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Kann Bio die Welt ernähren?

Knapp eine Milliarde Hungernde und eine Milliarde Übergewichtige– das sind die Kollateralschäden des industrialisierten Welternährungssystems. Es muss dringend etwas anders werden, fordert Buchautorin Dr. Tanja Busse.

WelternährungEine Milliarde ist eine ziemlich abstrakte Zahl. Wie viele Menschen das sind, kann ich mir nicht vorstellen. Aber einen Tisch kann ich mir vorstellen, einen globalen Mittagstisch, an dem Gäste aus aller Welt Platz nehmen und auf dem Gerichte aus allen Weltgegenden aufgetischt werden.

Es ist genug Essen da für alle an diesem globalen Mittagstisch, denn wir ernten und produzieren mehr Lebensmittel als jemals zuvor. Noch nie wurde so viel produziert – und noch nie waren so viele Menschen so dick und noch nie haben so viele gehungert.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat berechnet, dass mehr als 1,6 Milliarden Menschen übergewichtig sind. Viele dieser Menschen werden vorzeitig sterben, weil sie zu viel und zu ungesund essen: Fast Food und Fertignahrung, zu fettig, zu salzig, zu einseitig. Gleichzeitig hungern mehr als 925 Millionen Menschen. Jeder siebte. Das bedeutet: Sechs bekommen zu essen und einer nicht. Wenn wir uns für das globale Mittagessen eine Stunde Zeit nähmen, fielen etwa 4000 von uns während des Essens tot von den Stühlen. Verhungert.

Wenn wir zusammensäßen

Wenn wir wirklich alle zusammen an einem Tisch säßen, ließen wir das nicht zu. Wir würden helfen. Wir könnten es nicht ertragen, dass jemand uns aus einem hohlen faltigen Gesicht anschaut, von Tag zu Tag schwächer wird und schließlich stirbt, während wir den Löffel zum Mund schieben.

Tatsächlich aber liegen zwischen uns, den Bewohnern der reichen Industrienationen, und den Hungernden der armen Länder viele tausend Kilometer, und so kommt es, dass wir das Leid der anderen nicht wahrnehmen – und gleich wieder vergessen, wenn wir darüber gelesen oder gehört haben.

Dieser unerträgliche Zustand war für mich der Anlass für die Recherche für mein neues Buch: Warum nehmen wir hin, dass Menschen verhungern und schlagen uns selbst den Bauch voll?

Es machte mich sehr zornig, dass über den Hunger oft in einem Ton bedauernder Ratlosigkeit gesprochen wird, als sei der Hunger zwar schrecklich, aber doch irgendwie unabwendbar. Eine Plage der Menschheit sozusagen. Als müssten wir, die nicht betroffenen Reichen, zwar helfen, großzügig und gönnerhaft, aber als hätten wir mit dem Hunger der anderen ursächlich nichts weiter zu tun. Und wenn, dann könnten wir den Hunger mit unseren Methoden und Mitteln besiegen: mit Technologie und Effizienz.

Das Hohe Lied des Technik-Optimismus

Mir ist das bei einer Diskussion des ARD-Presseclubs klar geworden, zu der ich eingeladen war. „Hungersnot und volle Bäuche. Wer zahlt den Preis?“ hieß das Thema der Sendung im Frühjahr 2008, als die Getreidepreise explodierten und die Hungrigen in den Vorstadtslums revoltierten. Ich sagte, die herrschende Weltwirtschaftsordnung verstärke den Hunger, doch das stieß auf wenig Zustimmung.

Michael Inacker dagegen, damals stellvertretender Chefredakteur der Wirtschaftswoche, hob an zum Hohen Lied des technokratischen Optimismus: „Ich glaube, dass wir am Ende des Tages keinen Fortschrittspessimismus haben sollten, sondern dass wir daran glauben sollten, dass wir mit Technologie einige der Probleme, die wir im Moment haben, lösen können.“ Fortschritt durch Technik! Wäre ja schön, wenn es so einfach wäre, wenn Hunger eine Folge schlecht genutzter Kapazitäten und noch nicht gemachter Erfindungen wäre und die große Frage der Verteilung der Lebensmittel dagegen gelöst. Inacker plädierte für bessere Agrartechnologie und warnte vor einer Verdammung der Grünen Gentechnik.

