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„Jetzt geht's  erst richtig los!“

Der Widerstand gegen Atomkraftwerke wächst. Immer mehr Menschen beteiligen sich online und auf der Straße. Jochen Stay organisiert den Widerstand mit. In Schrot&Korn erzählt der Vollzeitaktivist, was ihn antreibt.

Jochen Stay

Hat Sie die Entscheidung der Regierung, die Laufzeit von Atomkraftwerken so massiv zu verlängern, überrascht?

In Wirklichkeit sind es weit mehr als 12 Jahre, weil im Gesetz Stromkontingente stehen, nicht Restlaufzeiten; eine von vielen Tricksereien in der Atompolitik. Überrascht war ich schon, dass Frau Merkel von allen möglichen die extremste Variante gewählt hat und alle 17 AKWs weiterbetreiben möchte. Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen …

Die Regierung sagt: „Wir unterstützen damit die regenerativen Energien, es ist eine Revolution!“

Es ist das Gegenteil von einer Revolution, weil es so weitergeht wie bisher. Die alten großen Anlagen verstopfen für mehr als ein Jahrzehnt weiter das Netz.

Der Widerstand wächst. Hätten Sie damit gerechnet?

Eigentlich sollte die Entscheidung der Regierung zur Laufzeitverlängerung der AKWs erst am 28. September fallen. Sie kam aber drei Wochen früher. Trotzdem haben wir an unserer Großdemo am 18. September in Berlin festgehalten. Ich hätte nie gedacht, dass da 100 000 Menschen zusammenkommen. Aber noch erstaunlicher als die Zahl war die kraftvolle und kämpferische Stimmung an diesem Tag. Viele sind voll neuer Energie nach Hause gefahren und engagieren sich jetzt vor Ort weiter.

Was kann denn jetzt noch erreicht werden?

Um etwas zu bewegen, ist es wichtig, dass das, was wir seit dem Regierungsbeschluss erleben, weitergeht: Bei ausgestrahlt melden sich viele neue Leute, die sagen: „Wir wollen etwas dagegen machen!“ Wir gehen davon aus, dass es eine Auseinandersetzung um jedes einzelne AKW geben wird. Wie ist es beispielsweise mit Brunsbüttel und Krümmel, die beide seit drei Jahren stillliegen. Gehen die wieder ans Netz? Oder kann man Vattenfall so unter Druck setzen, dass das nicht passiert? Was passiert rund um die Landtagswahl im März in Baden-Württemberg? Wie hoch werden am Ende die Sicherheitskriterien für die AKWs ausfallen?

Jochen Stay

Politisch aktiv …
… ist Jochen Stay seit seinem 15. Lebensjahr; zuerst in der Evangelischen Jugend, dann Anfang der 80er-Jahre in der Friedensbewegung in Mutlangen, wo US-Atomraketen stationiert waren, und in Wackersdorf, wo eine Wiederaufbereitungsanlage für abgebrannte Atombrennstäbe verhindert wurde. Nach dem Super-GAU in Tschernobyl organisierte Stay Blockaden gegen Atomtransporte. Jochen Stay ist Vollzeitaktivist und finanziert sich ausschließlich von Spenden.

www.bewegungsarbeiter.de

IWer sind die Verbündeten?

Vielen Leuten ist klar geworden, dass sie das nicht wollen, was da beschlossen wurde. Ganze Wirtschaftszweige, die Stadtwerke, die Gewerkschaften, die Kirchen, die Branche rund um erneuerbare Energien – alle sagen, was da beschlossen wurde, ist so schädlich, dass wir uns weiter dagegen wehren werden. Der Streit ist mit der Entscheidung nicht beendet; eigentlich geht er erst richtig los.

Wie wichtig war der Brief von Industriellen wie Bahlsen, Henkel und Bertelsmann, die sich in Anzeigen für Atomkraft ausgesprochen haben?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich frage mich, warum die so in die Öffentlichkeit gegangen sind. Ich nehme mal an, dass diese Herren durchaus die Möglichkeit haben, mit der Kanzlerin direkt zu sprechen. Das Spannendste daran war für mich, dass von 30 DAX-Unternehmen nur neun unterschrieben haben. Ich bin mir sicher, sie haben alle gefragt. Warum haben VW und andere Autokonzerne, warum hat Siemens als Reaktorbauer nicht unterschrieben?

