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„Bauernhöfe statt Agrarindustrie“

In den nächsten Monaten werden die Weichen für die EU-Agrar-reform 2013 gestellt. Ökologisch, sozial und fair muss sie werden, fordert Jochen Fritz, Kampagnenleiter bei „Meine Landwirtschaft“.

Jochen Fritz

Prima T-Shirt, Herr Fritz. Wie war die Bauernsternfahrt per Traktor quer durch Deutschland?

Es war beeindruckend, mit so vielen jungen Menschen, Bäuerinnen und Bauern unterwegs zu sein und für einen Systemwechsel in der Agrarpolitik zu werben. Wir hatten unglaublich intensive Gespräche. Die Menschen wollen eine andere Art der Landwirtschaft. Es gab aber auch Momente, die mich wütend gemacht haben. Zum Beispiel der Halt vor dem Tönnies Fleischwerk, einem der größten Schlachtbetriebe Europas. Während wir dort protestierten rollten eine für mich unvorstellbare Menge Schweine-Laster in den Schlachthof.

„Meine Landwirtschaft“ will eine ökologische, soziale und faire Agrarreform? Wie kann die aussehen?

Man sollte Gelder, die bisher im Gießkannenprinzip je nach Betriebsgröße vergeben werden, an Bedingungen wie das Einhalten von Fruchtfolgen im Ackerbau knüpfen. Im Grunde ist das fachliche Praxis. Das lernt man schon an der Landwirtschaftsschule. Es sollten 20 Prozent der Flächen mit Leguminosen angebaut und mindestens fünf Prozent der Betriebsflächen extensiv bewirtschaftet werden. Das hört sich nach kleinen Bausteinen an, wäre aber schon ein riesiger Schritt.

Wie sieht es mit den Exportsubventionen aus?

Die müssen komplett gestrichen werden. Wir produzieren aus billigen, auf Kosten von Urwaldrodung und Bauernvertreibung, angebauten Futtermitteln, günstige Lebensmittel. Den Überschuss – zum Beispiel beim Fleisch – „dumpen“ wir mit Hilfe von Exportsubventionen auf die Märkte in Afrika. Die Bauern dort können mit diesen Preisen nicht konkurrieren.

Können unsere Bauern ohne die Exportsubventionen bestehen?

Es sind weniger unsere Bauern, sondern die großen Verarbeiter, die das Geld bekommen. Die Schlachtereien sind hier zum Beispiel der Flaschenhals – und die greifen das Geld ab. Unsere Bauern sind nicht die Profiteure der Exportsubventionen.

Jährlich werden über 50 Milliarden Euro EU-Agrarförderung verteilt. Warum sind viele Bauern dennoch unzufrieden?

80 Prozent der Gelder gehen an 20 Prozent der Betriebe. Gefördert werden große Strukturen, nicht nachhaltige Betriebe. Die Bauern stört beispielsweise, dass die Gelder an die Fläche und nicht an Arbeitskräfte gebunden sind. Das verzerrt den Markt. Diese Subventionen bringen die Bauern nicht voran. Absolut gesehen sind sie natürlich davon abhängig. Oftmals sind es ihre Gewinne. Aufgabe der Agrarpolitik sollte jedoch sein, die Märkte so zu steuern, dass die Bauern von ihren Produkten leben können. Zurzeit werden die Großen gefördert. Von den bäuerlichen Betrieben hören immer mehr auf.

Jochen Fritz

Jochen Fritz …
… ist Kampagnenleiter bei „Meine Landwirtschaft“. Dahinter stehen 40 Organisationen aus vielen gesellschaftlichen Bereichen. Mit dabei sind zum Beispiel die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), Brot für die Welt, BUND und Nabu. Ihr Ziel: eine neue Ausrichtung der EU-Agrarpolitik. Weitere Infos und alle Forderungen im Detail gibt es unter www.meine-landwirtschaft.de. Auch das Plakat „Bauernhöfe statt Agrarindustrie“ kann dort bestellt werden. Jochen Fritz ist Diplom-Agraringenieur und lebt mit seiner Familie im Wohnprojekt „Lauter Leben“ in Kanin bei Potsdam.

Weil es sich trotz Agrarförderung nicht rentiert?

Das Paradigma lautet: „Wachsen oder weichen“. Davon müssen wir weg. Es schließen auch immer mehr regionale Schlachthöfe und Verarbeiter. Alles konzentriert sich. Landwirtschaft muss aber überall statt finden.

Welche Änderungen würden helfen?