Es gibt noch eine zweite Argumentationsfigur, mit der man sich den Hunger buchstäblich vom Leib halten kann. Die aber brachte in der Presseclub-Diskussion nicht der liberale Wirtschaftsjournalist, sondern ausgerechnet – mir blieb vor Überraschung der Mund offen – der Vertreter der christlichen Presse, der studierte katholische Theologe Matthias Gierth vom Rheinischen Merkur.

Wenig nachhaltiger Denkansatz

Damit argumentieren Lobbyisten für mehr Intensiv-Landwirtschaft: Um alle satt zu machen, müsse sich die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 verdoppeln. Die Belege für die Zahl sind indes dünn, hat der Bio-Verband Soil Association belegt. Die Quelle des Wertes sei ein Report der Welternährungsorganisation FAO (2006). Darin werde nicht behauptet, die Nahrungsmittelproduktion müsse sich verdoppeln, sondern in vielen Entwicklungsländern sei eine Verdoppelung des Fleischkonsums zu erwarten. Die Getreideproduktion müsste entsprechend dieser Szenarien bis 2050 um 50 Prozent wachsen, hauptsächlich, um die wachsenden Viehherden zu füttern. Fleischesser kämen so vielleicht zu ihrem Fleisch; das Hungerproblem ist damit nicht gelöst.

Hühnerreste machen in Afrika den Markt kaputt

Ich hatte die Hühnerreste in Kamerun in die Debatte geworfen: Das, was europäische Konsumenten von den industriell billig erzeugten Käfighühnern überlassen, wird in westafrikanische Länder exportiert, wo es so billig verkauft wird, dass die lokalen Hühnerzüchter nicht mithalten können und ihre Arbeitsplätze verlieren. Für diese Art der negativen Entwicklungshilfe zahlt die EU sogar noch Exportsubventionen.

Aber Matthias Gierth wollte dem nicht folgen, es sei falsch, dass den Industrieländern immer ein schlechtes Gewissen gemacht werde. Es gebe nämlich auch eine Bringschuld, beispielsweise der afrikanischen Länder. Aber so zu kontern, hilft nicht weiter, um einen klaren Blick auf die Lage zu gewinnen.

Die Agrar- und Ernährungsindustrie ist natürlich längst ebenso globalisiert wie der Rest der Wirtschaft. Das bedeutet: Der Hunger ist Teil des Systems, von dem wir profitieren. Wir essen den Hungernden den Teller leer. In unseren Lebensmitteln steckt – verarbeitet – das Öl der nigerianischen Erde, die abgeholzten Riesenbäume des brasilianischen Regenwaldes, das Kohlendioxid von tausenden und abertausenden Transportkilometern, das Leid von eingepferchten Turbomast-Tieren und ausgemolkenen Hochleistungskühen.

Darin stecken auch der Hunger der von ihren Feldern vertriebenen Kleinbauern in Guatemala, die schlecht bezahlte Arbeitskraft von Plantagenarbeitern in Kenia, die Tränen der verschleppten Kinder auf afrikanischen Kakaoplantagen. Jean Ziegler, bis 2008 Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Nahrung, bezeichnet Hunger als eine Folge unserer kannibalistischen Weltordnung, in der die Industrieländer einen „wirtschaftlichen Weltkrieg“ gegen den Rest der Welt führen. „Die transkontinentalen kapitalistischen Privatgesellschaften“, also die großen Konzerne, „üben eine planetarische Macht aus“. Ihre Herrscher nennt Ziegler die „Kosmokraten“, und ihre Macht sei so groß, dass Ziegler von einem Prozess der Refeudalisierung spricht. „Die transkontinentalen Gesellschaften der Lebensmittelindustrie, die internationalen Banken, die transkontinentalen Gesellschaften im Dienstleistungssektor, in der Industrie und im Handel kontrollieren heute weite Sektoren der Wirtschaften der Länder der südlichen Erdhälfte. In den meisten Fällen erzielen sie astronomische Gewinne, die zum Großteil alljährlich an die Firmensitze in Europa, Nordamerika oder Japan zurückgeschafft werden.“ Die Welthandelsorganisation, die Europäische Union und der Internationale Währungsfonds sind nach Ziegler die „willigen Ausführungsorgane“ der Konzerne.

