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"Wir brauchen sortenreines Recycling"

Schluss mit dem Verpackungswahn: Inspiriert vom Cradle-to-Cradle-Konzept arbeitet I+M Naturkosmetik daran, noch bessere Produkte herzustellen. Ziel ist ein Wirtschaften ohne Müll. Wir sprachen mit Geschäftsführer Jörg von Kruse.

 Jörg von Kruse

Herr von Kruse, ökologisches Verpacken hat für die Kosmetikmanufaktur I+M hohe Priorität. Wie machen Sie das?

Als erstes – und das ist meiner Meinung nach einer der besten Wege, wenn man ökologisch verpacken will – verzichten wir auf die unnötige Umverpackung: Verpackung vermeiden, wo immer es geht. Das ist eine designerische Herausforderung, denn hochwertige Kosmetik soll ja auch edel aussehen. Und dabei müssen alle Produktinformationen aufs Etikett, die Deklaration der Inhaltsstoffe sogar zweisprachig. Das ist nicht einfach. Aber wir haben es geschafft. Uns interessiert schließlich nicht nur, welche Bio- und Fairtrade-Rohstoffe wir für unsere Kosmetik verwenden können, sondern ebenso, was wir der Umwelt langfristig zurückgeben.

Verpackung zu vermeiden, wo immer es geht, macht natürlich Sinn. Doch ganz ohne wird es kaum funktionieren. Was passiert denn mit dem leeren Creme-Spender?

Aus dem Airless-Pumpspender wird wieder ein neuer Pumpspender oder ein vergleichbar hochwertiger Gebrauchsartikel. Das Ziel der Produktionsweise "Cradle to Cradle", zu Deutsch: von der Wiege zur Wiege, sind biologische und technische Nährstoffkreisläufe ohne Abfall. Diese funktionieren dann perfekt, wenn es sortenreines Recycling gibt. Dann wandern alle Materialien ohne Qualitätsverlust und ohne Müll zurück in den Produktionskreislauf. Im Verpackungsrecycling der dualen

Systeme gibt es heute schon gute Wege, die Produkte zu trennen. Sensoren können mittels automatisierter optischer Verfahren verschiedene Materialien unterscheiden. Die Pump-spender von I+M sind Monoverpackungen aus Polypropylen, kurz PP genannt. PP ist eine dieser Fraktionen, die sich aus einem großen Berg anderer Verpackungen herausziehen lässt. Cradle to Cradle ist keine Zukunftsmusik, sondern im Hinblick auf die Wiederverwertbarkeit unserer Monoverpackungen bereits Gegenwart. Das Ergebnis sind biologische und technische Nährstoffkreisläufe ohne Abfall.

Von einem sortenreinen Recycling ganz ohne Abfall ist die Wirtschaft allgemein ja meilenweit entfernt …

Das A und O beim Recycling ist Sortenreinheit, damit man die Materialien wirklich gut auseinanderkriegt. Entweder man schafft es, alles aus einem Material zu machen, oder – wo das technisch nicht möglich ist – muss man die Produkte so konzipieren, dass sie ganz schnell zerlegbar sind in ihre einzelnen Rohstoffe.

Bisher arbeitet die Wirtschaft "von der Wiege zur Bahre", mit der Folge, dass wir im Müll ersticken. Wir laufen zwangsläufig auf einen Müllkollaps zu. Mal ganz abgesehen von der unglaublichen Verschwendung, die wir damit betreiben. Denn die Rohstoffe gehen dabei endgültig verloren. Was man heute unter Recycling versteht, ist in fast allen Fällen ein Downcycling, das heißt, die Qualität wird immer schlechter. Es gibt nur zwei, drei Kreisläufe und jeder verschlechtert die Qualität, weil man keine Sortenreinheit hat.

Ronald Steinmeyer

Jörg von Kruse
Als gelernter Jurist mit Design-Hintergrund war Jörg von Kruse zunächst beratend für verschiedene Unternehmen tätig – weil es seinen Werten entsprach schwerpunktmäßig für Bio-Firmen. Er und sein damaliger Kompagnon Bernhard von Glasenapp lernten in diesem Zusammenhang Inge Stamm kennen, die Öko-Pionierin und Gründerin der Berliner Naturkosmetik-Manufaktur I+M. Mit der Zeit verstanden sich die drei so gut, dass sie beschlossen, künftig zu dritt die Geschäfte der Manufaktur I+M zu führen.