Wir möchten eine nachfrageorientierte Mengenregulierung. Beispiel Milch. Bald gibt es keine Quote mehr. Man kann dann so viel Milch produzieren, wie man will. Die Preise werden fallen und kleine Betriebe schließen. Man muss sich auch von dem Paradigma verabschieden, dass ein globalisierter Agrarmarkt die Menschheit ernähren wird. Beispiel Fleisch: Unsere Betriebe produzieren zu 80 Prozent für den EU-Markt. Wir müssen Asien und den mittleren Osten nicht bedienen.

Was ist schlecht an Fleischexporten?

Export ist nicht per se schlecht, hier aber eine Fehlentwicklung. Die negativen Auswirkungen der großen Schweinemastanlagen wie Überdüngung und Geruchsbelastungen behalten wir in Europa. Das Futtermittel kann in Europa nicht mehr produziert werden. Mit den entsprechenden Folgen. Darüber hatten wir ja anfangs schon gesprochen.

Was müsste die Politik tun?

Sie muss die Märkte regulieren und die Gelder neu verteilen: Ökologisch, sozial und fair. Die industrielle Landwirtschaft verursacht ja riesige Probleme – Klimawandel, Rückgang der Artenvielfalt. Die Gelder müssen dafür verwendet werden, diese Probleme zu lösen. Hier muss die Politik Anreize schaffen.

Wenn die Subventionen im Sinne von „Meine Landwirtschaft“ umgeschichtet werden, verteuern sich dann die Lebensmittel?

Der Bauer muss mehr kriegen für sein Produkt. Doch an der Kasse muss der Preis nicht unbedingt steigen. In einem Brötchen stecken keine 5 Cent für den Weizen. Die Rohstoffe sind bei der Preisbildung häufig nicht das entscheidende. Dennoch würde wohl vieles einen höheren Preis bekommen, aber dafür einen ehrlichen. Doch die Subventionen bezahlen ja auch wir. Und zwar 100 Euro pro Person und Jahr. Und die würden nun für öffentliche Güter eingesetzt. Sie sind dann dazu da, unsere Zukunftsprobleme zu lösen.

Wo ist der Verbraucher gefragt?

Er muss einfach diesen fairen Preis bezahlen. Sein Einkauf entscheidet, wohin die Landwirtschaftspolitik gehen wird.

Laut „Meine Landwirtschaft“ steht ein heißer Herbst ins Haus.

Ja, im Oktober wird der EU-Kommissar einen Vorschlag zur Agrarreform unterbreiten. Dann müssen der Agrarrat – für Deutschland sitzt Ilse Aigner dort – und das Europäische Parlament darüber abstimmen. Wer etwas verändern will, muss jetzt aktiv werden.

Und wie stehen die Chancen?

Mut macht uns, dass EU-Agrarkommissar Ciolos seine sogenannte Greening-Linie eisern beibehält. Er hat auch unsere Aspekte mit einfließen lassen. Dadurch, dass erstmals das EU-Parlament mit abstimmt, besteht die Chance auf Öffentlichkeit. Davor haben viele Politiker Angst. Mit unserer Kampagne wollen wir erreichen, dass es eine öffentliche Diskussion gibt.

Was ist als nächstes geplant?

Im Oktober startet unsere Aktion „Bauer hält Hof“. Bäuerinnen und Bauern laden auf ihre Höfe ein. Sie erklären ihre Situation und diskutieren mit ihren Gästen. Welche Höfe mitmachen steht unter www.meine-landwirtschaft.de/hof-halten.html

Gibt es in anderen Ländern ähnliche Kampagnen?

Eine so intensive Bewegung wie hier gibt es nicht. Bei uns ist es aber am nötigsten, denn Deutschland nimmt eine Bremserposition ein. Vorgabe der Regierung ist, alles beim Alten zu belassen. Sie macht sich so zum Lobbyisten der Agrarindustrie.

Sabine Kauffmann und Barbara Gruber

Barbara Gruber, verantwortliche Redakteurin bei Schrot&Korn, traf Jochen Fritz in den Berliner Prinzessinnengärten. Hier findet Landwirtschaft urban statt – ökologisch, sozial und mobil.

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Absolute Spitze wie sich dieser Mann unsere Zukunft einsetzt. Es geht darum was wir alle jeden Tag auf den Teller und den Tisch bekommen, wie wir uns und unsere Kinder heute und in Zukunft ernähren! Unsere Agrarministerin (CSU) Aigner steht klar auf der Seite der Industrie und bremst, wie in dem Artikel erwähnt, die komplette ökologische Landwirtschaft in Europa aus. Alle auf die Straße für die Demo am 21.01.2012 in Berlin!!!