Wenige dieser Konzerne dominieren die Branche. Sie erzeugen Lebensmittel nach den Methoden der industriellen Produktion: Möglichst viel, möglichst billig, möglichst standardisiert. Das betriebswirtschaftliche Ziel: Kosten senken, Gewinne steigern, durch höhere Produktionsmengen, größere Märkte und niedrigere Erzeugerpreise.

Ganz nach ihrem Bedürfnis haben Politik und Agrarwissenschaft in den letzten Jahrzehnten einseitig die großen Agrarbetriebe und Plantagen gefördert, die mit schwerem Gerät auf riesigen Feldern wenige ertragreiche Sorten anbauen: Weizen, Mais, Reis und Soja. Auf Feldern, die oft den Subsistenzbauern geraubt wurden. Dort wachsen jetzt Cash Crops, ertragreiche Pflanzen, die weltweit als herkunftslose standardisierte Massenware gehandelt werden. Sie sind die Rohstoffe, die die Nahrungsmittelindustrie nach ihren Methoden veredelt: mit Aromen und Färbemitteln, Zusatz- und Konservierungsstoffen zu Markenprodukten aufgemotzt. So funktioniert das Prinzip Schokoriegel: Billige Zutaten, teuer vermarktet. Damit macht die Wirtschaft ihre Gewinne. Und wir unser Übergewicht.

Gegen Hunger, für die Umwelt
  • Essen Sie ökologisch, saisonal und regional
  • Genießen Sie vegetarisch. Fleisch essen „aus deutschen Landen“ bedeutet Vieh mit südamerikanischem Sojaschrot zu füttern und damit Urwald und das Leben von Kleinbauern zu zerstören
  • Unterstützen Sie kleine Geschäfte, boykottieren Sie Discounter und Konzerne
  • Kaufen Sie Produkte aus fairem Handel
  • Werfen Sie kein Essen weg
  • Kochen Sie gemeinsam
  • Suchen Sie alte Obst- und Gemüsesorten
  • Unterstützen Sie den nächsten Bio-Bauernhof
  • Organisieren Sie „Carrotmobs“ – kollektive Einkaufsaktionen zur Unterstützung von kleinen vorbildlich wirtschaftenden Höfen und Bio-Läden. Weitere Infos zu Carrotmobs (in Englisch) unter www.carrotmob.org

Die armen Länder lassen sich auf den Export billiger Agrarrohstoffe ein, weil ihre Staatsverschuldung so hoch ist, dass ihnen jeder Handlungsspielraum für eine eigene Politik fehlt. Im Jahr 2003 haben die Industrieländer 54 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe gezahlt, schreibt Ziegler, aber im gleichen Jahr überwiesen die Länder der Dritten Welt 436 Milliarden zurück, als Schuldendienst. 54 zu 436! Daran haben auch die weltweit verkündeten Schuldenerlasse nicht viel geändert.

Schulden lassen keinen Handlungsspielraum Die Folge dieser finanziellen Knechtung aber ist der Hunger. Er ist die „hauptsächliche Todesursache auf unserem Planeten. Und er ist von Menschenhand gemacht“, erklärt Jean Ziegler und folgert: „Wer an Hunger stirbt, stirbt als Opfer eines Mordes. Und der Mörder trägt einen Namen, er heißt: Verschuldung.“

Jean Ziegler verschweigt nicht, dass es in vielen armen Ländern korrupte Eliten gibt, die ihr Land zusätzlich ausbeuten, aber er sieht sie als Komplizen der Kosmokraten. „Das Massaker an Millionen Menschen durch Unterernährung und Hunger ist und bleibt der größte Skandal zu Beginn des dritten Jahrtausends.“

Die Hungerrevolten des Jahres 2008, als die Nahrungsmittelpreise so plötzlich stiegen, dass sich viele in den Städten kein Essen mehr leisten konnten, waren eine deutliche Warnung: Hunger wird in den nächsten Jahren auch zum sicherheitspolitischen Problem.

