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Frisch auf die Müllkippe

Eine schockierende Zahl: Die Hälfte unserer Lebensmittel landet im Müll, wenn man alle Verluste berücksichtigt, vom Anbau bis zum Konsum. Aber: Jeder kann etwas dagegen tun. // Peter Gutting

Taste the Waste Mit dem Film „Taste the waste“ betritt der erfahrene Dokumentarfilmer Valentin Thurn Neuland. Noch nie hat jemand im Kino so umfassend Bilder und Fakten über ein Thema zusammengetragen, vor dem viele gern die Augen verschließen: Was passiert eigentlich nach Ladenschluss mit all den Broten und dem Gemüse, das mancherorts auch kurz vor 22 Uhr noch die Supermarkt-Regale füllt? Und was wäre, wenn wir unsere Ansprüche an wohlgeformte Kartoffeln, knallgelbe Bananen und mehr als 70 Brotsorten ein wenig reduzieren würden? Die rechnerischen Alternativen sind beeindruckend: Mit sämtlichen Lebensmittelabfällen aus Europa und Nord-amerika könnte man alle Hungernden dieser Welt mehr als satt machen. Und wenn man die Klimagase, die durch Produktion und Vernichtung von Lebensmitteln entstehen, nur um die Hälfte reduzieren würde, hätte das denselben Effekt, wie wenn man jedes zweite Auto stilllegen würde.

Valentin Thurns beeindruckende Dokumentation, für die Schrot&Korn die Medienpartnerschaft übernommen hat, ist voll von solch plastischen Zahlenbeispielen. Aber sie ist insgesamt kein Lehr- oder Aufklärungsfilm, sondern eine spannende Entdeckungsreise zu immer neuen Schauplätzen. Und zu faszinierenden Persönlichkeiten, die begonnen haben, dem täglichen Wegwerfwahn kreative Alternativen entgegenzusetzen. Zum Beispiel, indem sie ein Essen für tausend Leute kochen aus Zutaten, die niemand kaufen wollte. Nicht etwa, weil die Ware sich dem Mindesthaltbarkeitsdatum näherte oder es überschritten hatte. Sondern weil beispielsweise die Tomaten zu groß waren und gemäß den EU-Handelsklassen direkt in die Kompostierung hätten wandern müssen.

Taste the WasteVerschwendung überall

Viele sind verantwortlich für die Verschwendung. Der Film verfolgt das Problem anhand der Herstellungskette vom Anbau über den Transport, den Handel und das Einkaufsverhalten bis zum Kühlschrank. Mit Schuldzuweisungen hält sich der Filmemacher dabei klugerweise zurück. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, sich an den Statements verschiedener Protagonisten zu reiben oder ihnen zuzustimmen. Klar ist: Auf eine Zahl von 50 Prozent Lebensmittelvernichtung kommt man, wenn man die Verluste entlang der gesamten Produktionskette zusammenrechnet, vom Anbau über die Verteilung bis zum Konsum.

Schon auf dem Feld bleiben beträchtliche Mengen guter Lebensmittel einfach liegen. „40 bis 50 Prozent der Kartoffeln müssen wir aussortieren“, berichtet der Biobauer und Grünen-Politiker Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, den der Regisseur bei der Ernte besucht. „Einem alten Landwirt wie mir tut das in der Seele weh“. Der 1942 geborene Baringdorf stammt aus einer Generation, für die Lebensmittel noch einen ganz anderen Wert hatten. Sie nicht zu verarbeiten, obwohl sie vom Ernährungs- und Gesundheitswert völlig in Ordnung sind, ist für Baringdorf auch ein ethisches Thema. Die aussortierten Kartoffeln haben keinen anderen Fehler, als dass sie zu klein oder zu dick sind.

