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Warum wir so träge sind

Was funktioniert besser im Zeichen des Klimawandels: Öko-Diktatur oder Demokratie? Oder keines von beiden? Prof. Dr. Harald Welzer sieht in der Demokratie generell mehr Potenzial. Doch es müsste sich einiges ändern.

Welche Gesellschaftsform kann den Klimawandel besser bewältigen: Demokratie oder eine autoritäre Regierung, die notfalls über die Köpfe der Bürger hinweg entscheiden kann?

Theoretisch ist die Demokratie im Vorteil, praktisch hat eine moderne Diktatur wie China in der Wirtschaftskrise nicht in Abwrackprämie und Wachstumsbeschleunigungsgesetz, sondern mehr in regenerative Energien investiert.

Warum ist die Diktatur unterlegen?

Typisch für eine Diktatur ist die zentrale Planung durch wenige Entscheider. Ein solches System ist zu unflexibel, um unter großem Veränderungsdruck zu steuern. Demokratie gilt als flexibler, fehlerfreundlicher, anpassungsfähiger. Von daher hat sie die höheren Potenziale, den Klimawandel zu bewältigen.

Ist das autoritäre Regime China anpassungsfähiger als die Theorie erlaubt?

China hat eine erstaunliche Geschmeidigkeit darin bewiesen, die Unzufriedenheit der Bevölkerung immer wieder aufzufangen und das System punktuell zu reformieren. Auf der anderen Seite bietet Demokratie Freiheiten und Qualitäten, die einer Diktatur abgehen und die Menschen überall anstreben und zu schätzen wissen. Man lebt ja nicht vom Brot allein.

Welche Demokratien scheinen Ihnen gute Beispiele für die Bewältigung des Klimawandels?

Die skandinavischen Staaten und die Schweiz haben zum Beispiel die besseren Nahverkehrssysteme und eine insgesamt engagiertere Klimapolitik.

Professor Harald WelzerProfessor Harald Welzer …
… erforschte als Sozial­psy­chologe, warum in Diktaturen manchne Menschen zu Henkern oder Mitläufern und manche zu Helden werden. Seine Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen individuellen Verhaltens wendet er nun auf die Frage an, wie es kommt, dass wir in Anbetracht des Klimawandels so träge sind.
www.memory-research.de

Das sind nicht gerade die bevölkerungsreichen Staaten und auch nicht die mit der durchschnittlichen Industriestruktur und Verschuldung etwa der USA oder der großen europäischen Demokratien. Warum klappt es dort nicht?

Erstens: Die Interessen von Wirtschaft und professioneller Politik sind auf kurzfristige Erfolge fixiert, die langfristigen Gewinnen oder der langfristigen Schadensabwehr im Weg stehen. Zweitens: Wir leisten uns kulturelle Fetische und Tabus, wie die Wikinger, die als Auswanderer in Grönland keinen Fisch essen aber ihre Rinderzucht und ihren kostspieligen Kirchenbau beibehalten wollten – und deswegen scheiterten. Im Gegensatz zu den Inuit, die sich in einer ähnlichen Umgebung besser anpassten. Ein solcher Fetisch ist in unserer Kultur zum Beispiel die Mobilität durch Autos, die uns unverhältnismäßig viel kosten – wirtschaftlich, hin­sichtlich Lebensqualität und ökologisch. Drittens: Wegen einer Trägheit, die sich in Strukturen ebenso findet wie im Verhalten einzelner.

Wie könnte man diese Mechanismen durchbrechen?

Durch eine bessere Partizipation der Bürger und eine aktivere Bürgergesellschaft.

Mir scheint, dafür stehen die Zeichen nicht gut. Stichwort: Politikverdrossenheit.

Es gibt in den Demokratien in der Tat eine zunehmende Entpolitisierung der Bevölkerung parallel zur Professionalisierung und Abgehobenheit der Politik. Das führt dazu, dass Bürger immer weniger das Gefühl von Einfluss haben und sich ins Private zurückziehen.

Deswegen regen Sie in Ihrem Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ eine APO 2.0 an, eine neue außerparlamentarische Opposition. Gleichzeitig wundern Sie sich, dass es keine nennenswerten Jugendproteste gibt in Anbetracht dessen, dass die Zukunft dieser Jugend ausverkauft wird …

Tatsächlich haben Menschen unter Zwanzig ja keinerlei Erfahrung mit Straßenprotest, die müssen das erst lernen. Mein Sohn ist im Bildungsstreik das erste Mal auf die Straße gegangen und hat eine Kreuzung blockiert. Das fand er toll. Der Protest wird und muss sowieso nicht nur von unten kommen, sondern auch von den Deutungseliten in Wirtschaft, Medien, Verwaltung. Und es gibt möglicherweise Allianzen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Ein Beispiel?