Der I+M-Airless-Spender ist aus einem einzigen Material. War das schwierig zu realisieren?

Wir haben lange gesucht, bis wir diesen Spender gefunden haben. Airless-Spender sind relativ komplexe Verpackungen, die mit einem Vakuumsystem arbeiten: Das Vakuum zieht einen Stempel hoch, es braucht eine Feder, Dichtungen … Unser Spender ist komplett aus Polypropylen, sogar die Feder, die ja normalerweise aus Metall ist. Polypropylen lässt sich extrem gut recyceln und mit relativ wenig Energie herstellen. Deshalb erzielt es eine der besten Öko-Bilanzen aller Verpackungsmaterialien.

Was ist für die Hersteller so schwer daran, sortenreine Verpackungen auf den Markt zu bringen?

Die Frage ist, wie die Hersteller verschiedene Materialeigenschaften erreichen. Die Feder zum Beispiel unseres Airless-Spenders muss weicher sein als der Kopf, sonst funktioniert das Vakuumsystem nicht. Die meisten Hersteller verwenden in solchen Fällen unterschiedliche Materialien. Bei Monoverpackungen werden ein und demselben Grundstoff Hilfsstoffe, Additive oder Farbstoffe zugesetzt, um diese unterschiedlichen Eigenschaften zu erzielen. Die Industrie verarbeitet unglaublich viele Rohstoffe. Unsere Aufgabe ist es, bei unserer Verpackung ganz genau hinzuschauen, um Schlechtes zu eliminieren. Wir fragen etwa, woraus genau unsere Etiketten bestehen und der Klebstoff, der darunter sitzt. Mit was für Farben sie bedruckt sind. Solch eine exakte Klassifizierung ist nicht einfach. Denn, wenn wir wissen wollen, was in den Grundstoffen genau drin ist, befinden wir uns in einer Problemzone.

Die genaue Klassifizierung ihrer verwendeten Materialien sollte den Herstellern doch bekannt sein.

Wenn man anfängt nachzufragen, hat man es sehr schnell mit großen internationalen Konzernen zu tun. Unser Verpackungshersteller kauft Polypropylen etwa von einem der vier Konzerne weltweit, die das produzieren – so konzentriert ist da der Markt – und der sitzt in Saudi-Arabien. Diesen weltweit zweit- oder drittgrößten Chemieproduzenten gilt es nun vom Cradle-to-Cradle-Konzept zu überzeugen, denn er soll ja seine Rezepturen transparent machen. Dazu muss er verstehen, dass das kommen wird, dass es für ihn in jedem Fall Thema wird, dass er sich da profilieren kann, wenn er jetzt einsteigt.

Klingt nach einem harten Stück Überzeugungsarbeit. Hat Ihr Chemie-Riese seine Rezeptur denn tatsächlich offenlegt?

Ja und Nein. Die lassen sich da ungerne reingucken. Schließlich gibt ein Hersteller ja sein Know-how preis, wenn er detailliert seine Zusammensetzung offenlegen soll. Das sind Betriebsgeheimnisse, die gar nicht nach außen dringen sollen. Das läuft über Vertrauen und Geheimhaltungsversprechen. An dieser Stelle hat uns die EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, das vom Erfinder des Cradle-to-Cradle-Konzepts Professor Dr. Michael Braungart ins Leben gerufene Institut, sehr geholfen. EPEA berät uns auf unserem Weg zur perfekten Cradle-to-Cradle-Verpackung.

Lassen Sie Ihre Verpackung von der EPEA nun zertifizieren?

Im Moment haben wir nicht die finanziellen Mittel dazu. EPEA hat aber einen stark ideellen Anspruch und unterstützt uns. Die EPEA sieht uns als Botschafter der Cradle-to-Cradle-Idee.

Sabine Kauffmann und Barbara Gruber

Wie komplex das Thema "ökologisches Verpacken" ist, erfuhr Gabriele Augenstein im Interview mit Jörg von Kruse am Beispiel eines "einfachen" Airless-Spenders für Kosmetika.

Kommentare

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Margit Steidl
Das ist echt eine Super-Idee!

Zur Abwechslung geht da bei den Verpackungen endlich mal etwas in die richtige Richtung!



Viel Glück! Viel Erfolg! Und weiter so!