Der Handel fordert nicht nur bestimmte Größen, er trägt auch selber zur gigantischen Vernichtung bei. „Wir werfen die Joghurts sechs Tage vor dem Ende des Haltbarkeitsdatums weg“, erklärt der Mitarbeiter eines französischen Supermarktes ganz freimütig vor der Kamera. Der Grund: Der Kunde wolle frische Ware. Aufs Jahr gerechnet kommen so 500 bis 600 Tonnen Abfall zusammen, die ein Supermarkt dieser Größe produziert.

Valentin Thurn unterlegt diese Szenen nicht mit einem eigenen Kommentar. Er lässt einfach die Menschen sprechen, die er besucht. Und bestätigt so das Phänomen der Verdrängung, das den Umgang mit Lebensmitteln in weiten Teilen beherrscht. Man braucht nur einmal hinzuschauen – schon tun sich ungeahnte Abgründe auf. Das erklärt den Reiz und den Erfolg von Dokumentarfilmen in diesem Bereich.

Es geht auch anders

Hinschauen bedeutet für Thurn allerdings auch, nach Alternativen zu suchen. So gerät sein Film nicht zum Katastrophen-Szenario, sondern zum Laboratorium für eine große Bandbreite von Gegenmodellen. Die mögen nicht immer perfekt sein – etwa wenn ein Bäcker altes Brot zum Heizen des Backofens benutzt, statt es wegzuwerfen. Aber sie eröffnen Gedankenräume, die der Zuschauer mit eigenen Perspektiven füllen kann. So zeigt der Film einen Kartoffelsammler, der sich kostenlos für den gesamten Winter eindeckt. Oder eine Pariser Initiative, die auf dem Großmarkt den „Abfall“ nach problemlos Verwertbarem durchsucht und es den sozial Schwachen zur Verfügung steht. Oder eine New Yorkerin, die auf ihrem Dachgarten eine Kreislaufwirtschaft mit Gemüsebau und Hühnerhaltung betreibt. Das mag wegen des hohen Wasserbedarfs nicht ideal sein, aber es schärft in der Millionenmetropole gerade bei einigen Kindern, die zu Besuch kommen, das Bewusstsein dafür, dass Eier nicht in einer Schachtel „wachsen“. Denn eines lässt der Film in vielen Beispielen durchblicken: Es hat viel mit unserer geringen Wertschätzung von Lebensmitteln – also Mitteln zum Leben – zu tun, dass wir so viel wegwerfen und uns von Politikern und Unternehmern einreden lassen, dass nur ein mindestens 60 Millimeter dicker Apfel (im Durchmesser) ein guter Apfel ist.

Wenn wir weniger wegwerfen, freut sich übrigens nicht nur unser Geldbeutel. Wir tragen unseren Teil dazu bei, den Hunger in der Welt zu lindern. „Je mehr wir wegwerfen, desto höher sind die Preise auf dem Weltmarkt, zum Beispiel für Getreide“, erklärt Professor Dr. Joachim Braun vom Zentrum für Entwicklungsforschung in Bonn. Sinkt die Nachfrage nach Getreide durch einen achtsameren Umgang damit in den reichen Ländern, so können sich die Ärmsten der Armen mehr Brot kaufen.

Der Film ist im September in den Kinos angelaufen und wurde von Aktionswochen und „Eat-ins“ begleitet. Doch schon vor dem Start zeigten die Recherchen politische Wirkung. So hat das Land NRW die Anregung von Wilhelm Graefe zu Baringdorf aufgegriffen und einen „Runden Tisch“ zwischen Handel und Bauern eingerichtet, um zum Vorzeigeland für Lebensmittel-Abfallvermeidung zu werden. Und die Wiener Müllforscherin Felicitas Schneider hat die deutsche Bundesregierung überzeugt, das Thema wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Exakte Zahlen gibt es bislang nämlich nur aus Österreich und Großbritannien. Sie belegen, dass rund 50 Prozent aller Lebensmittel weggeworfen werden, auf dem Weg von der Erzeugung über die Verarbeitung, den Groß- und Einzelhandel bis zum Kühlschrank und dem Teller.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland jedes Jahr 20 Millionen Tonnen Lebensmittel verschwendet werden. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner findet diese Zahl laut Presseberichten „erschütternd“. Sie hat nun Nachforschungen in Auftrag gegeben, die genaue Zahlen erheben sollen. Das ist immerhin ein Anfang. Und ein erster kleiner Erfolg für einen großen Film.