Zum Beispiel die evangelikalen Abtreibungsgegner in den USA, die nicht nur das ungeborene Leben schützen, sondern neuerdings auch den Planeten bewahren wollen. Normalerweise sind sie rechts außen, aber in Fragen des Klimawandels unterstützen sie jetzt Positionen der Demokratischen Partei.

Musterdemokraten oder Humanisten sind sie aber nicht gerade. In diesen Kreisen leugnet man noch immer die Evolution und stellt die Bibel über die Verfassung.

Dann nehmen wir den Autohersteller Volkswagen und den Öko-Strom-Anbieter Lichtblick, die zusammen 100 000 Blockheizkraftwerke in Wohnhäusern installieren wollen. Ich habe auf dem utopia-Kongress vor ein paar Monaten in Berlin viele Wirtschaftsvertreter getroffen, deren Unternehmen im Hinblick auf eine klimafreundliche Unternehmenskultur weiter sind als zum Beispiel jede Universitätsverwaltung. Natürlich müssen das noch viel mehr werden.

Das sind eher kleine Hoffnungen. Ist die Zwangsläufigkeit zu scheitern besser belegt als die Möglichkeit zur Transformation?

Ich will jedenfalls nicht in einer Diktatur leben und ich bin überzeugt, dass diese noch schlechter funktionieren würde im Hinblick auf die Herausforderungen des Klimawandels als die Demokratie. Vor allem, wenn wir die endlich wieder als eine begreifen, für die wir uns engagieren können und müssen. Totalitäre Regimes bevorzugen großtechnologische Lösungen. Die haben oft katastrophale Nebenwirkungen. Eine Vielfalt an kleinen Lösungen ist besser und das lässt sich nicht zentral planen.

Dann bleibt nur der Appell an jeden Einzelnen?

Aber als Mitglied einer aktiven Zivilgesellschaft. Etwas anderes haben wir nicht.

Was tun Sie denn selbst?

Ich habe meine Forschungsthemen darauf ausgerichtet und meine öffentliche Rolle als Wissenschaftler und Publizist. Erkenntnisse aus der Arbeit unseres Institutes gehen hier und da in die öffentliche Diskussion und die eine oder andere Politikerrede ein. Privat fahre ich schon immer Rad und Bahn und benutze das Auto praktisch nicht, obwohl ich als Autonarr gleich zwei Autos besitze. Die habe ich gewissermaßen dem Verkehr entzogen, indem ich sie nur pflege und nicht fahre.

Professor Harald Welzer

„Professor Welzers Bücher lesen sich spannend – die Thematik ist es auch!“, meint Autor Martin Fütterer.

Kommentare

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Felsenstein
Mir ist es bei diesem Interview mit Herrn Prof. Dr. Harald Welzer kalt den Rücken herunter gelaufen. Es werden Demokratie und Diktatur verglichen als seien sie Geschwister. Kein einziges Mal werden Menschenrechte und Freiheit tatsächlich thematisiert. Herr Welzer erklärt China plötzlich zum Vorbild, lässt aber die dort herrschende menschenrechtsverachtende Staatsdoktrin völlig aussen vor. Zumal China, was den Schutz der Umwelt betrifft, wirklich kein Vorbild ist. Auch wären evangelikalen Abtreibungsgegner für mich sicher keine Verbündeten. Nicht jeder Zweck heiligt alle Mittel und nicht jeder potentielle Verbündete ist jemand, mit dem man sich gemein machen sollte. Letztendlich sollte man sich immer vorher fragen, ob man die Geister, die man rufen möchte, auch wieder loswerden kann. Zudem betreibt Herr Welzer Geschichtsklittung. Die Wikinger haben ca. 550 Jahre lang in Grönland gesiedelt, haben dort Ackerbau betrieben, erst die Klimaverschlechterung zu Beginn der sogenannten "kleinen Eiszeit" haben die Lebensbedingungen dort so verschlechtert, dass die Siedlungen auf Grönland aufgegeben wurden. 550 Jahre Besiedelung würde ich nicht unbedingt als gescheitert betrachten. Passt es vielleicht nicht ins Weltbild des Herrn Welzer, dass sich das Klima auch unabhängig vom Menschen verändern kann. Herr Welzer zeigt für mich weder ein gesammtheitliches noch nachhaltiges Weltbild, sondern beweist einen recht extremen Tunnelblick, der alles Außenstehende außer acht lässt.Soetwas ist nicht zukunftsweisend, sondern, angesichts der Erfahrungen im 20 Jahrhunderts weltweit eher bedenklich.

Eine Gesellschaft lässt sich nie nur auf einen Standpunkt oder ein Ziel hin reduzieren, mag die Sache auch noch so gut erscheinen.