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Schüler im Glück

Tiere versorgen ist das beliebteste Programm des ostfriesischen Bio-Schulbauernhofs – gleichzeitig lernen die Kinder, woher das Essen auf ihrem Teller kommt. // Sylvia Meise

Streuobstwiesen Darmstadt-Eberstadt Landarbeit riecht bisweilen kräftig, ist anstrengend, und im Winter oder Frühjahr kriegt man ordentlich klamme Finger, wenn es frühmorgens zum Melken geht oder die Ställe auszumisten sind und frisches Stroh eingestreut wird – doch die Kinder, die im Rahmen von Klassenfahrten oder Ferienfreizeiten den Bio-Schulbauernhof "Woldenhof" besuchen, schreckt das nicht. Im Gegenteil: Von ihrer Ankunft montags bis zur Abfahrt freitags tummeln sie sich überall auf dem Hof und helfen mit, wo sie können.

Für jede Klasse ist ein "Tiertag", ein "Gartentag" und ein "Naturerlebnistag" vorgesehen, erzählt Michael Steven, der den Hof leitet. "Sie lernen, wie wichtig Wildbienen für unsere Apfelbäume sind, welche wertvollen Kräuter auf einer Wildwiese stehen – und dass frische Eier warm sind." Was genau die Kinder unternehmen, hängt immer von Witterung und Jahreszeit ab. Im Winter können sie in der hofeigenen Schäferei die "Flaschenlämmer" füttern, die von ihren Müttern abgelehnt wurden, oder am Wildgänse-Forschungsprojekt teilnehmen, im Frühjahr geht es um den Schutz der Wiesenvögel und auch im Sommer und Herbst gibt es genug zu tun. "Wir haben Hühner, Schweine, Kühe, Katzen eine Schleiereule und Fledermäuse – da wird es nicht langweilig", versichert Steven.

Lernen auf dem Bio-Bauernhof

Es hört sich idyllisch an und tatsächlich: Wenn man sieht, wie die Kinder ein Ferkel im Arm halten oder auf den Wiesen einem der Wildpferde über die Nüstern streicheln, strahlt aus ihren Gesichtern das pure Glück. Der Woldenhof ist aber auch ein knuffiges Gehöft mit rotem Backstein im ostfriesischen Stil und reetgedeckten Dächern wie aus dem Bilderbuch.

1999 hat der Nabu den Bauernhofbetrieb übernommen; seit der Zeit züchten die Umweltschützer seltene Haustierrassen, betreiben die Pflege der umliegenden Schutzgebiete und eröffneten 2003 mit dem "Schulbauernhof" einen pädagogischen Bereich zur Umweltbildung. Mittlerweile kommen das ganze Jahr über Kinder aus allen Teilen Deutschlands, 2009 so viele wie noch nie. Und seit 2010 können sogar zwei Klassen zugleich da sein, denn gerade ist die "Heuherberge" fertig geworden.

Streuobstwiesen Darmstadt-Eberstadt, Bild rechts unten Copyright Micky Wiesner
Streuobstwiesen Darmstadt-Eberstadt, Bild rechts unten Copyright Micky Wiesner
Das ist Landleben: auf Tuchfühlung mit den Pferden, im Heu, bei der Möhrenernte.

Einen Scherbenhaufen übernommen

So rund lief es bei diesem außergewöhnlichen Projekt nicht immer. Der Biologe Michael Steven übernahm vor knapp drei Jahren einen Scherbenhaufen. Der vorherige Leiter hatte den Überblick verloren. Die Finanzen lagen genauso am Boden wie die Motivation der Mitarbeiter. Stevens Aufgabe als Troubleshooter: den Hof in ruhiges Fahrwasser zu lenken – "das hat mir etliche schlaflose Nächte bereitet am Anfang". Mehr sagt er dazu nicht.

Ein ruhiger Typ. Genau was man braucht, um einen quirligen Betrieb mit vielfältig ambitionierten Projekten, wie sie der Woldenhof vereint, am Laufen zu halten: Bio-Bauernhof, Zucht seltener Haustierrassen, Landschaftspflege, Naturschutz, Umweltbildung … kurz: ein Ort, an dem sehr unterschiedliche Leute gebraucht werden. Bauern und Pädagogen arbeiten hier ebenso wie der Kfz-Mechaniker, der den Fuhrpark wartet und Hausmeisteraufgaben wahrnimmt, der Geologe und die Biologen. Dazu kommen noch Ehrenamtliche, Zivildienstleistende, Freiwillige, die ihr Ökologisches Jahr ableisten, und Jugendliche, die von der Gerichtshilfe geschickt werden. Klare Regeln und Zuständigkeiten sind da unerlässlich.

Und ganz wichtig: Alle hier müssen gut mit Kindern klarkommen. Hauptanliegen ist schließlich, dass die Kinder aus erster Hand, also durch eigenes Mitanpacken erleben, was Bauernhofarbeit heißt. Stevens Rezept: reden, reden, reden. Er passt auf, dass sich die Ehrenamtlichen nicht übernehmen und pflegt auch rundum Kontakte. Etwa zu den Bauern im Dorf oder zum Bio-Laden im nahen Aurich. Alle Lebensmittel, die den Hof verlassen sind Bio, und das wenige, was hinzugekauft wird, auch. Warum, muss man Steven nicht lange fragen – "Biologisch wirtschaften heißt Natur schützen."