www.taste-the-waste.de

Interview

„Wer Qualität schätzt, wirft weniger weg“

Valentin ThurnValentin Thurn, geboren 1963, ist Autor und Regisseur zahlreicher Fernsehdokumentationen.

Essen wegzuwerfen ist ein Tabu. War es schwierig, zu diesem Thema Menschen vor die Kamera zu bekommen?

Ja. Die Supermärkte zum Beispiel werfen große Mengen weg, wissen aber genau, dass das schlecht fürs Image ist. Auch bei den Verbrauchern findet ein Prozess des Verdrängens statt. Aufgrund ihres schlechten Gewissens schätzen sie bei Befragungen die Mengen, die sie wegwerfen, immer zu niedrig ein. Selbst in der Landwirtschaft war es schwer, Menschen vor die Kamera zu bekommen. Das hat mich am meisten erstaunt. Denn die Bauern werden ja vom Handel gezwungen, zu kleine oder zu dicke Kartoffeln wegzuwerfen.

Als Jugendlicher haben Sie auf einer Urlaubsreise in London einmal selbst von Supermarkt-Abfällen gelebt. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?

Das war für uns Jugendliche ein Abenteuer, wir waren ja nicht arm. Aber es hat mir schon damals die Logik unserer Wegwerfgesellschaft vor Augen geführt. Es war unglaublich leicht, neun Tage ohne Geld leben zu können.

Hat sich durch Ihre Arbeit an dem Film ganz privat etwas für Sie geändert?

Ich meide Spontankäufe, weil das immer die Dinge sind, die man als erste wegwirft. Und ich habe gelernt, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) nichts mit Gesundheitsgefährdung zu tun hat. Ich esse nun einen Joghurt auch noch zwei Wochen nach Ablauf des MHD. Natürlich prüfe ich, ob er nicht doch verdorben ist. Aber ich weiß, dass ich das riechen oder schmecken kann.

Welche Reaktionen wünschen Sie sich von den Zuschauern des Films?

Von den Verbrauchern wünsche ich mir zwei Dinge. Erstens: Lernt wieder, was Qualität ist! Wenn man gut und schlecht unterscheidet, wirft man weniger weg. Zweitens: Beschweren Sie sich im Supermarkt, wenn etwas weggeworfen wird, was noch gut ist. Das habe ich kürzlich getan, als in einem Netz mit Pfirsichen einer angeschimmelt war und ich nicht den Rest kaufen durfte, sondern alles in den Müll wanderte. Manche Händler reagieren inzwischen auf solche Proteste.

10 x 2 Karten zu gewinnen

Einfach E-Mail oder Postkarte (Stichwort „Taste the Waste“) bis 10.10.11 an gewinnspiel@bioverlag.de oder Schrot&Korn, Magnolienweg 23, 63741 Aschaffenburg schicken. Die Eintrittskarten sind bundesweit gültig. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Wann der Film wo läuft steht unter www.kinotermine.taste-the-waste.de

Kommentare

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Martina Fürst-Gauss
Auf S. 64 der Oktober 2011-Ausgabe von Schrot & Korn (Artikel: Frisch auf die Müllkippe) schreibt Peter Gutting, dass vor Valtenin Thurn noch nie jemand das Thema Lebensmittelverschwendung ausführlich in einem Kinofilm behandelt hätte. Das möchte ich richtig stellen: Der Amerikaner Jeremy Seifert hat bereits 2009 den Dokumentarfilm: "Dive! Living off America's Waste" herausgebracht, in dem genau dieselben haarsträubenden Fakten Thema sind.