es, wenn die Minister E-Autos fahren oder Hybride. Gerne auch von deutschen Firmen. Wir haben hier eine Form von Eliteversagen.

Haben Sie die Hoffnung, dass sich etwas ändert?

Nein, es geht so weiter. Wir werden die entscheidenden Schritte zu spät machen. Klar haben wir den Anteil regenerativer Energie in kurzer Zeit stark gesteigert. Wir müssen aber auch weniger Energie verbrauchen. Hier braucht es ganz klar Maßnahmen von der Regierung. Sie muss die Industrie veranlassen neue Konzepte für eine nachhaltige, effizientere Wirtschaft zu entwickeln – und letztendlich auch für eine suffizientere Lebensweise. Doch über Suffizienz will ja keiner reden.

Suffizienter, also genügsamer, leben … Macht Ihnen das Angst?

Ich kann es mir momentan schwer vorstellen. Ich schränke mich ja schon ein. Weniger Autofahren, weniger Fleisch … Ich denke, wir werden nicht darum herumkommen. Ob es Angst macht oder nicht. Es wird natürlich eine riesige Umstellung.

Was können Sie als bekannte Schauspielerin bewegen?

Im Endeffekt wenig, weil sich niemand mit dem Thema wirklich auseinandersetzen will. Ich kann ein Buch schreiben …

… oder in Talkshows gehen?

Meine Erfahrungen mit Talkshows sind eher ernüchternd. Man wird dort sofort mit allen Vorurteilen an die Wand gedrückt. Ohne dass man nur Piep sagt, wird man mit Totschlagargumenten bombardiert. Mülltrennung bringe nichts, weil danach sowieso wieder alles zusammengeschüttet wird – zum Beispiel. Man kommt nicht dazu, zu sagen, worum es eigentlich geht. Ich habe das tatsächlich schon zweimal so erlebt.

Entmutigen lassen Sie sich dadurch aber nicht. Wenn Sie etwas stört, wie Heizpilze vor einem Restaurant, sprechen Sie das auch mal resolut an?

Ich gehe in die Offensive. Auf jeden Fall. Zu Ihrem Heizpilz-Beispiel: Da war ich natürlich relativ aggressiv. Im Grunde möchte ich einfach mit den Leuten ins Gespräch kommen, weil mich interessiert, wie sie die Sache sehen. Es ist ein schmaler Grad. Denn als Fanatiker möchte ich nicht unbedingt wahrgenommen werden.

Gibt es ein Motto für Ihr Öko-Leben?

(überlegt) Anfangen. Wir brauchen einen kulturellen Wandel. Themen wie Ökologie und Klimawandel müssen Kulturgut werden. So wie man sagt, in einem Café rauche ich nicht, müssen wir verinnerlichen: „Ich gehe das Stück zu Fuß, weil sich Autofahren nicht lohnt und nur Energie verschwendet“ oder „Ich koche nur einmal pro Woche Fleisch. Jeden Tag Fleisch ist ungesund. Abgesehen davon ist Massentierhaltung für alle schlecht“. Was ich jedem mitgeben möchte: Einfach anfangen und zwar im Rahmen der Möglichkeiten, die jeder hat.

Paul, Christiane; Unfried, Peter

Paul, Christiane; Unfried, Peter:
Das Leben ist eine Öko-Baustelle. Mein Versuch ökologisch bewusst zu leben.
Ludwig Verlag, 2011, 288 Seiten, 15,99 Euro. Auch als CD erhältlich.

Kommentare

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incl. 'http://'
marta
...ist nicht neu, das Thema wurde auch Leo Hickman hat mit "Fast nackt, mein abenteuerlicher Versuch, ethisch korrekt zu leben" bereitx gut beschrieben