In diesem Sinne wird auf dem Woldenhof gesät und geschlachtet, geerntet und eingekocht – die Kinder immer dabei. Beim pensionierten Nachbarn in der alten Windmühle etwa mahlen sie Korn fürs eigene Brot. Und die ers-te, selbst aus dem Boden gezogene Möhre ist sogar für Landkinder ein Erlebnis, denn auch sie kennen Möhren meist nur eingepackt und aus dem Supermarkt. Und ein Highlight ist auch das Eiersuchen bei den "ostfriesischen Silbermöwen", wie hier eine seltene und hübsche Landhuhnrasse heißt.

Michael Steven, der selbst zwei kleine Töchter hat, will Schulkindern vermitteln, was es braucht, damit sie guten Gewissens ein Kotelett mit Möhren und Kartoffeln verputzen können, ein Rührei mit Brot oder einen Becher Milch. "Es ist sehr anrührend, wie unsere Besucher dieses Landleben annehmen. Nach einer Woche stehen hier manchmal die Kinder im Büro und verabschieden sich mit Tränen in den Augen, weil es ihnen so naheging. Das ist für uns das größte Lob."

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Matthias Bergmann
Liebe Redaktion,

ich freue mich sehr über den positiven Artikel zum Woldenhof! Ich freue mich auch darüber, dass der Hof nach wie vor so gut angenommen wird, obwhl das ursprüngliche Schulbauernhofkonzept mit einer intensiven Kleingruppenarbeit aus vermeintlichen Kostengründen weitestgehend aufgegeben worden ist. Ich war derjenige, der die Idee zu diesem Projekt hatte, daran 3 Jahre ehrenamtlich gearbeitet hat bis zum Baubeginn und weitere 10 Jahre Aufbauarbeit geleistet habe. Der Hof stand nie vor einem Scherbenhaufen, sondern wuchs von Jahr zu Jahr. Die Mitarbeiter waren bis zum Schluß hochmotiviert und der gemeinnützige Betrieb hat sich immer getragen, ja es wurde sogar immer mehr Kapital gebildet. Leider hat ein tragischer Vorfall in den Beweidungsprojekten dazu geführt, dass ich als Kopf des Unternehmens diesen auch öffentlich hinhalten musste und quasi zum Bauernopfer des Verbandes wurde. Nach einem langen und intensivem Gerichtsverfahren bekam ich als damaliger Geschäftsführer lediglich ein Bußgeld aufgedrückt, da man mir keine Straftat nachweisen konnte, ich aber als Geschäftsführer auch für Versäumnisse meiner damaligen Mitarbeiter gerade stehen musste. Das war für mich die schwerste Zeit meines Lebens.Umso mehr erfüllt es mich, dass es positiv weitergeht mit dem Woldenhof, auch wenn inzwischen viel Idealismus verlorengegangen ist. Ihre Bemerkungen über mich, der den Überblick verloren hat und einen Scherbenhaufen hinterläßt, schmerzt nach wie vor. Michael Steven hat sich sogleich nach Erscheinen Ihres Artikels bei mir entschuldigt, da er dies so nie gesagt hätte und das glaube ich ihm auch. Man braucht in diesem Job sehr viel Idealismus und für mich war diese Aufgabe mein Leben. Ich würde mir wünschen, dass Sie in Zukunft etwas vorsichtiger über Menschen urteilen, die Sie bzw. dessen Geschichte Sie gar nicht genau kennen.

Mit den besten Grüßen aus dem schönen Ostfriesland,

Matthias Bergmann

bergmann@natur-ostfriesland.de
M. Riess
Es hört sich idyllisch an und tatsächlich: Wenn man sieht, wie die Kinder ein Ferkel im Arm halten oder auf den Wiesen einem der Wildpferde über die Nüstern streicheln, strahlt aus ihren Gesichtern das pure Glück.

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In diesem Sinne wird auf dem Woldenhof gesät und geschlachtet, geerntet und eingekocht – die Kinder immer dabei.

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Und strahlt bei der Schlachtung aus ihren Augen auch das pure Glück? Würden Kinder befürworten, dass Ferkel zu schlachten und zu essen, dass sie eben noch gestreichelt haben?

Ich selber habe mich geweigert nachdem ich mit 8,9 die geschlachteten Hasen meines Großvaters gesehen habe. Anderes Fleisch habe ich weiterhin gegessen, so weit ging mein Horizont als Kind noch nicht, aber nie wieder Hasen.

Erst mit 22 wurde ich Vegetarierin.

Ich hätte damals aber sicher keine Schlachtung sehen wollen und nichts essen wollen, was geschlachtet worden wäre. Meine Mutter erzählte mir, dass sie bei Schlachtungen im Haus blieben und das fürchterliche Geschrei vom Schwein hörten. Sie isst immer noch selten Fleisch.



Sollten wir unsere Kinder nicht lieber zu Respekt vor dem Leben und Leiden fühlender Wesen erziehen? Pelz ist schlimm, weil es ja nur egoistisch ist, ihn tragen zu wollen. Und Fleisch? Ist Geschmacksegoismus, denn kein Mensch muss Fleisch essen, im Gegenteil.



M. Riess