Welche Rolle spielt Nobert Röttgen? Er müsste als Umweltminis­ter doch auf die Sicherheitsstandards der AKWs achten.

Ja, er ist der zuständige Minister. Er hat vor der Entscheidung gesagt, dass eigentlich alle AKWs auf den Sicherheitsstand der drei neuesten gebracht werden müssten. Damit hat er im Grunde gesagt: „Die sind unsicher, so wie sie sind.“ Aber ihre Laufzeit wird verlängert; ohne Sicherheitsauflagen.

Hat die Bundesregierung Sicherheit gegen Geld aufgegeben?

So wie es sich gerade darstellt, ja. Natürlich! Und das ist ein Skandal!

Welches Ziel hat die Anti-AKW-Bewegung?

Wir wollen, dass die Atomkraftwerke stillgelegt werden. Denn die, die weg sind, die kommen nicht wieder. Das ist nach dem Atomgesetz nicht möglich. Die müssen dann einen neuen Antrag stellen. Und weil sie in puncto Sicherheit nicht auf dem neuesten Stand sind, könnten sie keine neue Genehmigung erhalten. Deswegen ist jedes AKW draußen, das jetzt stillgelegt wird. Im Moment sieht es so aus, als ob kein einziges stillgelegt wird. Die Bundesregierung setzt weiter auf Atomkraft, ohne Kompromisse.

„ausgestrahlt“ ist eine neue Organisation. Wie arbeitet ihr?

Es gibt in diesem Land ganz viele Atomkraftgegner und -gegnerinnen, die nicht organisiert sind. Aber sie sind durchaus bereit, etwas zu machen, wenn sie Angebote bekommen. Wir geben Informationen, wir geben Argumente, wir denken uns Aktionen aus, die die Leute machen können. Das kann manchmal nur ein Klick im Internet sein, das kann aber eben auch eine große Demo sein. Wir haben vor zwei Jahren mit dreieinhalb, dreitausend Adressen angefangen, jetzt sind wir bei vierzigtausend. Was aktuell geplant ist, kann man im Internet unter www.ausgestrahlt.de nachlesen.

Gibt es eigentlich ein Konkurrenzdenken zwischen den Anti-AKW-Organisationen? Oder arbeitet man zusammen?

Wir arbeiten intensiv und vertrauensvoll zusammen, sonst wären Großdemonstrationen überhaupt nicht zu organisieren. Das funktioniert deshalb so gut, weil sich die Schlüsselpersonen schon ewig kennen und schätzen. Trotzdem gibt es natürlich auch eine gesunde Konkurrenz zwischen den Organisationen. Alle sind auf Spenden angewiesen, und da ist es wichtig, dass wir aufeinander Rücksicht nehmen.

Sie haben gesagt, der Widerstand geht jetzt erst richtig los. Welches sind ganz konkret die nächsten Aktionen?

Die nächste Großdemonstration findet am 6. November im Wendland, in Dannenberg statt, weil dort in den Tagen darauf ein Castor-Transport nach Gorleben erwartet wird. Aus der ganzen Republik fahren Busse nach Dannenberg. Das ist eine angemeldete Veranstaltung für die ganze Familie. Und wer bleiben möchte, kann sich in den Tagen danach im zivilen Ungehorsam üben und sich an der großen gewaltfreien Sitzblockade „X-tausendmal quer“ auf der Straße in Gorleben beteiligen. Wenn viele Menschen daran teilnehmen, können wir der Regierung zeigen, dass sie mit ihrer radikalen Atompolitik nicht durchkommt.

Jochen Stay (l.) und Manfred Loosen

Im Ökozentrum Verden/Aller beantwortete Jochen Stay, Mit-Organisator des Anti-AKW-Protests und Sprecher von ausgestrahlt, Fragen von Schrot&Korn-Redakteur Manfred Loosen.

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