Platt gemacht für Steaks

Vor allem der Futtermittelanbau beansprucht Fläche, wie hier für Soja in einem brasilianischen Regenwaldgebiet. Verringerte man den Fleischkonsum, bliebe mehr Fläche für die direkte Lebensmittelerzeugung.

Deutschland wird zum Schweinestall der Welt

Es ist besorgniserregend, wie die allermeisten Verantwortlichen aus Politik und Industrie all das ignorieren. Sie verweigern den Dialog mit den Kritikern und setzen sich Scheuklappen auf. „Volle Kraft voraus!“ rufen sie und steuern weiter in die falsche Richtung.

Unbeirrt arbeitet das Bundeslandwirtschaftsministerium an seinem Plan, Deutschland zum Schweinemaststall der Welt auszubauen: Mit Sojaschrot aus Ländern wie Brasilien, in denen Menschen hungern, mästen Landwirte in Deutschland ihre Schweine für den Export bis nach Fernost.

Der Weltagrarbericht zeigt, dass genau diese Strukturen für den Hunger verantwortlich sind. Der Bericht mit dem sperrigen englischen Kürzel IAASTD wurde von der Weltbank in Auftrag gegeben. Er kritisiert vor allem die marginalisierte Rolle der Kleinbauern. Denn gehungert wird vor allem auf dem Land, und dieser Hunger soll, so fordert der Weltagrarbericht, nicht mit Nahrungsmittellieferungen von anderswo bekämpft werden, sondern durch einen verbesserten Anbau direkt auf den Feldern der Kleinbauern, die schon jetzt zu großen Teilen die Welt ernähren.

Der Weltagrarbericht nennt diese kleinen bäuerlichen Betriebe das Rückgrat der Welternährung: Sie produzieren den größten Teil aller Lebensmittel – auf Höfen, die kleiner sind als zwei Fußballfelder.

Die Botschaft des Weltagrarberichts ist deshalb: Business as usual ist keine Option mehr. Kleinbauern dürfen nicht mehr der direkten Konkurrenz von industrialisierten landwirtschaftlichen Betrieben ausgesetzt sein, „die von einer Externalisierung von sozialen und Umweltkosten profitieren konnten.“

Die Kleinbauern müssen vor diesem unfairen und umweltschädlichen Wettbewerb geschützt werden. Sie brauchen einen gesicherten Zugang zu Land, zu Saatgut und zu den regionalen Märkten. Die Art, wie sie ihr Land bewirtschaften, darf nicht kapitalintensiv und technologie-getrieben sein, sondern sie soll die Vielfalt der Nutzpflanzen und -tiere erhalten und die Qualität des Bodens. Für Hans Herren, den Ko-Präsidenten des IAASTD, heißt das: „Ob Bio die Welt ernähren kann, ist nicht die Frage. Bio muss die Welt ernähren.“

Ob Bio die Welt ernähren kann, ist nicht die Frage

Gegen solche Visionen ziehen die Gegner reflexartig ihr Standardargument aus der Tasche: „Nur Bio-Landwirtschaft – da reichen doch die Erträge gar nicht aus!“ Beinahe jedem, der gesehen hat, wie Kunstdünger auf magerem Boden die Ernten steigern kann, scheint das plausibel. Dabei ist längst bekannt, dass dieser Nutzen nur kurzfristig ist und oft mit ökologischen Schäden erkauft wird. Es war eine Studie von der Universität von Essex, die vielen die Augen geöffnet hat: Jules Pretty and Rachel Hine hatten über 200 ökologische Agrarprojekte in aller Welt untersucht und festgestellt, dass diese Anbauweise vor allem im Süden für bessere Erträge sorgt.

Das ist inzwischen sogar bei der Deutschen Bank angekommen. Ihre Studie „Lebensmittel, eine Welt voller Spannung“ vom September 2009 betont die Vorteile der Bio-Landwirtschaft: „Die ökologisch integrierten Ansätze sind dagegen partizipativer; anstelle von Chemikalien und Schädlingsüberwachungssystemen wird in Menschen investiert. Die einzelnen Bauern erhalten in ihnen mehr Einfluss und Autonomie.“

Teilweise wird dennoch weiter der Vorwurf gemacht, Bio-Landbau könne die Ernährung nicht sichern, gerade auch bei uns. Wissenschaftler aus dem entsprechenden Lager gehen bei einer Gesamtumstellung der deutschen Landwirtschaft auf Öko-Landbau von einem zusätzlichen Flächenbedarf von 69 Prozent aus. Dieser Zahl liegen jedoch die Annahmen einer unveränderten Produktionsstruktur und eines unveränderten Konsummusters zugrunde. Der Verband Bioland legt in seinem „Klimapapier“ dar, wie die erforderliche landwirtschaftliche Nutzfläche für eine flächendeckende Umstellung auf ökologischen Landbau mobilisiert werden kann:

In Deutschland werden knapp 17 Millionen Hektar landwirtschaftlich bewirtschaftet. Für die Produktion von Fleisch, Milch und weiteren Milchprodukten nimmt der Futtermittelanbau bei uns mehr als 60 Prozent der Landwirtschaftsfläche ein. Große Flächen ließen sich für den Bio-Landbau zur direkten Erzeugung von Lebensmitteln mobilisieren, reduzierte man den Fleischverzehr.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt – aus Gesundheitsgründen – den Fleischkonsum zu halbieren. Würden wir uns daran halten und die Landwirtschaft entsprechend ausrichten, wäre laut Bioland die komplette Umstellung auf Öko-Landbau in Deutschland möglich und entsprechend die Lebensmittelversorung gesichert.

Es ist gut, dass auch die Vorteile des Bio-Landbaus langsam zu den Bossen der Banken und Konzerne durchdringen. Wenn jetzt die Politik diesen Denkwandel durch klare Vorgaben unterstützen würde, könnte sich mein Bild vom globalen Mittagstisch verändern.

Ich stelle mir vor, in zehn oder zwanzig Jahren sitzen wir wieder dort und reichen Schalen mit Früchten und Gemüsegerichten umher. Keine Hybride, keine Gentechsorten, kein patentiertes Saatgut, sondern samenfeste regionale Sorten. Und niemand fällt vom Stuhl, weil wir ihm nichts abgeben.Dr. Tanja Busse

Dr. Tanja Busse, Autorin von „Die Ernährungsdiktatur“, aufgewachsen auf einem Bauernhof, schreibt auch für das Greenpeace Magazin und „Die Zeit“.

Interview

„Monokulturen gibt es auch im Denken“

Majda Rozina DolencChristiane Grefe ist Redakteurin der ZEIT und hat für ihre Reportagen über Landwirtschaftsthemen viele Länder Afrikas und Asiens bereist.

Studien von Jules Pretty und Rachel Hine haben gezeigt, dass Bio-Landwirtschaft vor allem in den Ländern des Südens höhere Erträge bringen kann als konventionelle. Wie ist das möglich?

Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: In vielen Entwicklungsländern sind die Böden durch jahrelange Nutzung extrem ausgelaugt. Da richtet man auch mit Kunstdünger nichts mehr aus. Zweitens sind viele Kleinbauern verarmt. Sie können sich Kunstdünger gar nicht leisten. Da nützt der Öko-Landbau oft, weil er die Förderung und Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit ins Zentrum stellt. Überdies haben Jules Pretty und Rachel Hine viele Beispiele für Mischfruchtanbau beschrieben, bei dem neben Getreide auch Hülsenfrüchte und Obstbäume die Vielfalt der Produkte steigern.

Sie haben eine Farm in Kenia besucht, was machten die Bauern dort anders?

Besonders beeindruckt hat mich ihre „Push-Pull“-Methode der biologischen Schädlingsbekämpfung, die sie von einem Insektenforschungsinstitut gelernt hatten. Frei übersetzt geht es um „Vertreiben-Anlocken“. Dabei wird der Maiszünsler, der oft die Ernte halbiert, durch eine zwischen die Maislinien gepflanzte Hülsenfrucht aus dem Feld vertrieben; deren Geruch kann die Motte nicht ausstehen. Napiergras mag sie um so lieber; das wird rund um den Acker gepflanzt und nützt zugleich als Viehfutter. Ganz schön listig.

Ist die Bio-Landwirtschaft eine Weiterentwicklung der traditionellen?

Nicht immer, für viele Bauern ist zum Beispiel das Kompostieren neu. Aber oft wird – auch von Wissenschaftlern – auf Traditionen zurückgegriffen. Bei der Zai-Methode etwa bauen Farmer im Sahel Hirse wieder wie früher in kleinen Kuhlen an, die die Flüssigkeit halten.

Die bahnbrechende Untersuchung von Pretty und Hine ist inzwischen 10 Jahre alt. Warum hält sich unter Landwirten in Europa und auch unter Agrarwissenschaftlern das Vorurteil, mit Bio könne man die Welt nicht ernähren?

Bio heißt vor allem: Vielfalt. Doch bei uns herrschen nicht nur auf dem Acker Monokulturen vor, sondern auch im Denken.

Bücher und Links

Busse, TanjaBusse, Tanja:
Die Ernährungsdiktatur: Warum wir nicht länger essen dürfen, was uns die Industrie auftischt.
Blessing, 2010, 336 Seiten, 16,95 Euro

Bommert, WilfriedBommert, Wilfried:
Kein Brot für die Welt – Die Zukunft der Welternährung.
Riemann, 2009, 351 Seiten, 19,95 Euro

Ziegler, JeanZiegler, Jean:
Wie kommt der Hunger in die Welt? Ein Gespräch mit meinem Sohn.
Goldmann Verlag, 2002, 176 Seiten, 8,00 Euro

www.weltagrarbericht.de
Die Ergebnisse des IAASTD-Berichts, der ersten weltumspannenden Untersuchung zur Zukunft der Landwirtschaft. Dort kann man auch eine 42
Seiten starke Zusammenfassung bestellen.

www.fairer-agrarhandel.de
Homepage der freien Journalistin Marita Wiggerthale. Ihr Anspruch ist es, „globale Zusammenhänge aufzudecken und Perspektiven für einen gerechten Welt(agrar)handel aufzuzeigen“.

www.agrardebatte.de
beschäftigt sich mit der Zukunft der Landwirtschaft in einer gerechten, nachhaltigen Gesellschaft; arbeitet unabhängig, kritisch und im Bestreben, Hintergründe, Interessen und Triebkräfte zum Thema Landwirtschaft darzustellen; ermöglicht Überblick über aktuelle Entwicklungen und Diskussionen; macht durch Verlinkung auf einzelne Blogs tiefer gehende Informationen verfügbar.

www.weltwirtschaft-und- entwicklung.org
ist ein aktueller Fachinformationsdienst für Globalisierung, Nord-Süd-Politik und internationale Ökologie.

www.fluter.de/de/85/heft/8226/
Sehr bewegendes Interview mit dem UN-Ernährungsexperten und Buchautor Jean Ziegler.

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Leon
Überlebenswichtig für Mensch und Erde! Als Koch für vegetarische Küche sind die aufgeführten Argumente für eine nachhaltige Produktion, aus gesundheitlichen, ethisch-moralischen und globalökologischen Gründe, genau die Gründe warum ich mich zu dieser tätigkeit entschloss, und es ist notwendig die Missstände beim Namen zu nennen und zu ändern.



«Nichts wird die Gesundheit des Menschen und die Chancen auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung.»

(Albert Einstein)
Isabell Riedl
Bio kann uns ernähren. Hier eine Zusammenfassung vieler Studien, die das belegen: http://blog.wernerlampert.com/2013/12/bio-vs-konventionell/
Petra Anderson
Ein äußerst eindringlicher,informativer Bericht, der einen guten Gesamteindruck auf dem Welternährungsmarkt gibt und neugierig macht auf das ganze Buch!

Ich habe den Bericht jedenfalls heute schon auf FACEBOOK gepostet!



Mein Tipp: Am besten gleich bei Online-Reportagen das F-Symbol unten mit angeben...